Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 19 (15.5.1908)
- Date
- 1908-05-15
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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die Möglichkeit dachte, daß sie sich auf einmal verändern würde, sobald er es ihr gesagt hatte, eine feindliche, kalte Miene aufsetzen würde, ja, ihn vielleicht gar nicht darüber zu Ende würde sprechea lassen, dann nach einem kurzen Moment des gezwungenen Beisammenseins fortginge, um nie wieder zurückzukehren und er dann allein bleiben und vor Scham zu Boden sinken würde, weil er es getan und sich so erniedrigt hatte...... Nein, so nicht........ Befreit von dem gegen die draußen herrschende Winterkälte schützenden Kleidungsstücke, fröhlich und unbeengt in der freien Entfaltung ihrer Stattlichkeit und in dem angenehmen Gefühle, sich im Schutze des Zimmers zu wissen, ging sie elastischen 'Schrittes an den Spiegel, stopfte ein loses, mutwilliges Löckchen zurück unter den Hut und drückte den Schildkröt-Kamm tiefer ein. ,Willst du lieber am Ofen oder hier am Tische sitzen?" frug hinter ihr Herr Wolff, mit einem bei dieser einfachen Frage ganz unangebrachten ernsten, spionierenden Gesichtsausdruck, während er nach dem Stuhl am Schranke schlürfte. -Oh," sagte sie, sich schnell umdrehend, „mach" nur keine Umstände." und rasch an ihm vorbeilaufend, ergriff sie den Stuhl, schob ihn an den Ofen, setzte sich und wärmte ihre Hände. (Schluß folgt) Aus meinem Notizbuch Ludovic Halevy, der Unsterbliche, einer der Vierzig der französischen Akademie, hat nach einer langen, beinahe zehnjährigen Krankheit im Alter von 74 Jahren das Zeitliche gesegnet. Einst, während des zweiten Kaiserreichs, stand dieser Mann im strahlenden Leben, das um ihn brandete und schäumte. Dort, wo sich in den literarischen Strömungen der Zeit die Wege kreuzten, wandelte er ruhig, einmal nach dieser, einmal nach der anderen Seite, immer mit großer, angeborener Anmut. Er hatte, wie sein Vater Leon, der so melancholisch dichtete, und wie sein Oheim Frommental- Halevy, der so süß-wehmütig komponierte, jüdischen „Chein", das pastoral-graziös-orientalische Wesen, das, mit Pariser Pikanterie vereint, eine neue Art von Humor schuf. Zusammen mit dem jüdischen Kantorsohne Jakob Ottenbach erschloß Ludovic Halevy eine Welt von Phantasie, Scherz, Empfindungen, politischer Satire, Schwänken und Launen, die der Zeit entsprachen und von denen viele, Meisterwerke in ihrer Art, sich noch lange erhalten werden. „Die schöne Helena" und „Orpheus in der Hölle", -Blaubart" und „Pariser Leben" und wie sie alle heißen, die früher die Angstmeier der Keuschheit so sehr'aufregten und die jetzt im Vergleich mit der Kabarettkunst und dem „Nu au Theätre" wie fromme Breviere erscheinen, dieses ganze Genre des zierlich neckischen, des sprunghaft launigen, fröhlichen Witzes war ein Geistesprodukt zweier Juden, an die sich Meilhac anschloß und mitwirkte. Ludovic Halevy war der Sproß einer jüdischen Künstlerfamilie, die schon lange sich zu assimilieren begonnen hatte. Leon Halevy war noch ganz Jude. Er hatte Ahnenstolz und rühmte sich, von Rabbinern abzustammen. Er oder seine Eltern schrieben noch hebräische Gedichte; Tatsache ist es, daß Ludovic solche Reliquien mit großer Ehrfurcht bewahrte. Daß dessen Bruder Frommental-Halevy, der Kompositeur der „Jüdin", jüdisch angehaucht war, bedarf kaum einer Erwähnung. Es waren typische Juden, die im Strudel der Nachemanzipationszeit, als die Wogen der Assimilation so hoch gingen, ein Stück Pietät für das Judentum noch herausgerettet hatten. Aber lange konnte das nicht dauern. Der alte Leon stirbt, und Ludovic beschreitet unter den günstig- -sten Auspizien seine schriftstellerische Laufbahn. Er gerät in ein hocharistokratisches Milieu, wird Beamter, dann Günstling und Mitarbeiter des Fürsten de Morny. Das Judentum, eine Reminiszenz, stört nicht; es wird übersprungen. Man erklärt sich als „librepenseur", und die Sache ist fertig. Was noch? Von jüdischem Nätionalsinn ist gar keine Ahnung vorhanden. Man schämt sich auch der Abstammung nicht, denn das wäre töricht, würde nichts nützen. Was schadet schließlich diese Vergangenheit, wenn man schon auf einen Vater wie Leon Halevy, und auf einen Oheim wie Halevi-Frommental zurückschauen kann? Waren ja schon auch die halb assimiliert — und mütterlicherseits wird Ludovic noch mehr assimiliert gewesen sein. Eine spezifisch französische Form des Schriftstellertums, die Assoziationsform, wird von Ludovic Halevy mit wunderbarem Talent kultiviert. Er dichtet für Musik oder er schreibt auch die Texte des Librettos gemeinschaftlich mit anderen. Offenbach-Meilhac- Halevy war ein Triumvirat, das lange, sehr lange den öffentlichen Geschmack, beinahe die öffentliche Meinung beherrschte. Es war eine Bacchanalie des Erfolges. Die Kritik konnte diesem Erfolge nichts anhaben. Mochte sie kalt und freudlos eine Stimmung zergrübeln und zergliedern? Dieser Erfolg war keine Mache; er rührte aus einer Stimmung her, aus einer Stimmung, die das Triumvirat geschaffen, oder die es feinfühlig herausempfunden hat Die deutlichste Note jenes Schaffens war die politische Parodie. Man lachte, man weinte vor Lachen; alles fand man in den Satiren, den Freund, den. Bruder, sich selbst. Es war jüdisches Genie. Denn der Witz ist eins der Merkmale des jüdischen Genies. Wie die tiefern Humoristen, war Ludovic Halevy kein Witzbold. Ernst und ruhig, außergewöhnlich gemessen und vornehm, ein „grand seigneur jusqu'aux ongles", verriet er im persönlichen Verkehr und auch in vielen Schriften absolut nichts von Witz, geschweige denn von Frivolität. Er war vielseitig. Der Humor war nur eine Seite seines Talents; es besaß aber noch viele andere Seiten. Nur eine Eigenschaft begleitete ihn überall: das Fein-Graziöse, die sanften Obergänge, der perlende Schimmer einer innerlichen Eleganz, die jüdischen Seelenreflexe eines leichten, überwundenen Weltschmerzes. Nach der Offenbachiade kam eine ernstere Periode. Ludovic Halevy dichtete nicht nur für Lecocq (Le Petit Duc), sondern auch für Bizet (Carmen). Er machte sich alsdann, selbständig und schrieb seinen „Monsieur et Madame Cardinal", seine „Criquette" und seinen „I'Abbe Constantin", reine, schmucke, ich möchte fast sagen, weiße Romane, graziös, korrekt, halb „bourgeois", halb „englisch", so harmlos und doch so tief künstlerisch! Man empfindet es, dieser Hal6vy ist ein Levite, ein Künstler! Er mochte ebensogut spielen wie schreiben, ebensogut malen wie spielen. Dieser Levite hing seine Harfe nicht an den Weiden der Flüsse Babylons. Er spielte an den Flüssen Babylons babylonische Weisen. Was in ihm als Ureigenes lebte, kam vielleicht gar nicht zur Geltung; oder man muß es herausfühlen. Vom Glück begünstigt, mit Ehren überschüttet, war Halevy ein guter, edler und vornehmer Mensch. Er war nicht wie viele der Assimilierten, — unruhig, zitternd und deshalb übertrieben. Er war in seinem Selbstbewußtsein und in seiner Position festgefügt, seine Beziehungen zu den Menschen und zu den Dingen waren bestimmt und gleichbleibend. Der richtige Akademiker! Für das Judentum starb er ohne Nachlaß. Ein neues Buch („Das Judentum am Scheidewege."). Ein Wort zur -Schicksalsfrage an die Starken und Edlen des jüdischen Volkes. Von Dr. Max Joseph^ Rabbiner in Stolp i. Pr., Berlin 1908. Verlag von M. Poppelauer) bereitete mir einige angenehme Stunden. Nach langem Grübeln und Dichten, nach langer, mühsamer Zerfaserung der Begriffe eines Systems, an dem man gearbeitet, gestrebt und schier alt geworden ist, bildet ein Buch,