Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 19 (15.5.1908)
- Date
- 1908-05-15
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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setzen Sie ihn nich auf 'n Ofen." Die Frau antwortete nicht, und er, sich wieder beruhigend, bedachte, daß es doch wirklich traurig für sie war, doch gleich wurde er wieder verdrießlich: sie bekam es doch ersetzt, Immer so viel Lärm um nichts....... „Na, na," sagte er, ironisch den Kopf schüttelnd, „lassen's sich man nich so sehr zu Herzen gehn, die Versicherung ist doch wohl gut dafür." „Ja," grunzte sie, „verbrannt am Ofen____ de Gesellschaft hat mich lieb." Und betrübt — „kaum haste was, geschieht dir 'n Schlamassel damit"... schlürfte sie aus dem Zimmer und schlug die Tür mit einem Krach hinter sich zu. „Nu," sprach Herr Wolf zu sich selbst, „was hat dir denn die Türe - getan?" Dann ergriff er den Kessel, goß etwas Wasser auf den Kaffee, zündete das Spiritusdochtchen an und ließ dann weiter das Wasser dünnstrahlig in den Filter laufen, von Zeit zu Zeit innehaltend, bis das aufgegossene - durchgelaufen war. Endlich fertig, stellte er den Kessel hinter den Ofen, holte aus dem Schranke eine porzellanene Kuchendose, weiß mit vergoldetem Rand und rings um den Knopf des Deckels mit Goldstrahlen versehen, und setzte sich dann wieder in den Lehnstuhl an den Tisch, legte sein Haupt hintenüber und schloß die Augen. Er würde nun sofort, wenn sie kam mit der Tür ins Haus fallen...... Nicht so verächtlich wie die Katz um den Brei herumgeht... oder erst die Fühlhörner mal ausstrecken........Ja, ja, oder nein, nein---- Und er fühlte es, daß sein Ersuchen um so bettelhaftiger undiverächtlicher scheinen würde, wenn man merkte, daß er sich davor schämte____ In seiner Einbildung sich selbst zunickend, verzog er Augenbrauen und Lippen : Ja, wenn de dich vor etwas schämst, und tust es doch, dann biste erst recht 'n miserabler Kerl____Und eigentlich war es doch wirklich nichts, worüber man sich zu schämen brauchte...... kann jemand dafür, daß er über die achtzig alt wird..... wieviel Menschen werden über die achtzig.....und wieder empfand er ein wohltuendes Mitleiden mit sich selbst, weil er sich beklagen durfte, achtzig Jahre alt geworden zu sein____ was für glückliche Menschen, die so wie er noch ziemlich gesund waren, ein Segen sein würde..... Unten ging die Klingel, und während sein Herz wild gegen seine Brust zu schlagen begann, verschwanden alle diese Gedanken vor dem wirklichen Jetzt. Er richtete sich aus seiner hinten herübergebeugten Lage auf und, mit unbewußter Heftigkeit die Hände ineinander kneifend, das Gesicht verziehend, den Körper aufschnellend und sich wieder hinsetzend, schlössen und öffneten sich seine Augen schnell in Verlegenheit und Angst vor dem nun unmittelbar Kommenden und vor dem mit Blitzesschnelle sein Gehirn durchkreuzenden Bewußtsein, nun keine Sekunde Zeit mehr zu haben,.....und daß es nun geschehen müßte..... Schnelle Schritte die Treppe herauf........ Mit weit geöffneten Nüstern, die aufgespreizten Augen totstarr auf die Türe gerichtet, die Lippen nach innen aufeinandergepreßt, bewegungslos, die sehnigen und blauadrigen Hände klauenartig um die Lehne des Sessels gekrallt, schien es ihm, als ob die" finstere, tiefe Angst alles Körperliche in ihm zum Stillstande gebracht habe, mit . Ausnahme des wildklopfenden Herzens, das ihn hohl und schwach sein ließ und ihm in seiner Einbildung den Körper links zu Boden zog. Und vor seinem geistigen Auge sah er deutlich, wie ihr fröhlich lachendes Gesichtchen, das er so gut kannte, bei seiner Bitte einen unfreundlichen, ablehnenden Ausdruck annehmen würde..... ihn tief verletzend..... Jetzt war sie an der Tür, .x... klopfte____ Der ihm jetzt wohl kaum zum Bewußtsein kommende, sondern mehr mechanisch auf ihn einwirkende Zwang des Vorsichgehenden ließ ihn aufstehn, „herein" rufen und ein paar Schritte in der Richtung nach der Tür zu machen. Da ging diese auf und er sah in ihr lachendes, von der Kälte draußen frisch gerötetes Gesicht unter dem vorn in die Höhe geklappten schwarzen Hut mit Federn, und als sie sich eben umdrehte, um die Tür zu schließen, war es ihm, als müßte er. die Gestalt in Pelz und Tuch mit seinen brennenden Augen durchbohren, um in ihrem Innersten eine geheime, nicht leicht zu entziffernde Schrift zu entdecken, in der es stand, was sie ihm antworten würde____ und welche Antwort er fiebernd zu erraten suchte.......und doch seine Augen dagegen verschloß....... Krampfhaft ballte er die linke Hand, den rechten Arm steif, unbeweglich zur Begrüßung ausgestreckt, und - während er zu lächeln vermeinte, zeigte sein Gesicht den gespannten, grimmig verzerrten Ausdruck eines "Menschen, der, verhöhnt, seinen Beleidiger nicht merken lassen will, wie sehr es ihn schmerzt, und deshalb mit bleichem Gesicht zu lachen versucht. Sie, sich umwendend, die großen, schwarzen Augen unter der breiten kaukasischen Stirne hervorleuchtend mit dünnen, schwarzen Brauen, an den unteren Augenlidern das schattige Fältchen, humoristischen Menschen eigen, die oben leicht nach unten gebogene, doch einstrebende Nase breit und freimütig, willensstark, der dünnlippige, breite Mund, der sich, die weißen Zähne zeigend, über dem starken Kinn zu einem Lächeln öffnete, die Schärfe des Kinns gemildert durch den sanft schwellenden Anfang des Halses, reichte ihm die behandschuhte Rechte, während sie die linke Hand mit dem durch die Nähte der einzelnen Fellchen regelmäßig durchquerten Nerzmuff gegen die Taille drückte, wo das Pelzbolero, voll, in dunklen Farbentönen, den Tuchrock mit seinem äußersten Rande überschattete. „Onkel," sagte sie, „geht es gut?" „Helene," antwortete er mit einem gezwungenen Lächeln, dann holte er tief Atem. Sie, wieder abgewandt von ihm, machte ein paar Schritte in der Richtung des Ofens. „Prächtig warm ist es hier," plauderte sie, indem sie aufgeräumt um sich schaute, „das tut meinem Herzen noch gut,.....komm, ich werd' meinen Mantel mal ausziehn . . . ." Und gleichzeitig nahm sie ihn auch schon ab. „Ich darf ihn doch hier in die Ecke über den Lehnstuhl hängen? frug sie, sich eben umsehend, und vorn herübergebogen, daß der Rücken ihrer seidenen Bluse im Lampenlichte erglänzte, spreizte sie ihn über den Lehnstuhl. „Sieh' so, nu noch den Muff dazu, und fertig sind wir." Er blieb miteinem drückenden Schamgefühl, als ob er eine Arglose in eine Falle gelockt hätte, sie anstarrend, unbeholfen stehn, wenn auch linkische und wieder zurückgedrängte Bewegungen vollführend, als wollte er zu ihr hingehn, um ihr behülflich zu sein, jedoch gefesselt würde durch den trotzigen Widerwillen gegen alles, was nur irgendwie den Gedanken erwecken könnte, er sei zu freundlich......ein erstickendes Gefühl schnürte ihm die Kehle zusammen, wenn er an'