Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 19 (15.5.1908)
- Date
- 1908-05-15
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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14 : DIE] £ELT : Nu. 19 Grund, Paul Sandor des Meineides zu beschuldigen. Polonyis Drohung blieb unausgeführt; daß er sie in die Tat umsetzen könnte, müssen wir ihm glauben. Brachte er doch das größte Wunder zustande: Geza Po Ion vi und zugleich . . . Justizminister zu sein! Eine antijüdische Hetze der Tat wäre aber nunmehr in Ungarn kein Wunder. Wir haben bereits über die Umwandlung der klerikalen Volkspartei in eine christlichsoziale Antisemitenpartei berichtet. Die „liberale" und patriotische Regierung zeigt keine Neigung, sich mit der zur Regierungsmaiorität gehörendenJVolkspartei der Juden wegen zu zerschlagen. Dies um so weniger, als die leitende Unabhängigkeitspartei einen ausgeprägt antisemitischen Flügel hat. Freilich hindert das nicht mehrere jüdische Abgeordnete, in der Achtundvierziger Partei ihren Patriotismus zu demonstrieren. In einigen Ministerien hat bereits das Prinzip der Judenreinheit der Staatsämter Eingang . gefunden, so im Ministerium für Unterricht und in dem des Innern. In den letzten Wochen wurden außerdem mehrere Tausende von Juden aus Budapest und dem Gebiete des ungarischen Staates ausgewiesen. Die politischen Verhältnisse der Juden entwickeln sich in Ungarn, trotz des Trennungsgeschreis, nach österreichischem Muster. Die Ironie der Geschichte wollte es, daß die extrem nationalistischen, hurrapatriotischen Parteien, denen die ungarischen Juden bishe bedingungslose Gefolgschaft leisteten, diese Wendung herbeigeführ haben. Wir dürfen uns jedoch noch immer der Hoffnung nicht hingeben, daß die symptomatischen Vorgänge die magyarischen Patrioten mosaischer Konfession zur Vernunft bringen werden. Die politische Wahrheit und Vernunft sind noch bei den ungarischen Juden nicht auf dem Marsche. Die Brünner Konferenz Sonntag den 10. d. M. fand in Brünn im Lokale des Vereins „Veritas" eine Konferenz der westösterreichischen zionistischen Distriktskomitees statt. Die letzte Reichskonferenz, die den Zusammenschluß der galizischen D.-K. zu einer autonomen Landesorganisation genehmigte, stellte es den westösterreichischen Distriktsorganisationen anheim, eine Landesorganisation für Westösterreich mit einem Landeskomitee an der Spitze zu gründen. Diese Organisationsfrage bildete den Gegenstand der Brünner Konferenz. Wir . behalten uns vor, über die Ergebnisse der Tagung eingehend zu berichten. FEUILLETON ABWÄRTS Skizze von M. H. VAN CAMPEN Autorisierte Obersetzung aus dem holländischen Manuskript „Ob ich geklopft habe, "wiederholte Herr Wolf, seinen Zorn hinunterschluckend, und er schaute nach der linken Wand, als ob da jemand stände, den er fragen wollte: „Was sagen Sie dazu?" Dann sie wieder ansehend-: „Ich glaub', ein Toter würde davon aufstehn." „Mein Gott, Herr, Sie wissen doch ganz gut, daß wenn die Fabrik hier nebenan Dampf ausläßt, man hier im Haus sein eigen Wort nicht verstehen kann ... ich tu's doch wahrhaftig nicht aus Mutwillen . . . Müssen Sie das Wasser schon haben?" „Ja, denn meine Nichte wird heute wohl kommen!" „O, Gott, 's ist wahr, Dienstag, ich werd' direkt 'n anders Kleid anziehen . . . ich hab gar nich mehr dran gedacht ..." Sie trat schnell wieder nach draußen und machte die Türe zu. „Wegen mir können Sie sich 'n seidenen Schmarren antun ..." sagte Herr Wolf, indem er verächtlich die Lippen rümpfte und die Brauen zusammenzog. Und während er sie die Treppen herunterschlürfen hörte, krabbelte er in seiner Hosentasche herum, ober wohl Streichhölzer bei sich hätte. Dann, sich errinnernd, schlug er sich mit der Hand vor die Stirn, in mitleidiger Unzufriedenheit mit sich selbst, pustete ein wenig die . Backen auf, kniff die Augen zu, um sie gleich wieder zu öffnen. „Was'n Kopp, kann ich noch mal in'n Schrank ... hab' ich den Zucker in meinem Rock stecken lassen." Und nachdem er die Tür aufgezogen, arbeitete sich sein kurzer Körper wieder keuchend zwischen den Kleidern hindurch. Endlich gelang es ihm, die innere Tasche seines Pelzes zu faßen . . . Nee, das sind die Zigarren . . na, die mal gleich mit raus . . . ja . . . breit und rund . . . fest zugedreht . . . das ist es ... He . . ." Er bekam einen Hustenanfall, und er ließ sich, nachdem der Anfall vorüber, pustend, die Augen voll Tränen, aus dem Schranke herausgleiten, schloß ihn, lief zu dem Glasschränkchen, wischte Augen und Brille mit seinem Taschentuche ab, [ließ den Zucker1*behutsam aus der grauen Düte in die Zuckerdose rinnen, legte die Düte fein säuberlich zusammen und verbarg diese in seiner hinteren Rocktasche. Wieder öffnete sich die Türe, und die Haushälterin, schlampig auf ausgetretenen Pantoffeln, im dünnen, schlodderigen Kattunrock, das schwarze Umschlagetuch jetzt lose über Kopf und Oberkörper hängend, daßdas rote Haar darunter über die Stirne flatterte, schlürfte, ein braunes Wasserkesselchen in der Hand, durch das Zimmer, lief nach dem Ofen und wollte den behelmten Aufsatz abnehmen „Was woll'n Se nu tun?" schrie Herr Wolf in zornigem Erstaunen. „____Auf'n Ofen setzen...'. was woll'n Se denn?".. frug sie mit märtyrerhafter Geduld. „Is es denn noch nicht heiß?" „Ob's noch nicht heiß ist____da,: der Dampf schlägt ja raus----aber Sie wollen doch jetzt noch keinen Kaffee aufbrühen." „Jawohl, geben Sie mal her." „Herrlich wird das schmecken, wenn Madam kommt.......Kaffee, der ein Jahr zuvor aufgebrüht ist .... ich lade mich dazu ein ... ." sagte sie in passivem Widerstand. „Dann gibt's nur einen Rat, daß Sie ihn nicht trinken ..... Hab' ich Sie überhaupt gefragt?" „Gott ja, Sie fragen mich schon was... der Herr Wolf mich . . . Kleinigkeit . . . Aber, mein Gott..." unterbrach sie sich selbst, schnalzend den Kessel auf den Grund setzend, „was schwelt das____sehn Se bloß, was 'ne Sünde, mein schönes Tuch.. so ein Loch im Zipfel von dem verflixten Ofen." Und wütend: „Sie haben auch immer so viel zu erzählen, daß man auf nichts anderes aufpassen kann----Wenn Sie sich über irgend etwas anderes geärgert haben, lassen Sie es an mir aus.." f |Und vorn herübergebeugt besah sie, nachdem sie das schwelende Feuer zwischen ihren Fingern erstickt hatte, mit verhaltner Wut das Loch und befühlte nervös den verbrannfen Rand. „Nun, was sagt man dazu!" schrie Herr Wolf, sie mit seinen wäßrigen Augen scharf und voll Wut fast durchbohrend, die schwülstigen Backen und die große Nase feuerrot. „Wo ich Ihnen gerade sage,