Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1908-05-15 · 19 (15.5.1908) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
19 (15.5.1908)
Date
1908-05-15
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316296-3316316--50621-3377914
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

No. 19 ■ DIE3 bemerkt, daß der Jude, der aus Rußland kommt, wenn er palästinensischen Boden betritt, sofort einen andern Blick und anderen Gesichtsausdruck bekommt. Wer jemals dem Gesang und Tanz der Jugend in einer Kolonie an einem Feiertage beigewohnt hat, der wird daran glauben. Kaum zwei Tage vorher wurde es bekannt, daß am 3. Ghol- Ha-Mod-Tage in Rechovoth ein Fest gefeiert wird; doch genfigte es. um von allen Ecken und Enden an diesem Tage Festeslustige nach Rechovoth zusammenströmen zu lassen. „Wer zählt die Völker, nennt die Namen!" Ringkämpfe, Wettrennen, Leibesübungen, Zielschießen und dergl. bildeten das Programm der — „Rechovother" Spiele auf dem schönen Hügel, auf dem im weiten Umkreise die zahlreichen Gäste sich lagerten. Freilich vermißte man noch bei diesem Spiel, wie bei ähnlichen festlichen Veranstaltungen, die schöne Form, ausgeprägten Stil, aber Lebenslust und jugendliche Heiterkeit sieht man hier. Auch Jaffa hatte seine Feiern. Im Beth-Malka, wo der erste Versuch gemacht wird, Kinder „le-Thora wela-Awoda" zu erziehen, wo sie neben schwerer Schlosserarbeit während des ganzen Tages noch einige Stunden für Unterricht in der Bibel und im Talmud finden, wurde die neue Arbeitsstätte eingeweiht. Das Hebräische Gymnasium veranstaltete ein Abschiedsfest für Herrn Moser, den Stifter eines neuen Schulgebäudes. Um das neue Schulhaus tobte ein Streit zwischen Petach Tikwah, Jaffa und Rischon. Jeder von diesen Orten wollte das Gymnasium bei sich haben. Endlich aber sah man doch überwiegend ein, daß man sich mit der jungen Anstalt nicht auf so gewagte Experimente, wie es die Verlegung nach einem andern Orte ist, einlassen darf, und beide Kolonien traten von ihren Forderungen zurück. Die Generalversammlung des Vereines „Hebräisches Gymnasium", die am 26. und 27. April stattfand, brauchte sich mit dieser Frage gar nicht mehr zu befassen. In einem ausführlichen Referate berichtete der. Direktor Metmann über die Entstehung und Entwicklung des Hebräischen Gymnasiums. Mit 17 Schülern in einem Privatzimmer wurde der Unterricht Succoth 5666 begonnen, die Einnahmen des ersten Jahres betrugen 6740 Frcs. Gegenwärtig zählt das Gymnasium über 100 Schüler, und der Jahresetat beträgt über 21000 Frcs. Um die Lehrer des Gymnasiums mit den neuesten Methoden auf dem Gebiete der Pädafogik in Westeuropa bekannt zu -machen, wurde beschlossen, jedes emester einen andern Lehrer nach einer größern Universitätsstadt zu entsenden. Für das nächste Sommersemester sollen der Turnlehrer und der Lehrer für Naturwissenschaften Dr. Metmann sich nach Berlin begeben. _^_ Wiener Brief (Von unserm Korrespondenten) Der Bundestag Die erste Reichskonferenz der jüdischen Gemeinden Österreichs ist das bedeutendste Ereignis des jüdischen Ciemeindelebens. Allein erst die Ergebnisse der Beratungen des eingesetzten Komitees werden zeigen, ob die Hoffnungen, die an den Bundestag geknüpft wurden, berechtigt sind. Zunächst blieb die Frage unerörtert, ob der Bundestag ein Judentag, eine jüdische Volksvertretung, oder eine konfessionelle Tagung, ein israelitisches Gegenstück zu den österreichischen Katholikentagen ist. Daß die Delegierten diese Frage nicht aufrollen wollten, ist ja begreiflich, — sie hätte die Tagung einfach unmöglich gemacht. Wird es aber dem Komitee gelingen, diese Klippe glücklich zu umschiffen? Der Bundestag kann eine historische Bedeutung erlangen, kann Bleibendes geschaffen haben, wenn es glücken sollte, ein Organisationsgebilde in die Welt zu setzen, einen jüdischen Gemeindebund, den alle jüdischen Angelegenheiten angehen, — die Erziehung der jüdischen Jugend, sowie sozialpolitische Maßnahmen zur Linderung der drückendsten Erscheinungen der Judennot, die Zusammenfassung der jüdischen Wohltätigkeitsinstitutionen zu einer einheitlichen Aktion sowohl wie die Durchführung von Maßnahmen, die durch das Auswanderungsproblem erforderlich erscheinen. Wird sich der „Bund" seiner staatsähnlichen Aufgaben bewußt dann wird er die Organisation werden, die uns der Verwirklichung der nationalen Autonomie, für Österreichs Judenheit am nächsten bringen kann. Denn das Verlangen nach nationaler Selbstverwaltung muß von den jüdischen Gemeinden ausgehen, um nicht wirkungslos zu verhallen. Die jüdischen Gemeindevertretungen wachsen über den offiziellen konfessionellen Rahmen hinaus. Durch die Erweiterung ihres Wirkungskreises lösen sie das Problem der Notwendigkeit einer jüdischen N a t i o n a 1 g e m e i n d e. Die staatlich anerkannte Autonomie des Bundes dieser Gemeinden wird die einzig mögliche Konsequenz der Entwicklung sein. So denken wir uns den mühsamen Weg zur nationalen Zusammenfassung des jüdischen Lebens. JKELT :' 13 Die Mehrheit des Komitees wird diesen Weg nicht betreten wollen. Ihre Ansichten sind, freilich undefinierbar. Die Majorität wünscht die Ausschaltung der Politik aus dem „Bunde". Wenn sie darunter den Streit um „deutschen Fortschritt", „polnischen Patriotismus" und Nationaljudentum meint, so hat sie wohl recht. Verzichtet sie jedoch überhaupt darauf, sich ein System der jüdischen Politik zurechtzulegen, sich darüber Klarheit zu verschaffen, wohin Österreichs Judenheit, zu einer Organisation vereinigt, steuern soll, dann wird der „Bund" ein blinder Passagier werden. Die Mehrheit äußerte aber noch einen bemerkenswerten Wunsch: sie begehrt die Ausschaltung auch aller religiösen Fragen aus der Kompetenz der Bundesorganisation. Die Sache klingt paradox: die Vertreter des konfessionellen Standpunkts verlangen, daß die Gesamtvertretung einer Glaubensgemeinschaft alle Glaubensangelegenheiten aus ihrem Tätigkeitsbereich grundsätzlich ausscheidet! Der Standpunkt ist widerspruchsvoll, wenn er nicht widersinnig ist. Die unvermeidlichen inneren Reibungen lassen uns befürchten, daß die Ergebnisse seiner Arbeiten die hochgespannten Erwartungen nicht erfüllen werden. Es kann freilich gelingen, eine Organisationsform, von allem Prinzipiellen abstrahiert, zu entwerfen. Eine Frage wird aber auch in den toten Paragraphen des Statuts klipp und klar beantwortet werden müssen, — das Verhältnis des „Bundes" zu den Einzelgemeinden. Die einzelnen Kulturgemeinden legten schon frühzeitig großen Eifer an den Tag in der Verteidigung ihrer angeblich bedrohten Autonomie. Soll aber der „Bund" nicht ein Konglomerat, ein Haufe von Einzelgemeinden bleiben, sondern eine Organisation höherer-Ordnung, eine Kollektivkörperschaft werden, dann ist dieses erstrebenswerte Ziel nur durch weise Selbstbeschränkung, durch Verzichtleistung der Einzelgemeinden auf bestimmte Rechte zugunsten der höheren Instanz, des Gemeindebundes, zu erreichen. Sollte die Bundesleitung eine beratende Körperschaft der Regierung sowohl wie den Gemeinden gegenüber sein, so ist sie wertlos. Der Judenrat muß eine exekutive Gewalt besitzen. Das größte Hindernis, die Kultusgemeinden zu bewegen, ihre Bedenken inbezug auf ihre Autonomie fallen zu lassen, bildet die Wahlrechtsfrage. Die Forderung des allgemeinen gleichen Wahlrechts stieß schon auf diesem Bundestage auf heftigen Widerstand. Die Herren deutschfortschrittlicher Couleur, die sich für das gleiche Reichsratswahlrecht begeistern — Herr Dr. Rosenbacher war freilich offenherziger: er meinte, das Kurienparlament wäre anständiger gewesen als das Volkshaus —, sind weniger radikal in ihrem Wirkungskreis. Es wurden am Bundestag Herrenhausreden gegen das allgemeine Wahlrecht gehalten. Die Verfechter dieses demokratischen Prinzips, die österreichischen Zionisten, haben eine wichtige Aufgabe zu erfüllen. Den wahlrechtsfreundlichen Reden am Bundestag muß die Tat folgen. Die Zionisten eroberten bereits einige Kultusgemeinden in Galizien und der Bukowina. Die Verwirklichung der zionistischen Wahlrechtsforderung wird den Beweis erbringen, daß die Furcht vor „dem Sprung ins Dunkle" unbegründet ist. Jede Verzögerung der Wahlreform in den Kultusstuben mit zionistischer Majorität ist geeignet, das Ansehen des Zionismus schwer zu schädigen. Der „Bund" wird aber nur dann eine jüdische Volksorganisation sein, wenn er aus allgemeinem Wahlrecht hervorgeht. Die Anerkennung der jüdischen Nationalität an der Wiener Universität Die Exekutive der jüdischen Studentenschaft Wiens brachte der Studentenversammlung von Samstag den 9. d. M. frohe Botschaft. Im Laufe der Woche empfing der Rektor zwei Abordnungen der jüdischen akademischen Korporationen, denen er die Mitteilung machte, daß das Professorenkollegium, ohne die Erledigung seitens. des Ministeriums abzuwarten, den jüdischen Studenten gestattet habe, im Nationale „jüdisch" als ihre Muttersprache anzugeben oder der Rubrik Muttersprache, falls die Umgangssprache nicht die jüdische ist, den Vermerk „jüdische Nationalität" beizufügen. Diese Nachricht wird nicht nur in Studentenkreisen mit hoher Genugtuung aufgenommen werden. Ein Kampf wurde siegreich zu Ende geführt, der ein Menschenalter dauert. Das Vorgehen des Rektors der führenden deutschen Universität des Reichs wird hoffentlich auch für andere Hochschulen vorbildlich werden. Ungarische Motive Der Abgeordnete Paul Sandor sagte im Prozeß Polonyi- Lenguel unter Eid aus, daß Polonyi ihm durch einen Mittelsmann gedroht hätte, einen Pogrom nach russischem Muster in Budapest zu inszenieren. Selbstredend leugnete Polonyi diese beeidete Zeugenaussage eines nicht unbedeutenden Politikers. Es kostete ihrr gar keine Oberwindung, zu beweisen, „daß er sich für das Judentum geradezu . . . geopfert hat". Wir haben aber keinen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.