Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1908-05-15 · 19 (15.5.1908) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
19 (15.5.1908)
Date
1908-05-15
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316296-3316316--50620-3377913
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Schriftsteller, ein Schüler des Akademikers Bunjakowski, der sich diesen Fragen widmete und ein Werk geschrieben hat, das nicht leichtfertiges Material, wie die Angaben des Abgeordneten Samylowski, sondern eine gründliche und wissenschaftliche Bearbeitung dieses Gegenstandes enthält. (Rufe rechts: „Wer ist das, wessen Buch?") Das Buch des Herrn Rabbinowitsch! (Lachen.) Sie lachen, weil er ein Jude war? Gewiß, meine Herren, dieser Mann beschränkte sich nicht auf das Geschwätz, auf das sich die Herren Samyslowski und seinesgleichen beschränken. Er hat den Nachweis" erbracht, daß man jährlich 2381 jüdische Rekruten über die rechtmäßige Zahl ausgehoben hat. Er hat in klarer Weise mit unerschütterlicher mathematischer Gewißheit nachgewiesen, daß die Juden sich nicht nur dem Militärdienste nicht entziehen, sondern daß sie trotz ihrer schweren Lage im Militär und trotz der vollständigen Aussichtslosigkeit ihrer Karriere ein höheres Kontingent als die Nichtjuden liefern. Wenn sie dies tun, so tun sie es, weil sie mit Rußland verknüpft sind, weil sie Rußland lieben, und wenn sie Rußland verlassen, so verlassen sie es nur deshalb, weil sie die Not zwingt, weil sie die Rechtlosigkeit hinaustreibt und weil ihnen die Pogrome das Leben unsicher machen. Die Angriffe, die Sie gegen "die Juden richten, indem Sie sie beschuldigen, daß sie die russische Armee korrumpieren, sind ganz unbegründet. Die russische Armee ist bis jetzt fast intakt geblieben, nicht, weil sich die Juden in ihr befinden, sondern weil der russische Soldat, sowohl der Jude wie der Nichtjude, immer pflichttreu geblieben ist. Und gab es solche, die ihrer Pflicht untreu geworden sind, so ist der russische Soldat daran nicht schuld, sondern diejenigen, die ihn leiten. Man sagt, die Juden brächten den Revolutionsgeist in die Armee hinein. Abgeordneter Purischkewitsch behauptete, daß revolutionäre Aufrufe in großen Massen zu den Soldaten gebracht und von jüdischen Soldaten verteilt werden sollen. Nun, das ist eben eine Behauptung des Herrn Purischkewitsch, und ich bin auch nicht einmal in der Lage, diese Behauptung, die so ganz aus der Luft gegriffen ist, zu widerlegen. Aber es wurde ja schon nachgewiesen, wie sich die Juden auf dem Schlachtfeld Mandschuriens verhielten. Wenn Sie ernstlich die Frage, die Ihnen vorliegt, erwägen, können Sie nur zu einer Schlußfolgerung gelangen, nämlich der, daß Sie diese Frage nicht von der richtigen Seite angefaßt haben. Es soHte sich nicht darum handeln, die Juden von der Armee abzuschneiden und sie aller Rechte zu berauben, sondern Sie müßten diese Frage ganz anders stellen, — geben Sie den Juden die Rechte, die ihnen als russischen Bürgern gebühren, dann können Sie sicher sein, daß sie ebenso tüchtige Vaterlandverteidiger wie in andern Ländern sein werden. (Beifall links.) Kapustin: Es ist tief beschämend, die Reden zu hören, daß Juden, Polen oder wer es auch sei, imstande seien, unsere Armee zu verderben. Ist die Armee nicht imstande, einem feindlichen unpatriotischen Einflüsse wirksamen Trotz zu bieten? Sind unter den Nichtrussen staatsfeindliche Strömungen vorhanden, desto schlimmer ist es für sie selbst, und wollen sie, wirklich durch Tatsachen die Angriffe entkräften, — sie mögen Vielleicht auch recht haben, — so sollen sie es auch tun und ihre patriotische Gesinnung an den Tag legen, wie sie so viele andere, man kann sagen Unterdrückte, an den Tag legten. Es geht nicht, zu sagen, — gebt uns dies, und wir werden euch jenes geben. Das wäre ein "Kontrakt, ein Kauf- und Verkaufvertrag. Der Staat kann auf solche Kontrakte nicht eingehen. (Beifall rechts.) Obraszow: Es ist bekannt, daß die revolutionäre Agitation von der jüdischen Intelligenz und vom jüdischen Kapital geleilet wird. Die Frage wegen der Ausdehnung jüdischer Rechte wird jetzt aufgerollt. Das junge russische Parlament (Lachen links und Rufe: Oho!) müßte sich gegenwärtig halten, daß, so oft in den ausländischen Parlamenten irgendeine Partei Jüdische Gleichberechtigung anregt, der Umstand allgemein bekannt wird, daß diese politische Partei von Juden gekauft ist. (Lachen.) Woronin findet, daß man es dem Leichtsinn Samyslowskis zu verdanken hat, daß aus der Frage wegen des Kontingents der Aushebung ganz unerwarteterweise eine Judenfrage konstruiert worden ist. Abgeordneter Samyslowski möge noch so geschickt mit Ziffern operieren, eines wird er nie beweisen können, nämlich daß ein Jude kein Mensch sei und daß er nicht auf alle Menschenrechte wie jeder andere Anspruch erheben darf. Wenn in dieser .hohen Versammlueg Stimmen für die Einführung einer neuen Sklaverei hörbar werden, so ist es ja kein Wunder, daß in Hornel und in Kischinew noch viel ärgere Stimmen hörbar geworden sind. (Rufe ausdem Zentrum „Genug!") Geistlicher Golinecz behauptet, daß die Ziffern Samyslowskis nicht widerlegt worden sind. (Rufe: „Sie sind ja hundertmal widerlegt worden!") KIopo,towitsch: Wir brauchen keine Juden in der Armee! Wir brauchen sie auch nicht in Rußland! Sie haben Milliarden, vielleicht werden sie diese Milliarden lieber ihren Glaubensgenossen geben, anstatt die russische Revolution zu unterstützen. Von Angerep möchte nicht abgedroschene Anekdoten und unreife Urteile in die Diskussion hineinbringen. Er findet es nicht für richtig, daß man diese oder jene Nationalität unbegründeterweise brandmarkt; er findet es auch nicht überzeugend, daß die Verteidiger auf der linken Seite mit unerwiesenen Ziffern operieren. Zweifellos besteht die Tatsache eines Rekrutenmangels seitens der Juden. Diese Erscheinung hat ihre tiefen Ursachen, die man untersuchen und beseitigen muß. Aber es wäre sinnlos, die Juden deshalb vom Militärdienst überhaupt zu befreien. (BeifalL) Timoschkin findet, daß die Juden sich für den Militärdienst nicht eignen, und daß in dem Armeeteile, in dem er ehemals diente, nämlich in der Artillerie, drei Juden waren und kein einziger seinen Pflichten Genüge leistete. (Lachen links.) Redner schließt, die Duma müsse entscheiden „weg mit den Juden aus der Armee". Erklärung der Arbeitergruppe Dziubinski gibt folgende Erklärung ab: Die Arbeitergruppe steht auf dem Standpunkt, daß sämtliche Bürger und sämtliche Nationalitäten Rußlands die gleichen Pflichten und* die glejchen Rechte im Staate haben müssen. Die Gruppe ist ferner zur Überzeugung gelangt, daß die Angaben wegen des Sichfernhaltens der Juden vom Militärdienst äußerst übertrieben und unbegründet sind, daß im Gegenteil diese Nationalität, ungeachtet der für sie besonders beschwerlichen Bedingungen des Dienstes und trotz der quälenden und ungerechten Schikanen, denen sie unterworfen ist, jährlich regelmäßig für die Verteidigung des Landes Zehntausende ihrer jungen Leute liefert, die gleich allen dem Vaterland ihre Kräfte, irrre Gesundheit und ihr Leben widmen, was sie besonders im Laufe des letzten japanischen Krieges bewiesen haben. Nachdem die Arbeitergruppe sich mit aller Gewißheit überzeugt hat, daß die verbreitete Legende über den Widerwillen und die Nachlässigkeit der Juden dem Militärdienste gegenüber vollständig irrig ist beschließt sie, daß keinerlei Anlaß vorhanden sei, um die Juden vom Militärdienst zu entfernen. Sie erblickt in diesem Vorhaben ausschließlich ein tendenziöses Bestreben seitens eines gewissen Teiles der Dumamitglieder, eine ganze Nationalität in unverdienter Weise zu beleidigen und sie in den Augen der Bevölkerung zu erniedrigen und protestiert daher gegen diesen Antrag, der einer hohen staatlichen Körperschaft unwürdig ist. Sie schlägt vor, den Antrag als unannehmbar zurückzuweisen und mit aller Entschiedenheit abzulehnen. Abgeordneter Friedmann wiederholt in anderer Form die Ausführungen der früheren liberalen Redner, erklärt die Unrichtigkeit der statistischen Daten, deren sich Samyslowski bediente und berührt bei dieser Gelegenheit die Judenfrage im allgemeinen. Daraufhin zieht der Antragsteller seine Vorlage wegen der Ausschließung der Juden aus der Armee freiwillig zurück, so daß über diesen Antrag gar nicht abgestimmt wird; Brief aus Palästina (Von unserm Berichterstatter) Feiertagsstimmung „Adar Scheni" hat um einen ganzen Monat länger auf das Pessachfest warten lassen, auf die frohe Begrüßung des Frühlings, der in voller Pracht in Erez-Israel Einzug hielt. Eine frohe Wanderlust kennzeichnet die Feiertagsstimmung; man zieht nach den Kolonien und von den Kolonien nach den Städten, von Galiläa nach Judäa und umgekehrt, um mit ferner wohnenden Freunden und an noch nicht .bekannten Teilen des Landes sich zu freuen. Diese Lust am Wandern bei den jungen Juden Palästinas ist eines der erfreulichen Merkmale frischen Lebensdranges und ein Gegenstück zum traurigen Wanderzwang des "Juden im Golus. Wir kennen unsern Ahasver mit dem Wanderstab in der Hand, mit trostlosen, vor Verzweiflung starren Augen, der von -Ort zu Ort wild gehetzt wird, wie ihn unsere Künstler in vielen Gestalten uns sehen ließen und wie ihn das Leben uns in allen Nuancen alltäglich vorführt. Es gibt noch zwei Typen des wandernden Juden im Golus: der flinke, jüdische Kaufmann, der Geschäftsreisende, der viele Länder und Menschen gesehen, und der jüdische Bourgeois, der das Reisen wie jeden andern modernen Sport mitmacht Beide huschen an den vielen Ländern vorbei und treten in kein inneres Verhältnis zur Natur; sie erleben so ebensowenig wie der sein Leben lang in der Lernstube eingesperrte Jude oder der all seine Tage in der engen Gaß verbringende jüdische Krämer, die niemals auf grünem Felde freie Luft mit voller Brust eingeatmet haben. Diese Aussöhnung mit der Natur tritt jetzt im lustigen Wandern der palästinensischen Jugend zum Vorschein. Es wird allgemein

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.