Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 19 (15.5.1908)
- Date
- 1908-05-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Ja, meine Herren, ich könnte Ihnen viele Tatsachen zitieren, um Ihnen zu beweisen, daß es auch in den russischen Feldzügen Juden gab, die das Georgskreuz erhalten und in rühmlicher Weise ihre Pflicht erfüllt haben (Bewegung rechts), aber ich will Ihnen etwas anderes sagen (Lärm): Wenn Sie wollen, daß jeder Soldat in der Armee seine Pflicht erfüllen soll (Lärm), daß er ohne Verzagen seine Gesundheit und sein Leben auf dem Altar des Vaterlandes opfern soll, ist es notwendig, daß er überzeugt sei, daß man ihn wegen seiner Abstammung nicht beleidigen und verhöhnen wird, und es - ist auch notwendig, daß er wisse, daß, während er sein Blut für das Vaterland vergießt, in diesem Vaterlande seine Familienangehörigen nicht den furchtbarsten Angriffen und der rücksichtslosesten Drangsalierung zum Opfer fallen. (Bravo, lang anhaltender Betfall links.) Unser Land wurde von einem schweren Geschick betroffen, und wir sind so tief gesunken, weil wir den Nationalhaß entfacht haben, weil wir das Recht verleugnen, weil wir Rußland in privilegierte und unprivilegierte Völker geteilt haben. (Graf Bobrinski II: In Warschau hat man Rußland geteilt!) Nur wenn wir diesen Weg verlassen, und nur wenn wir in jedem russischen Büiger einen uns in Rechten und Pflichten gleichgestellten Menschen erblicken, wird es uns möglich sein, Rußland zu erneuern, und nur auf diesem Wege werden Sie eine mächtige und eines großen Landes würdige Armee schaffen. Einen andern Weg gibt es nicht. (Bravorufe und Beifall, Purischkewitsch ruft: Judenpatron, Zischen rechts.) Vorsitzender ruft Purischkewitsch zur Ordnung und sagt: Jede Beleidigung gegen ein einzelnes Mitglied der Duma ist zugleich eine Beleidigung der Gesamtheit (BeifalL anhaltende Bravorufe). Polowzow: Das, was Abgeordneter Roditschew über dfe Juden in den westeuropäischen Armeen mitgeteilt hat, beweist gerade das Gegenteil davon, was er zu beweisen versuchte, nämlich, daß es gut wäre, die Juden in die russische Armee nicht aufzunehmen. In England und in Italien gibt es wohl jüdische Offiziere, aber der Wert dieser Armeen hat sich ja bei den abessinischen und transvaalischen Feldzügen gezeigt. Die deutsche Armee hingegen besitzt keine jüdischen Offiziere, und ich hoffe, daß es auch in der russischen Armee nie zu einer Avancierung jüdischer Soldaten kommen wird. Wir müssen uns an den Kriegsminister mit der Bitte wenden, unsere Armee dem Verderben nicht preiszugeben und keine Elemente zuzulassen, die eine korrumpierende Wirkung ausüben könnten. Pergament erklärt, daß es unsinnig wäre, ,von einem korrumpierenden Einfluß jener Elemente zu sprechen, die sich dem Militärdienst entzogen haben, die Frage des jüdischen Militärdienstes zerfällt also logischerweise in zwei Teile: in die Frage wegen der fehlenden Soldaten einerseits und in die Frage wegen der Eigenschaft der vorhandenen Soldaten anderseits. Wenn die politische Weisheit des Herrn Samyslowski, der den .Antrag wegen der Ausschließung der Juden aus der Armee gestellt hat, für das achtzehnte Jahrhundert passen würde, so paßt die Art, wie er mit der Statistik umgeht, vielleicht kaum in den Anfang des zwölften Jahrhunderts. Vergleicht man das Zahlenverhältnis der zur Aushebung gerufenen Juden mit dem Zahlenverhältnis der zur Aushebung nicht erschienenen, so stellt sich ein großer Mangel an jüdischen Rekruten dar. Man vergißt aber dabei ein anderes Zahlenverhältnis, und das ist das wichtigste' und entscheidendste. Die Quantität der zur Aushebung Berufenen ist ja eine abstrakte Ziffer. Um richtig zu bestimmen, ob die Juden in einer rechtmäßigen oder unrechtmäßigen Proportion zum Militärdienst' herangezogen werden, muß man das Prozentverhältnis der Juden zu der allgemeinen Bevölkerungszahl genau feststellen, und schon Abgeordneter Samyslowski selbst hat ja zugegeben, daß die Juden in einem ihr Verhältnis stark übertreffenden Quantum zur Aushebung berufen werden. Wenn Sie z. B. den angeblichen Rekrutenmangel auf Seiten der Juden für das Jahr 1906 genau untersuchen, so sehen Sie, daß man eigentlich nur das Recht hatte, 50240 jüdische Rekruten auszuheben, in Wirklichkeit aber verlangte man von den Juden 64000 Rekruten. Es ist also kein Wunder, daß 10000 fehlten, im Gegenteil, es besteht in der Wirklichkeit kein Mangel, sondern man" hat 4000 Rekruten von den Juden zuviel, ausgehoben. Erwägen Sie die Ziffern für 1907, so werden Sie ganz dasselbe feststellen können. Der Grund für diesen Obelstand liegt in der Tatsache, daß die polizeiliche Gesetzgebung ganz andere Regeln für die Aushebung der Juden als für die der Nichtjuden aufstellt Als die Bedingungen wegen der allgemeinen Militärpflicht veröffentlicht worden sind, befand sich die jüdische Bevölkerung in einem vollständigen -Wirrwarr bezüglich der Matrikeleinschreibung. Deshalb ist es auch kein Wunder, daß im Laufe der ersten 10 Jahre nach deren Einführung, solange die Matrikulierung der Juden nicht in Ordnung gebracht worden war, sich ein Ziffernmaterial angesammelt hat, das nicht den wirklichen Verhältnissen, sondern' ganz falschen willkürlichen Angaben entsprach. Das Bestreben, sich dem Militärdienst zu entziehen, ist kein ausschließliches Merkmal der jüdischen Bevölkerung. Es ist ein Obel, dem man in allen Bevölkerungsklassen und in allen Teilen der russischen Monarchie begegnet nnd gegen das man überall in entsprechender Weise ankämpfen muß. Würde ich versuchen, Ihnen hier Gutachten aus der allgemeinen Literatur über die Ausdauer und die Tapferkeit der jüdischen Soldaten anzuführen, so würde ich wahrscheinlich einem Mißtrauen und einem skeptischen Lächeln Ihrerseits begegnen. Aber gestatten Sie mir, ein Gutachten des Oberbefehlshabers, des Großfürsten, zu zitieren, das im Regierungsblatt vom 6. Dezember 1875 Nr. 271 gedruckt war, gestatten Sie mir auch das Gutachten des Regierungsanzeigers vom 6. Januar 1881 zu erwähnen und zum Schlüsse das Gutachten Kuropatkins, das im militärischen Sammelbuch vom Jahre 1883 Nr. 7 veröffentlicht worden ist, und Sie werden sehen, daß diese Autoritäten, deren Aufrichtigkeit, Sachkenntnis und Unparteilichkeit niemand bezweifeln wird, die Tüchtigkeit der jüdischen Soldaten in beredter Weise bestätigen (Ruf: „Wir brauchen Kuropatkin nicht!"). Es wäre interessant, den Abgeordneten Samyslowski zu befragen, ob er das Zahlenverhältnis der Kategorie der vom Militärdienst befreiten Nichtjuden und der Juden dieser Kategorie kennt? Wenn er es nicht weiß, so werde ich ihm mitteilen, daß auf nichtjüdischer Seite 23°'o, auf jüdischer Seite hingegen kaum 9"/o befreit worden sind, und auch von diesen 9 " o wurden in der Folge manche noch zum Militärdienst herangezogen. Und spricht man über die Unzulänglichkeit der jüdischen Rekrutenaushebung, so darf man doch die Auswanderung nicht außeracht lassen. Vergleichen Sie doch die Auswanderungsziffer der Emigranten, die nach Amerika und anderen Ländern gehen, und Sie werden sehen, daß diese Zahlen nach blutigen Krawallen und Massakres sich immer in jeiner aufsteigenden Linie befanden. Ich werde mir erlauben, noch eine Frage zu stellen: Warum sind Juden, die doch psychisch und physisch sich voneinander nicht unterscheiden, in anderen Ländern so tüchtig als Soldaten, und warum könnten sie es bei uns nicht ebenfalls sein? Ich möchte noch andere Ziffern zitieren. Ich möchte noch auf den Rechenschaftsbericht des Staatskanzlers Fürst Hardenberg hinweisen. Er sagt, daß die Gesuche der in die freiwilligen Regimenter eintretenden Juden während der Kriegszeit die Zahl der freiwilligen Nichtjuden während der Friedenszeit bei weitem übertraf. Stellen Sie doch diese Menschen in richtige Bedingungen, und Sie werden •sehen, daß das, was man im Westen Europas erreicht hat, auch bei uns zu erreichen ist. Es ist Zeit, zur Einsicht zu gelangen und zu begreifen, wie recht einer unserer hervorragendsten Staatsmänner der letzten Zeit hatte, wenn er behauptete, daß die russische Gesetzgebung wegen der Juden älter als die jüdische Frage sei, in dem Sinne, daß sie nur denjenigen Nutzen bringe, die im Trüben fischen und die für .ihre Instinkte üppige Nahrung in dem Kot der jüdischen Rechtlosigkeit finden. (Ruf rechts: „Wer hat das gesagt?") Minister Tolstoi! (Lärm, Lachen.) Es ist Zeit, einzusehen, daß die Ideale, die wirklich dem Herzen des russischen Volkes teuer und lieb sind, nicht mit jenen Idealen zu verwechseln sind, die unter dem Gesichtspunkte des Menschenhasses hier jetzt verkündigt werden! Es ist Zeit, einzusehen, — und nicht nur vom Standpunkte dieser Ideale, sondern auch vom Standpunkte der allgemeinen Nützlichkeit, — daß ein gesundes Staatswesen nie auf dem Boden der Rechtlosigkeit erblühen kann! Wollen Sie das Leben reorganisieren, wollen Sie neue Bedingungen schaffen, wollen Sie gewisse Resultate erreichen, und sei es auchfür den Kriegsfall, so. müssen .Sie einsehen, daß das Ergebnis efhes kriegerischen Zusammenstoßes ein Resultat zweier Kulturen ist und daß auch im Krieg die höher kultivierte Nation den Sieg davontragen muß. Und die Hauptbedingung der Kultur ist die Gleichberechtigung und der ungeschmälerte Rechtsschutz für alle Nationalitäten, Religionen und Bevölkerungsklassen. Es ist die höchste Zeit, diese Wahrheit einmal zu begreifen, und ich bin sicher, daß, wenn das russische Volk die Fesseln der Gewalt und der Willkür von sich abwerfen und auf den Weg der Vergangenheit zurückschauen wird, um die Namen der Männer zu suchen, denen es seine Unabhängigkeit und sein Glück zu verdanken hat, ihm dann sein Gewissen sagen wird, wer das Gute erstrebt und wer es ins Verderben stürzen wollte. (Stürmischer Beifall.) Nekludow wendet sich gegen Roditschew und sagt: „Wenn die Juden wirklich physisch so schwach sind, so ist es ja auch für sie besser, daß man sie-vom Militärdienst befreit. (Rufe: Er verdreht ja vollständig die Worte Roditschews.) Nisselowitsch findet, daß die Frage wegen des jüdischen Militärdienstes in der Polemik lange verwirrt und mißbraucht worden ist, daß sich aber ein Historiker fand, ein seinerzeit bekannter