Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 19 (15.5.1908)
- Date
- 1908-05-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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unpassend, diesen Vorschlag im gegenwärtigen Momente der Duma vorzulegen. Nach der unter den Kabinettsmitgliedern herrschenden Ansicht soll die Duma es vermeiden, die Judenfrage oberflächlich zu behandeln, und so lange warten bis dieses wichtige, staatliche Problem einer gründlichen Prüfung unterworfen werden wird. Eine oberflächliche Lösung einzelner Teile der Judenfrage wird als unpassend betrachtet, und zwar aus dem Grunde, weil man in den Regierungskreisen noch keine allgemeinen Prinzipien und bestimmten Direktiven zur künftigen Lösung der Judenfrage festgestellt hat. Die Bearbeitung dieser Prinzipien wird gänzlich von den Bedingungen und Stimmungen, welche im Momente der Behandlung dieser Frage herrschen werden, abhängig. Da man aber jetzt diese Stimmungen und Bedingungen schwerlich voraussehen kann, so ist die Regierung gegen eine teilweise Behandlung der Judenfrage. Nur Fürst Wasiltschikoff erachtet es, wie allgemein behauptet wird, für möglich, die Juden aus dem Militärdienste auszuschließen. Schon lange stellte er den Antrag, das rumänische Gesetz, wo bekanntlich die Juden für Ausländer erklärt werden, auf die Juden anzuwenden. Doch alle Kabinettsmitglieder erklärten sich gegen diesen Antrag. Einige von ihnen erklärten offen, daß die Judenfrage nicht in der Weise gelöst werden wird, wie es. die Regierung wohl sehen möchte, sondern nach der Meinung der Dumamajorität. Wie es auch sein wird, die Regierung wird sich „neutral" verhalten, und sollte sie den Beschluß irgendwie beeinflussen, so nur in diesem Sinne, daß sie ein gewisses Maximum der Besserung der Lage der Juden nicht überschreiten lassen wird. Interessant sind die Ansichten von Gutschkow und Chomjakow über die Judenfrage. Gutschkow, wie bekannt, der Leader der Oktobristen, hat sich in einem Interview mit einem Mitarbeiter der „Posslednija Nowosti" folgenderweise über die Zulassung der Juden zum Militärdienste ausgesprochen. „Das Projekt über die Nichtzulassung der Juden zum Militärdienst hat wie bereits die Kommission festgestellt hat, drei Ursachen: 1. das feindliche Verhältnis der Juden zum Militärdienste und seine systematische Vermeidung, 2. ergab sich während des letzten Krieges, daß die Juden mit Ausnahme einiger Fälle keine Kampfeskraft repräsentieren, und 3. während der russischen Revolution haben sie die Rolle der ersten Agitatoren im Militär gespielt." Nach seiner Meinung wird die Duma die Regierung veranlassen, ein Projekt zu verfassen, das darauf gerichtet sein wird, die Juden vom Militärdienste nicht ganz zu beseitigen, sondern die Zulassung durch gewisse neue Vorschriften, zu regulieren. Im großen und ganzen ist die Stimmung der russischen Gesellschaft keine für die Juden günstige, und sie wird natürlicherweise ihren Widerhall in der Duma finden. Die Judenfrage ist gegenwärtig viel weiter von einer günstigen Lösung im Sinne der Gleichberechtigung entfernt als vor dem Jahre 1905. Selbstverständlich sind sowohl die Regierung wie die Duma geneigt, gewisse Beschränkungen abzuschaffen, die eine Besserung der ökonomischen und rechtlichen Lage der Juden bringen könnten; doch ist es noch nicht an der Zeit, eine radikale Lösung der Judenfrage vorzunehmen. Nach Gutschkows Meinung wird die Regierung in dieser Angelegenheit viel liberaler verfahren als die Duma. Chomjakow, der Dumapräsident, erklärte ebenfalls die Behandlung der Judenfrage in der jetzigen Session für vorzeitig und sogar schädlich. Wie „ uns aus Petersburg mitgeteilt wird, haben für das Projekt der Beseitigung der Juden vom Militärdienste bei seiner Behandlung im Ministerkabinett Kokowzeff und Wasiltschikoff gesprochen. Gegen das Projekt sollen in der Duma Roditschew und Prof. Kapustin auftreten. Spezialbericht über die Judendebatte in der russischen Reichsdumä Bekanntlich hat eine Gruppe der russischen extrem-konservativen Abgeordneten in der Duma eine Vorlage wegen der Ausschließung der Juden aus dem Militärdienst eingebracht. Unser Berichterstatter teilt uns den Inhalt der diesbezüglichen Debatte folgendermaßen mit: Die Rede Roditschews Roditschew: Man darf bei keiner Staatsangelegenheit sich wegen eines vermeintlichen Parteiinteresses vom* Prinzip des Rechts und der Gerechtigkeit lossagen. Abgeordneter Krupenskj meint, es sei überhaupt nicht notwendig, Juden im Militär dienen zu lassen. Jawohl, um wirklich in dieser Beziehung das Recht gelten zu lassen, dürfte man keine kranken Juden in den Militärdienst aufnehmen. (Beifall links, Bewegung und Lärm rechts.) Die Judenfrage inbezug auf die Militärpflicht ist eine ganz neue Erfindung, auf die wir kaum stolz sein können. Im Leibeigenschaftsstaate waren die Juden aller Rechte beraubt und sie erhielten sie gewöhnlich erst gleichzeitig mit der Befreiung der Leibeigenen, zuweilen auch etwas später. (Bewegung.) Es ist selbstverständlich, daß, um der Ungerechtigkeit ein Ende zu machen, es notwendig ist (Rufe aus dem Zentrum: aus der Kadettenpartei auszutreten), sich zu der Ungerechtigkeit zu bekennen und die Vorurteile, die in dieser Beziehung existieren, endgültig zu zerstreuen. Würden die Scharfmacher sich die Frage stellen, warum die Zahl der fehlenden jüdischen Soldaten von 2000' im .Jahre 1904 auf 10 000 in den nächsten Jahren gestiegen ist und würden sie gleichzeitig die Zahlen der jüdischen Auswanderung untersuchen, so wäre es ihnen leicht, zu begreifen, welchen Gründen diese Steigerung zuzuschreiben ist. Im Jahre 1904 wanderten 78 000 Juden aus, und seit jenem Jahre steigt die Zahl der Auswanderer immer mehr und erreicht schon jetzt die runde Zahl von 100 000. Der Vorredner hat auf den Umstand aufmerksam gemacht, daß die Zahl der fehlenden Rekruten am allergrößten in den Grenzdistrikten sei. Nun, das ist ja leicht verständlich, da dort die Auswanderung am stärksten ist, und da nicht nur die Juden, sondern auch die Nichtjuden in großen Massen auswandern und dadurch einen großen Teil des Rekrutenkontingents ausfallen lassen. Krupenski sagte „solange man die Juden nicht von anderen Beschränkungen, die sie betroffen, befreien würde, sei es ungerecht, von ihnen die Erfüllung der Militärpflicht zu fordern". Nun kann man aber diese Ungerechtigkeit beseitigen. Keine Pflichten ohne Rechte. Gebt den Juden Rechte, und ihr werdet die Ungerechtigkeit beseitigen, (Beifall) die Logik der Ungerechtigkeit bezüglich der Juden fuhrt tatsächlich zum Verfall des Landes. (Rufe: Oho! Lachen.) Ganz so wie das höhnische JLachen über die Gerechtigkeit das Schwinden des Rechtsgefühls beweist so beweist es auch das Schwinden des gesunden Menschenverstandes. (Beifall links, Zischen rechts.) Diese Beweisgründe sind ja so alt wie die Welt, und wir haben die Erfahrung des westlichen Europas, daß überall, wo ein normales Staatswesen existiert, die Juden die Bürgerrechte genießen und zum Militärdienst ganz so wie die andern herbeigezogen werden. (Rufe: „Dreyfus!") Die gesunden jüdischen Soldaten bei uns sind ebenso tüchtig wie ihre Stammesgenossen in andern europäischen Ländern. Sie erfüllen ihre Pflichten gewissenhaft. (Lachen.) Sie lachen wieder! (Rufe „Jawohl".) In der Marine dienen bei uns keine Juden, sie konnten also auch keine Propaganda für die Revolution dort machen. (Rufe „der Wiborger Aufruf".) Die Juden haben also auch Tsushima nicht vorbereitet, es war ja dort kein einziger Jude. (Stürmischer Beifall links, Zischen rechts.) Redner zitiert lange Listen mit Namen jüdischer Offiziere in den ausländischen Armeen und sagt unter anderm: Ich werde Sie wohl durch die Mitteilung, die ich Ihnen jetzt machen werde, in Schrecken versetzen (Lärm). Generalleutnant Ottolenghi, der gewesene Kriegsminister und militärische Erzieher des Königs von Italien, war ein Jude (Lachen.) (Graf Bobrinski: Warum freuen Sie sich?) Polowzow: Oberall die verdammten Juden! (Rufe: Und in Deutschland?) (Wiederholte Rufe: Wir fragten wegen Deutschland!) Roditschew: Ich werde Ihnen gleich Zahlen über Deutschland vorlesen. Polowzow: War nicht Bismarck zufällig ein Jude? Roditschew: Vor mir liegt eine Liste,* die die Namen von 1101 jüdischen Gemeinden enthält, deren -Mitglieder sich an dem Feldzug 1870 71 beteiligt haben. Ferner besitze ich hier eine Namenliste von 448 jüdischen Soldaten, die in diesem Feldzug gefallen oder verwundet worden sind. (Rufe: Und Offiziere?) Die Zahl der jüdischen Soldaten, die mit dem eisernen Kreuz ... Graf Bobrinski unterbricht: Welche Statistik jüdischen Übermuts! Roditschew: In Preußen stellte sich das Zahlenverhältnis der jüdischen zu sämtlichen Soldaten auf 1,51 Prozent, und im Jahre 1893 betrug es bereits 3,8 Prozent. (Ruf: Und Offiziere?) Vorsitzender: Ich bitte, den Redner nicht zu unterbrechen. Roditschew: Bezüglich der Offiziere' existiert in Preußen kein Gesetz, das die- Ernennung jüdischer Offiziere verhindern würde, aber in der Praxis — (Lärm). Jawohl, dort gibt's Antisemiten genug, und Bismarck verhielt sich zu ihnen seinerzeit ehrerbietig. Er sagte, der Antisemitismus sei der Sozialismus unvernünftiger Leute. (Lachen, Bravorufe, Beifall links.) Ich äußere mich viel milder, Bismarck hatte es in einer viel derberen Weise ausgedrückt. Bei uns ist der Antisemitismus der" Patriotismus der unvernünftigen Leute. (Beifall links, Bravorufe.)