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Die Welt · 1908-05-15 · 19 (15.5.1908) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
19 (15.5.1908)
Date
1908-05-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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logischer, die Judenfrage bei der Behandlung der Regierungsvorlage wegen der Gewissensfreiheit zu behandeln, — namentlich bei jenem Teile der Vorlage, der die Abschaffung der Beschränkungen für die Bekenner gewisser Religionen oder die Mitglieder gewisser Nationalitäten berührt. Und auch bei der Frage der Unverletzbarkeit der Person, für die auch eine Regierungsvorlage in Bereitschaft gehalten wird, würde sich das Problem, richtiger das Absurdum, der Existenz eines Ansiedelungsrayons mit aller Gewalt der Logik zur Erörterung aufdrängen. Aber gegen alle Erwartungen brach die Judendebatte schon jetzt wie ein Gewitter los. Kein Prophet konnte voraussehen, bei welcher Frage diese Debatte entfesselt werden sollte. Bei der Aushebungsfrage, bei der Bestimmung des Rekrutenkontingents! Der Blitz, der diesen Brand entfacht hat, war ein wahnwitziges Projekt der Rechten, die Juden vom Militärdienst zu befreien! Die „Nowoje Wremja", mit der die Extrem - Rechten einen illegitimen Verkehr pflegen, widmete der Frage des jüdischen Militärdienstes drei lange Aufsätze. Im ersten dieser Aufsätze wurden die offiziellen Ziffern der „Niedobori" (der fehlenden Rekruten) angeführt und die Rechnungen der Judaisierenden" Zeitungen, die festgestellt haben, daß die Zahl der Juden in der russischen Armee verhältnismäßig größer ist als die Zahl der Nichtjuden, einfach als „unbegreiflich" erklärt. Im zweiten Aufsatze führt Herr Menschikow den Nachweis, daß unter den 18 000 Juden, die im Laufe des letzten Krieges dienten, 12 000 in japanische Gefangenschaft geraten und die übrigen desertiert oder sich en arriere der Armee zurückgezogen haben. Außerdem habe ja schon der ägyptische Pharao gesagt: „Wenn ein Krieg ausbrechen wird, so wird auch es (Israel) sich mit unseren Feinden vereinigen und gegen uns rüsten und aus dem Lande ziehen." (In der „Nowoje- Wremja" wurde die pharaonische Sentenz mit Kursivschrift gedruckt.) — Im dritten Aufsatz gibt der Verfasser schon zu, daß die Behauptungen der „judaisierenden" Zeitungen richtig sind, aber für die „Nowoje Wremja" seien sie noch ungenügend. Woher weiß Herr Menschikow, daß von 18 000 jüdischen Soldaten im russisch-japanischen Feldzug 12 000 gefangen und die übrigen desertiert haben? Wahrscheinlich aus dem Archiv der „Nowoje Wremja". Nicht 18 000, sondern 40 000 Juden waren im russisch-japanischen Feldzug, und nicht 12 000, sondern 1793 Juden gerieten in Gefangenschaft. Die erste Ziffer ist offiziell russisch, die letzte — offiziell japanisch. Um diese klägliche Verdrehung und Entstellung, die sich Herr Menschikow zuschulden kommen ließ, einigermaßen zu verschleiern, sprang ihm ein Kollege, Herr Wim, bei, der im dritten Aufsatze, sich dümmer stellend, als er ist zugab, die Zahl der gefangenen Juden könnte vielleicht geringer sein, aber — hier kommt die elende Gemeinheit der schlauen Verdrehungskunst! — die Juden konnten gar nicht dazu gelangen, in Gefangenschaft zu geraten, da doch die Gefangennahme einen harten Kampf voraussetzt Das ist die Unverschämtheit der „eisernen Stirn"! Einen Tag zuvor waren es 12 000 jüdische Gefangene; hat man aber den Zifferndieb in flagranti ergriffen, so wird mit einem Male das Laster der Gefangenschaft in eine heroische Tugend umgewandelt Der zweite Sachverständige der „Nowoje Wremja" für jüdische Militärangelegenheiten hat diese Frage offenbar etwas genauer als Herr Menschikow studiert. Er gesteht, daß die „judaisierenden" Zeitungen recht hatten, indem sie behaupteten, daß die Juden in einem größeren Verhältnis als die Nichtjuden zum Militärdienst herbeigezogen werden. So z. B. betrug die allgemeine Anzahl der Aushebung im Jahre 1903 320832, darunter 18908, d. h. 5,9 Prozent Juden, während sich doch das Zahlenverhältnis der Juden zu der allgemeinen Bevölkerung wie 4,1 Prozent darstellt Wie ist diese Anomalie zu erklären? Weshalb verlangt man von den vielgeschmähten, rechtlosen Juden mehr Rekruten als von den andern? Es ist doch nicht anzunehmen, daß die Zahl der jungen Leute im militärpflichtigen Alter unter den Juden verhältnismäßig größer sei als unter den Nichtjuden. Die Statistik beweist das Gegenteil: keine Bevölkerungsklasse weist ein so großes Oberwiegen der Frauen und eine so hohe Zahl der Kinder, wie die jüdische auf. Die „Nowoje Wremja" entdeckt einen neuen Anhaltspunkt für eine ominöse Beschuldigung. Infolge der schlechten und nachlässigen Matrikelführung unter den Juden werden längst verstorbene Personen zum Militär gerufen. Aber wer außer der Regierung ist an dieser Unordnung schuld? Ist ja die jüdische Bevölkerung in Rußland so gefesselt und entmündigt, daß sie absolut keine Organisation für sich schaffen kann. Die Matrikelführung befindet sich in den Händen der Regierung, und die Juden haben unter diesem Mißstande nur zu leiden. — Aber die Juden sind faule Soldaten; wir brauchen solche Soldaten nicht — sagen die Rechten. „Es wäre nicht verwunderlich," — erwidert-die „Rjetsch", — „würden sich die Juden wirklich mit Widerwillen zu einem Dienst verhalten; bei dem sie als Parias behandelt werden, und wären sie wirklich schlechte Soldaten. Daraus würde nur folgern, daß es notwendig wäre, den jüdischen Soldaten seinem nichtjüdischen Kameraden gleichzustellen. Tatsächlich aber sind die Juden, wenn man unparteiischen Sachverständigen Glauben schenken soll, bei weitem keine so schlechten Soldaten, wie sie die „Nowoje Wremja" schildert Abgesehen von den bekannten Anekdoten über vereinzelte Heldentaten können wir uns auf die allgemeine Charakteristik berufen, die General Kuropatkin im „Wojennyj Sbornik" (Militär-Sammelbuch) vom Jahre 1883 (Nr. 7, S. 50), bezüglich der Aufführung jüdischer Soldaten während des russisch-türkischen Feldzuges geliefert hat „Sowohl die Tataren wie die Juden —, schreibt General Kuropatkin — bewiesen, daß sie ebenso heldenmutig zu fechten und sterben vermögen," wie alle anderen russischen Soldaten." „Ein ähnliches Gutachten hat General Zerpizki über die Juden während des letzten Feldzuges abgegeben." „Eine unwillkürliche Komik steckt auch in dem Umstände, daß der beständige Kriegskorrespondent einer großen russischen Zeitung seinerzeit über die Juden im russisch-japanischen Krieg geschrieben hat: Was man alles über die angebliche Feigheit der Juden nachplappert! Indessen zeigten sich im Laufe des gegenwärtigen Feldzuges nicht wenige von ihnen als vorzügliche, tapfere und tüchtige Soldaten!. Eine große Zahl wurden mit dem Georgskreuze geschmückt, manche haben es sogar bis auf drei Kreuze gebracht, und letztere wurden nicht von der Obrigkeit sondern von der Kompagnie selbst zuerkannt! Und wie liebten die Soldaten ihre jüdischen Kameraden! Auch die Offiziere konnten sie gar nicht satt loben ..." Das schrieb der bekannte Kriegskorrespondent, Herr Taburno, und das druckte dieselbe „Nowoje Wremja", die jetzt ins Schreckhorn bläst man solle nur um Gotteswillen die Juden, „die für den Militärdienst ganz untauglich sind", aus der Armee ausschließen! Mögen die Psychologen — vielleicht die Psychopathen — diesen Widerspruch erklären, so gut sie es können. (H.) Der Antisemitismus in Finnland. In dem beschränkten, jetzt immer mehr sich einengenden Kreis, in den die neue Reaktion in Rußland das kleine Finnland bannt, könnte das kleine Volk, wenn es den Willen dazu hätte, doch die schmachvollen beschränkenden Gesetze gegen die Juden aufheben. Es könnte wenigstens zeigen, daß es sie aufheben will. Hat es ja schon seinen Landtag mit Liberalen, mit Sozialdemokraten und — der einzige in Europa — .mit Frauen! Und Fortschritt bedeutet doch Abschaffung der Sklaverei, des Drangsais, der Menschenunterschiede. So sind wir doch zu glauben gewohnt! Es war auch die Rede von Emanzipationsantragstellern, von Kommissionen usw. Wo sind sie? Das Dunkel hat sie verschlungen! Man könnte annehmen, es bleibt alles beim alten. Finnland ist zu schwach und zu vorsichtig: Beschränkung in allem, bescheidenes Leben, bescheidene Aussichten, man wandelt in ruhigen geglätteten Bahnen, man glaubte früher, die Befreiung sei gekommen, man träumte und dichtete, man empfand sich schon ganz selbständig; es war Täuschung, und man kehrt zum Alten zurück. Ob man sich noch einmal aufraffen wird, — die Lösung dieser Frage liegt im geheimnisvollen Nebel, in jenem nordischen Nebel, den kein Menschenauge durchdringt. Nun könnte es mit den Juden auch beim alten bleiben. Daß es noch gegen die Juden, gegen jenes kleine Häuflein rechtloser Juden eine Agitation geben könnte, würde man nach Menschenverstand für ausgeschlossen "halten. Aber — nil admirari! Eine antisemitische Partei hat sich in Finnland organisiert und einen regelrechten Kongreß einberufen, einen dröhnenden Kongreß! Mit Kanonen auf Sperlinge geschossen! Gegen die paar Juden, die dazu noch gar keine Menschenrechte haben, — ein Kongreß! Es war ein Werk der Handelsleute, die in den Juden eine düster an sie heranschleichende Konkurrenzgefahr erblicken. Aber es waren auch Volkslehrer dabei — und einige Schweden! Unter anderm erzählte ein Redner Räubergeschichten über den Talmud: Es war einmal ein Jude, ein Rabbiner, der hieß Talmud. Er lebte vor einigen hundert Jahren und schrieb .. . Gott, was er da alles schrieb! Man beschloß daher, den Landtag und den Senat zu ersuchen, auf die Judenbeschränkungen mehr zu achten, einer Ausbreitung der Juden vorzubeugen. Geschehen in der Mitte eines freiheitstrebenden Volkes, eines kleinen, tugendsamen, biedern und sittenstrengen Volkes, das die Härte der Gewalt an sich erfährt — im Jahre 1908! Dazu noch, wo die Juden in so homöopathischen Dosen verteilt sind, daß dieser Zustand als paradiesisch erscheinen mußte. —

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