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Die Welt · 1908-05-15 · 19 (15.5.1908) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
19 (15.5.1908)
Date
1908-05-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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blutleer und bleichsüchtig verkleinern und verknöchern, sondern in vielgestaltender Kraft, in großem Stil, nach allen Geistesrichtungen, mit wachsender Kraft tragen und fördern werden. Deshalb müssen wir alles Jüdische lernen und lehren und alles, was noch von Kraft, von Talent, von Volkstümlichkeit leuchtet und blüht, um uns scharen und vereinigen. Trotz des größten Verfalls sind die Elemente des Lebens und der Zukunft noch vorhanden. Sie regen sich manchmal mächtig auch außerhalb des Zionismus, und sie untergraben die Assimilation, ohne daß es die Bekenner dieser Doktrin fühlen. Hierin liegt eben die Kraft des nationalen Gedankens. Die Einhelligkeit des Abstammungsbewußtseins, womit im Judentum ein schöpferischer Gedanke durchgeführt zu sein scheint, kann, so möchte uns fast bedünken, nicht, wohl anders als darauf beruhen, daß sich in jedem Teile der Nation Wirkungslinien bildender Kräfte schneiden, deren jede gerade den Weg einschlägt, dessen Begehen zur Bildung der Gesamtharmonie führt. Das ist der Sinn des Lehrsatzes: Sogar die Leeren unter euch sind wie ein Granat, von Geboten ausgefüllt. Wir kennen die Wege nicht, die die Ideen, die wir verkünden, wandeln. Wir müssen sie verkünden in tausend Zungen, und unaufhörlich — in allen Formen der Kunst und der Literatur, in Schönheit und in Wahrheit müssen wir sie verkünden. Wir wissen nicht, wie und wo die Samenkörner den günstigen Boden finden: unermüdlich und freigebig müssen wir sie ausstreuen. Sie schlagen hier und da Wurzel. Die Wurzel breitet sich zuweilen aus und sprengt Felsen. ... N. S. POLITISCHE REVUE (H) — Das „laisser-fairett-System bei der Emigrationsf rage. — In vielen von uns wühlte schon lange ein dunkles Gefühl, daß die Removal-Tätigkeit etwas stark Übertriebenes, Erkünsteltes, Ergrübeltes und nicht zur Reife Gediehenes ist. Dem Bedürfnis eines Nachrichtendienstes für Auswanderer, der Notwendigkeit eines gewissen Schutzes vor Emigrationshyänen hat man schon vor vielen Jahren das Wort gesprochen. Aber das, was in den letzten Jahren als „Regelung" und „Lenkung" mit Pauken und Trompeten angekündigt wird, das Aufrichten der Warnungssignale, das Reklamieren des Ideals einer dünnen Ausstreuung der Juden als des einzigen Hoffnungsankers und das Sichanklammern mancher sich national gebärdender Draufgänger an diesen Wahn, — diese ganze zuviel gepriesene Vexiertätigkeit reizte schon lange den ernsten kritischen Sinn. Nun ist es jetzt nicht mehr notwendig, daß wir diese Kritik üben und daß man anderseits einwenden soll, es sei Parteipolemik oder einfach-zerfasernde, selbstquälerische Kasuistik, die an nichts Wohlgefallen findet. Wir können eine ganz andere Autorität sprechen lassen, — die englische Regierung! In einem großen Werke über die Einwanderungsfrage in Australien und in Kanada, das von der englischen Regierung veröffentlicht worden ist, wird die Frage des Schließens der Häfen und der schützenden Arme der Emigrantenaufnahme mit Bezug auf diese beiden großen Gebiete behandelt. Die Juden werden nicht einmal gestreift, aber wir können aus diesem Buche um so mehr lernen, als es sich eigentlich gar nicht um uns handelt. Erfahrungsergebnisse.' werden klargelegt, Richtlinien werden gezogen, Wahrheiten werden ausgesprochen, die in der sogen, „ungeregelten" Emigration mehr Ebenmaß, Gleichgewicht und Zweckmäßigkeit als in den gemachten Formen derselben erscheinen lassen. Australien und Kanada sind die zwei entgegengesetzten Pole in der Behandlung der Einwahderungsfrage. Australien schließt sich hermetisch ab; die herrschende Arbeiterpartei — ein belehrendes Symptom! — hat weniger Angst vor dem beutelüsternen Kapitalismus als vor den „fremden" Arbeitern, die von den Brosamen der Armentische etwas auflesen und ihnen möglicherweise die Konkurrenz etwas erschweren können. Nun bleibt Australien groß und halbwüst, mit der karggemessenen Dosis kleiner, dünn gesäter Ansiedelungen, — ein Removal-Ideal, aber schlaff und hohl und im Vergleiche mit den Vereinigten Staaten Nordamerikas — zwerghaft. Kanada, das der amerikanischen Republik örtlich nahe und von letzterer stark beeinflußt wird, hat ein schnurstracks entgegensetztes System in der Immigrationsfrage gewählt Nicht nur, daß es den Einwanderern seine Häfen und Grenzen offenhält, und nicht nur, daß es ihnen große Vorrechte gewährt; es ging noch weiter, es gab Millionen aus, um Einwanderer heranzuziehen, es machte Propaganda für eine Masseneinwanderung, es breitete die schützenden Arme aus. Und was ergab sich aus diesem System,? Die Schäden und die Nachteile treten in einer anderen Form auf: künstliche Anhäufung, viele untaugliche Elemente, Sorgen und Verlegenheiten der Regierung, Enttäuschung und Erbitterung. Beide Systeme — das ist die Schlußfolgerung, die die englische Regierung macht — taugen nichts. Man soll die Einwanderung weder 'hindern noch heranlocken; man soll ihr nicht in den Weg treten.' „The open door!" Der gesunde Instinkt des Emigranten ist richtiger als die Gesichtspunkte irgendeiner Regierung oder einer Gesellschaft, er hat ein besseres Urteil für die Möglichkeiten seines Fortkommens als all die Führer und kundigen Statistiker. Nur so ist Amerika groß geworden. Jede Einmischung in den gewöhnlichen Gang der Einwanderung, jede Störungsform, jedes Beschränken, Regulieren oder Aufmuntern ist ungesund. Das beste System ist das „laisser-faire". Wir verdanken die Auszüge aus diesem bedeutsamen Buche " — wir werden darauf noch zurückkommen, nachdem wir es im Original gelesen haben — einem ausgezeichneten Aufsatze des Herrn Dalidanski in der New-Yorker „ Jewish Gazette". Erbarmungslos vergätlt Herr D. den Removal-Leuten die Freude an ihren Rettungswerken. Er schreibt: „Diejenigen, die die Regulierungspläne der jüdischen Emigration und der Zerstreuung der Juden ausgeheckt haben, werden von der Angst gequält, daß die Städte so schnell wachsen. Aber diese Angst ist sinnlos. Niemand ist imstande vorauszuahnen oder im voraus irgendeinen Plan zu entwerfen, wie die Städte der Zukunft aussehen sollen. Die Begründer New-Yorks, Londons oder von Paris hatten gewiß keine Vorstellung, wie sich diese Städte in der Zukunft gestalten werden. Sie konnten nichts tun, um dieser Entwickelung aridere Bahnen zu ebnen. Vor hundert Jahren würden die New- Yorker es für das größte Unglück betrachtet haben, wenn sie hätten voraussehen können, daß diese Stadt so riesig heranwachsen würde. Nichtsdestoweniger leben die Menschen in Groß-New-York besser, als man vor 100 Jahren dort lebte." „Es waren Zeiten, als die Altväter Londons Mittel suchten, um das Anwachsen der Stadt zu verhindern. Sie waren sicher, daß, sollte die Bevölkerung noch größer werden, als sie vor 100 Jarrren war, die Einwohner in Jammergestalten von Hungerleidern umgewandelt werden müßten, alle mitsamt. Nun ist London viel größer geworden, als jene guten Leute befürchtet haben, und die Einwohner empfinden keinen Nahrungsmangel, trotzdem sie keinen angeborenen Hang zur Askese besitzen." „Menschen können keine Pläne entwerfen, wie die Länder und Städte der Zukunft aussehen sollen, ganz so wie sie nicht den . Wasserstrom des Hudson-River zurückdrängen können. Das Allerbeste, was sie für das Land, die Städte und die Emigranten selbst tun können, das ist, der Angelegenheit ihren natürlichen Lauf zu lassen. Mögen die Auswanderer gehen, wohin sie wollen, man sperre vor ihnen keinen Ort, man locke und lenke sie nicht nach den Orten, wohin sie nicht aus eigenem Antriebe gehen wollen." Herr D. übersieht nur eins. Nicht die Angst, die Städte könnten zu groß werden, sondern die Befürchtung, daß ein größeres An- " häufen von Juden „Rischus" machen könnte, erzeugt die Removalbestrebungen. Diese Seite der Frage müßte etwas mehr beleuchtet werden. (H) Die Judehfrage in der russischen Reichsduma. — In einer ganz unerwarteten und überraschenden Weise wird die Judenfrage in der Duma jetzt von denselben Fraktionen aufgerollt, die bis jetzt geflissentlich bemüht waren, sie nicht erwähnen zu lassen. Wäre es doch vom staatlichen Gesichtspunkte

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