Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 19 (15.5.1908)
- Date
- 1908-05-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Wichtigtuerei vortragen, ist die gerechte Strafe für die Mißachtung eines Teiles des Gesamtprogramms, die diese Einseitigkeit kennzeichnet. Fürwahr, in der Diaspora kann das Ideal einer jüdisch-freien Nationalität nicht erreicht werden. Wäre es in der Diaspora erreichbar, dann wäre der Zionismus überflüssig. Das ist klar. Nun ist aber anderseits ein zähes Streben und ein treues Festhalten der Diaspora an diesem Ideal die Vorbedingung für dessen Verwirklichung in Palästina. Eine indifferente, 'der Assimilation preisgegebene Diaspora wird die Menschen, die Kräfte, die Mittel und die moralischen Impulse, die für den Wiederaufbau in Palästina unentbehrlich sind, nicht liefern. Und soll sie sie liefern, so muß man ihr doch begreiflicherweise vor allem die Erkenntnis dieser Notwendigkeit und der Unrichtigkeit ihrer Gegnerschaft oder Gleichgültigkeit beibringen. Deshalb muß der Zionismus, wenn er nicht an Geweben spinnen will, die der nächste Tag zerreißt, oder sich mit der Kraft einer Fliege an Herkulesarbeiten heranwagen will, das Stammerhaltende im Judentum pflegen und zu einerHöhe zionistischerBlüte bringen. Ob er es will oder nicht, — er muß mit allen Geisteswaffen die Assimilation bekämpfen, er muß jüdische Gemüts- und Geisteswerte als Gegengewicht schaffen, er muß in seiner eigenen Mitte noch lange das dämmernde Auferstehungsbestreben stärken, verschönern und ausgestalten, er muß die Überreste der geistigen Fäden, die unsere Gesamtheit verknüpften: das Nationale, das Historische, das Hebräische, das Volkstümliche und Eigene, als den teuersten Schatz, als den dringlichst unentbehrlichen Rettungsanker, als die sicherste Gewähr und das Panaceum seiner eigenen Existenz mit der sorgfältigsten Pflege und hingebungsvollsten Liebe umgeben. Warum gedeiht der Zionismus nicht ganz schnell? Die Antwort ist kurz: Wir sehen, wie es im Judentum aussieht, wie zerklüftet und zerfetzt! Die fremde Kultur saugt alles auf, was in ihren Bereich gerät. Still und unvermeidlich packen ihre weit ausgestreckten Fangarme die Beute, um sie dem weit aufklaffenden Rächen der Assimilation zuzuführen. . . . Wir sinken zu einem zufällig zusammengestückelten Mosaik herab. Die leichte Beeinflußbarkeit unseres Temperaments läßt uns an jeder klebrigen Fläche anhaften und festwachsen. Nicht nur im Westen, auch im Osten Europas, wo es früher so intensiv-jüdisch war, zeigen sich die erschreckendsten Entartungssymptome eines abgeschwächten Selbsterhaltungstriebes. Jedem Flämmchen eines fremden Ideals, einer fremden Parole laufen wir nach; ein großer Teil der Jugend wird durch das Schmarotzertum des Kuckucks, der seine Eier nur in fremde Nester legt, dem nationalen Untergange zugeführt. Und wo es normal zugeht in den westlichen Ländern, reduziert sich das Ganze auf ein dürftiges „Jahrzeitskultusdasein". Ein Abgrund jüdischer Unwissenheit gähnt überall, daß es. einem grausig zumute wird. Wer versteht noch ein jüdisches Wort? In Deutschland befindet sich diese Verkümmerung kaum in dem Anfangsstadium, — und doch entwarf man uns ein Bild eines mit aller Gewalt fortschreitenden Amalgamierungsprozesses, der große Teile unseres Volkstums unvermeidlich nach dem Tauf- Aquarium führt. Wie es mit dem Judentum in Frankreich ausschaut? Was haben noch die verschiedenen Judenschaften überhaupt miteinander gemein? Wo immer nur die Judenschaft in irgendein fremdes Kulturgebilde hineingerät, überall wird sein „Judentum" unbewußt umgeformt; es erhält ein ganz eigenartiges Gepräge, es redet schon gar nicht seine Sprache, es schlängelt sich durch xlick and dünn mit den obwaltenden Verhältnissen, es zerrinnt und zerfährt zü isolierten, kümmerlich mehr aus Gewohnheit als aus Überzeugung fortdauernden kleinen, sich gegenseitig befehdenden oder, was noch schlimmer ist, sich ganz gleichgültig und fremd, kalt bis ans Herz gegenüberstehenden Koterien und Gruppen, ohne sich zu einem festen Gebilde zusammenzufügen. Wo ist das alte „Knesseth Israel" der Diaspora? Dieses Judentum zu einer heroischen Großtat der nationalen Selbstrettung aufzurütteln, unternahm der Zionismus. Was muß er nicht alles zu diesem Zwecke tun. Einen Umschwung in den Geistern muß er herbeiführen; er muß die jüdische Seele rühren, daß ihre Tiefen zu reden beginnen; er muß für das jüdische Problem ein gesteigertes Auffassungsvermögen, eine verfeinerte Empfindungsfähigkeit in den großen jüdisch en^ Massen des Ostens und des Westens erzeugen; er muß die gegen ihn herrschenden Vorurteile zerstreuen; er muß gegen die Irrlehren der Assimilation seine Lehren, seine historische Anschauung, sein Empfinden und Dichten, ja auch seinen Humor und seine Satire, mit einen Worte, seinen kulturellen Gehalt den Massen nahe bringen. Wie ist es anders möglich, daß er die Gegner überzeuge, und die Gleichgültigen in seinen Gefühlskreis hineinziehe? Denken wir doch über all' die Möglichkeiten nach. Es ist noch ' eine Möglichkeit vorhanden: Ein riesiger politischer Erfolg wäre vielleicht imstande, auf die Gemüter mit größerer "Wucht als alles andere zu wirken. Aber schon hundertmal ist es wiederholt worden: Dieser Erfolg, dessen Chancen in letzter Zeit sich nicht verkleinert, sondern vergrößert haben, erfordert eben die großen Mittel, welche nur die Ausbreitung des Zionismus herbeischaffen kann. Der emsigste Fleiß, die größte Geschicklichkeit, die erfindungsreichste Kombinationsgabe einzelner Menschen kann über diese elementare Logik nicht hinweghelfen. Nur ein Pharao konnte von den Israeliten verlangen, daß sie Ziegel bereiten, ohne daß ihnen der nötige Stoff geliefert wurde. Dieselbe elementare Logik betrifft auch ein anderes Tätigkeitsgebiet: die praktische Arbeit in Palästina! Auch von hier aus könnte Großes und Imposantes auf die Diaspora erziehlich wirken, — aber um eben dieses Große und Imposante zu schaffen, muß man die Mittel .von der Diaspora erhalten. Aber die Leute geben ja in der Regel nichts für eine Sache, für die sie kein Verständnis und keine Sympathie haben. Es bedarf ganz besonderer Reizmittel, um sie zu rühren, etwa ganz gewaltiger Pogrome. Eine mühsalbeladene, zum Teil in sich zusammengesunkene, zum Teil nach außen gravitierende Gesamtheit. Kein flammender Zorn, keine innige Liebe, keine verklärende Hoffnung, vor allem kein nationales Wollen. Und wir haschen schon nach dem Edelprodukt dieses Wollens, ohne es lange gepflanzt und gepropft zu haben, und uns vortäuschend, als ob es schon da wäre! Erschrecken wir nicht vor den Abgründen augenblicklicher Schwäche! Weil der nationale Genius in uns webt und lebt, ist es uns klar, daß unsere Idee die Widerlichkeiten und die Verdrießlichkeiten der Zeitverhältnisse überwinden muß, wenn wir sie nicht ungeduldig und kleingeistig, hadersüchtig und engherzig,