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Die Welt · 1908-05-15 · 19 (15.5.1908) · page 1

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
19 (15.5.1908)
Date
1908-05-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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DIE ELT KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING 6 \*/ ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XII. JAHRG. KÖLN, 15. Mai 1908 purfc cbnn'ti i"N ->*i DIE VORBEREITUNG DES VOLKES Was ist zu bevorzugen: Das Lernen (Limud) oder das Tun (Maasse), mit andern Worten, die graue Theorie, oder das grüne Leben, der denkende Geist oder die schaffende Hand, — dieses schon von unseren Weisen heißumstrittene Problem ist für den Gegenstand, der uns jetzt beschäftigt, unschwer zu lösen. Für die Fortdauer des Tuns ist eben der Geist die notwendigste Voraussetzung. In ihm liegen die Wurzeln, die ureigenste Kraft, die zu einer Tätigkeit treibt. Das rein mechanische Tun erschöpft sich schnell; es ist zufällig, ephemer, der Entartung oder dem Schwunde geweiht, wenn es nicht von einer immerwährend sich verjüngenden Energie durchströmt ist. Woher soll die Energie herbeifließen? Nur von dem fortwährend angeregten Geist und Gemüt, von dem Keimen, Werden, Streben, von dem, was im Menschen treibt und blüht! Ohne dieses erhaltende und fortzeugende Element droht der inhaltsarmen, künstlich geschaffenen Form die Gefahr, ein Jonah-Blatt, ein „Kikajon" zu werden, das „über Nacht entstand und über Nacht verschwand", das jeder strengere Windhauch, jeder überraschende Regentropfen eines Zufalls, jedes Stäubchen einer Enttäuschung zugrunde richten kann. Das Denken und Fühlen sind die Ursachen, die Tat — deren Folge und Frucht. Das Auffordern zur Tat ohne Schaffung und Entwicklung der für sie erforderlichen Gesinnung wäre ein naives Verlangen. Es hieße, die Resultate einer Sache ohne die Sache selbst, die Erscheinungen eines Strebens ohne das Streben selbst schaffen zu wollen. Ein beständiges, überzeugungstüehtiges und opferfreudiges Streben kann nur durch volkserziehliche Mittel, durch systematische Belehrung und Unterhaltung, durch Literatur und Kunst hervorgerufen und gepflegt werden. Das ist eine Arbeit, die die unorganisierte Goluth- Judentum-Substanz in tüchtiges, für einen nationalen Körper geeignetes Baumaterial umwandelt, die einzige Abwehr gegen die uns verschlingende Assimilation, der einzige Weg, den Zionismus aus einer genialen Improvisation Herzls und dem Aufflackern der Begeisterung einer Partei zu einem stetigen, sichern Entwicklungsprozeß eines ganzen Volkes zu machen. Dieser Prozeß, in dem ein näheres oder ferneres Auferstehen unseres Volkstums keimt, bedarf der Beständigkeit, der Ausdauer und einer ungetrübt nach innen und nach außen strahlenden Begeisterung. Eine Begeisterung kann aber nur durch geistige Mittel hervorgerufen werden. Kein Opfer darf hier zu groß erscheinen, keine Mühe zu schwer, keine Geduldsprobe zu hart. Es ist eigentlich gar nicht notwendig, daß wir die alte Frage: Theorie oder Praxis? einseitig lösen. Die Alternativ-Fragestellung ist im Grunde ebenso scholastisch wie die Frage, ob der Gesichts- oder Gehörsinn', ob das rechte oder das linke Auge wichtiger ist. Sie sind beide gleich wichtig. Ohne geistigen Inhalt ist jede Partei ein Bau ohne Fundamente, eine Fassade, ein leeres Gefäß. Es muß aber auch anderseits voll und ganz zugegeben werden, daß ohne praktische Taten eine Partei von Grüblern und Dichtern eher eine Akademie oder ein Dichter-Parnaß als eine Partei wäre. Der „Limud" und der „Maasse", der Inhalt und die Form, reihen sich aneinander und müssen sich durch gegenseitige Wechselwirkung steigern. Eine Partei, die das eine oder das »andere vernachlässigt, streicht sich nachkommenlos aus dem Buche der Lebendigen. Entweder fliegt sie wie ein Ballon ohne Bleigewicht und verschwindet in den Wolken himmelhoher Theorien, oder sie schrumpft, zu einem mechanischen Vereinsmeierei - Gebilde kurzatmiger Existenz zusammen. Sollen wir nun wegen dieser Erkenntnis in Verzweiflung geraten? Mögen die Kurzsichtigen und die Denkfaulen vor der Größe der Aufgabe zurückschrecken, die Tiefsinnigen und Geistesstarken werden sich desto mehr angeregt fühlen, je größer das Gesichtsfeld-vielverheißenden Schaffens sich ihnen erschließt. Wenn es Leute gibt, denen diese Fragen keine Kopfschmerzen bereiten, die in leichtfertiger Weise ein Dogma proklamieren, daß eben in der Diaspora alles so bleiben muß, wie es ist, so ist das eine partielle Verkümmerungserscheinung des zionistischen Gedankens,, die wir eben überwinden müssen. Dieser entsetzliche Aberwitz, den manche ahnungslos mit selbstgefälliger

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