Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 4 (25.6.1897)
- Article
- Erklärung gegen Erklärung
- Date
- 1897-06-25
- Page
- 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Nr. 4. Sünde, ein Verbrechen. Und wenn es auch schmerzt, im eigenen Körper zu wühlen, so ist es doch besser, man thut es selbst, ehe es die Feinde besorgen. Die Schuld trifft dann nur einige Individuen, aber die Ehre der Gesammtheit ist gerettet. Vor dem Krakauer Schwurgerichte wurde nicht blos der Krakauer Cultusvorstand gerichtet. Denn die Grundsätze seiner Gebahrung erfreuen sich auch bei den meisten galizischen Cultusvorständen einer verständnißvollen Pflege. In der Kunst, durch Repartirung der Cultussteuer unter die eigenen Parteigenossen den Gegnern das Wahlrecht zu entziehen, durch Hinausschleppung der gesetzlich gebotenen Statutenänderung Neuwahlen unmöglich zu machen, haben fie es bis zur höchsten Perfection gebracht. Darum hat die Verhandlung vor dem Krakauer Schwurgericht eine mehr als locale Bedeutung. Und wer sind diese Männer, welche die Cultusgemeinden fest umklammert halten und die ihre Mandate als Erbtitel betrachten? Sind es etwa Männer von Wiffen und Intelligenz, von Herz und Gemüth, von Opferwilligkeit und Interesse für das Judenthum? Mit Nichten. Das wäre in Galizien — und auch anderswo — nur überflüssiger Ballast. Der Mann muß Geld und er darf keinen Charakter haben. Das genügt. Er ist auch gewöhnlich biegsam wie ein Rohr und beweglich wie eine Wetterfahne. Dafür bekommt er unter Umständen einen Orden, und das ist sein Ideal. Die meisten Cultusvorstände in Galizien — und auch anderswo — sind ein Tummelplatz für jene Elemente, die entweder im großen öffentlichen Leben bereits Schiffbruch gelitten haben und wenigstens hier eine Befriedigung für ihre Ehrsucht finden wollen, oder die ihre Carrisre erst beginnen und im Cultusvorstand ein Sprungbrett zu ihren Zielen sehen. Der durch wirthschaftliche Nothlage bedingte Stumpfsinn, gepaart mit der durch politischen Druck hervorgerufenen Unterwürfigkeit der jüdischen Bevölkerung, die allgemeine Unkenntniß der hohen nationalen und confessionellen Aufgaben des Cultusvorstandes und die Scheu der ehrlichen und wahrhaft jüdisch denkenden Männer vor einem Kampf innerhalb der „Gemeinde* erleichtern diesen Strebern ihr Spiel. So gelangt eine kleine Coterie ans Ruder. Dann schreckt sie vor keinem Mittel zurück, um sich bei der Macht zu erhalten. Selbst die allgemeine Verachtung ist außer Stande, sie von ihrem Platze hinwegzuspülen. Ja, wenn sie wenigstens etwas leistete I Wenn sie den jüdischen Geist pflegte, jüdische Wissenschaft förderte, die Jugend jüdisch erzöge, das Armenwesen reformirte, Synagogen, Schulen, Wohlthätigkeitsanstalten errichtete. Nein, nichts von alledem. Sie will lieber die Rabbiner zu ihren Werkzeugen und die Religionslehrer zu ihren Lohnsclaven degradiren; der Jugend wirft sie einige Brocken „Bibel im Urtext" und den Armen einige Brosamen hin, wenn sie verenden. So herrscht die Coterie überall gleich, in Krakau und in Lemberg, in Drohobycz und in Tornow, ja in Brünn und in — Wien, mögen ihre Rädelsführer Dr. Leo Horowitz oder Samuel v. Horowitz, Julius v. Gomperz oder Heinrich Klinger heißen, mögen sie Geldgeschäfte machen oder Tuch und Garne fabriciren. Diese Leute, die für das Judenthum nie etwas gethan, geschweige denn sich weh gethan haben, die keinen Verdiensten, sondern lediglich ihrem Geldsack und der Indolenz der Allgemeinheit ihre Würde, die höchste Würde, die eine jüdische Gemeinde zu vergeben hat, verdanken, sic haben die alten Patriarchalischen jüdischen Gemeinden mit ihrem echt jüdischen Geiste und der wahrhaft jüdischen Nächstenliebe zu trockenen burcaukratischen Maschinen, zu „israelitischen Cultusgemeinden" gemacht. Sie können auch nicht anders. Denn fie haben sich vom Volke losgelöst, dessen Ideale sie nicht verstehen, dessen Weltanschauung ihnen fremd ist. Aber gerade darum haben sie im Cultusvorstände nichts zu suchen. Für das Volk ist die „Cultusgemeinde" viel mehr, als die officielle Form, welche die assmilationssüchtigen Juden ausfindig machten, um das Märchen von der entnationalisirten „mosaischen Confession" aufrecht zu erhalten. Für das Volk ist die Gemeinde die erste und natürlichste Organisation, innerhalb deren die confessionellen Bedürfnisse ihre Befriedigung und die nationalen Ausgaben ihre Pflege zu finden haben. Die Gemeinde ist für das Volk ein Mikrokosmos der Nation. Und wenn fie diesen Mikrokosmos nicht bildet, so muß fie zu einem solchen werden. Hand in Hand mit dem Kampfe nach außen muß die Consolidirung nach innen gehen. Aus der „Cultusgemeinde" muß wieder eine jüdische Gemeinde werden, ein Brennpunkt jüdischen Geistes und Wissens, eine Pflegestätte der Vergangenheit und eine Werkstätte für die Zukunft. Und diese Zukunft ist unsere Jugend. Wollen wir die Jugend jüdisch erziehen, so müssen wir die Cultusvorstände erobern. Ihre innere Fäulniß wird uns unsere Arbeit nur erleichtern. Dr. S. R. Landau. Die Universität. Bon Berthold Feiwcl. Was die Studentenschaft dem Zionismus, was der Zionismus der Studentenschaft bedeutet, das möchte ich im Folgenden zeigen. Es möge mir dabei gestattet sein, vorzugsweise von der zionistischen Studentenschaft Oesterreichs zu sprechen. Ich bin zu wenig ein geweiht, um mich eingehend mit den zionistischen Studenten anderer Staaten beschäftigen zu können. Die Berufenen werden sich wohl finden, die uns von ihnen erzählen. Das Eingreifen der jüdischen Studenten Oesterreichs in die Nationalbewegung beginnt mit der Gründung der „Kadimah". „Vorwärts!" „Ostwärts!" Der schöne Name ist ein Programm. Von dem „großen modernen Propheten", von Perez Smolensky, dem berühmten hebräischen Schriftsteller, ging (1882) die Anregung zur Schaffung der „Kadimah" aus. Dr. M. T. Schnirer war ihr erster Präsident. Sie hatte eine vielbewegte Jugend. Da sie zum erstenmale das Wort vom jüdischen Volke und vom jüdischen Staate verkündete — welch' mitleidiges Achselzucken, welch' höhnisches, böses Gelächter! O, wir, doch noch viel zu wenig und viel zu schwach für das Riesenwerk, wir haben es dennoch heute viel, viel leichter. Wenn uns da und dort ein Schmerz erspart bleibt, wenn uns nicht mehr schnödes Gelächter in die Ohren gellt, wir danken es jenen Studenten, die, ein kleines Häuflein, doch nicht niederbrachem unter all' dem Spott und den herrlichen Muth besaßen, lieber wie Narren verlacht zu werden, als fahnenflüchtige Berräther ihres Volkes zu sein. Man versteht bereits heute in Oesterreich manches unserer Worte. Jene Studenten waren die ersten Lehrer. Daran wollen wir uns stets erinnern. Die „Kadimah" stand bereits vom Anbeginn, wenngleich ihr Programm erst später seine festen Formen gewann, aus jüdisch-national-zionistischem Boden. Wer Mitglied werden wollte, mußte auf die Devise „Nationaljude und Zionist" seine Angelobung leisten. Die jüdische Studentenschaft Wiens, die sich damals mit Feuereifer assimilirte, verstand das nicht. Die Stammesgenoffeu der „Kadimah" an der Wiener Univerfität waren heftigere Gegner der Nationaljuden, als die nichtjüdischen Antisemiten. Und ihre Zahl war Legion. Sie sahen in den Jüdisch-Nationalen Talmudisten, Alterthümler, Rückschrittler. Welch' häßlicher Spott ergoß sich über die Veranstalter der ersten Maccabäer-Feier! Es war ein schwerer, gewaltig ungleicher Kampf, den die „Kadimah" führte. Einmal war sie schon nahe daran, zu unterliegen. So gering war die Zahl ihrer Mitglieder geworden. Aber sie raffte sich wieder auf. Mehrmals versuchte sie es, mit ihrer Idee im Volke Boden zu finden. In Galizien waren die Erfolge recht erfreulich. In Wien schien Alles vergeblich. Die Volksvereine, die gegründet wurden, lösten sich bald wieder auf. Nur zwei Actionen waren bedeutungsvoller: die materielle Förderung der von Dr. Birnbaum herausgegebenen „Selbstemancipatiou", die aufllärend in ganz Westeuropa wirkte, und die im Jahre 1885 erfolgte Gründung des Vereines „Admath Jeschurun" (jetzt Verein „Zion"). Es mußte schlimmer kommen mit den Juden und den jüdischen Studenten Oesterreichs, bis man die Kadimahner verstand. Man lernte, was Judenehre sei, als die Kadimahner