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Die Welt · 1897-06-25 · 4 (25.6.1897) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
4 (25.6.1897)
Article
Erklärung gegen Erklärung
Date
1897-06-25
Page
3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 4. JPItfcWdC Seite 8. abenteuerlich gehalten wurde, indeß sie doch nur der gesunden Entwicklung dient. Für überschüssige Volkskräfte muß ebenso ein Abfluß geschaffen werden, wie für die industrielle Ueberproduction ein Absatzgebiet. In einer Auerbachsichen Erzählung kommt eine Bäuerin vor, „die nicht an Amerika glaubt". Dieser Bäuerin glichen Vieles in Europa. England aber „glaubte an Amerika." Es glaubte auch an Asien, Afrika und Australien Und dadurch ist Groß-Britannien „Größer-Britannien" geworden. * -i- * Sir Charles Dilke, der bekannte Staatsmann^ hat in einem Artikel darauf hingewiesen, daß von allen Rathgebern der Königin Victoria der Jude Disraeli den größten und nachhaltigsten Einfluß auf ihre politische Denkweise ausübte. Disraeli, der Nationaljude, war ein „repräsentative man" der englischen Juden, und da er als Lord Beaconsfie!d ins Oberhaus berufen wurde, drückte sich darin die ganze glückliche Lage ha Juden Englands aus. Thatsächlich ist es mit einer einzigen Ausnahme den Juden nie und nirgends so gut gegangen, wie unter der Königin Victoria in England. Die einzige Ausnahme in der Geschichte der Juden war Spanien — kurz vor ihrer Vertreibung. * * * In der englischen Freiheit sind die dortigen Juden zur Tüchtigkeit gediehen. Sie thun sich auf allen Gebieten der Kunst und Wissenschaft hervor, wie auch im praktischen Leben. Sie verwässern und verbergen ihr Judenthum nicht, und vielleicht ist das der beste Grund, warum sie von ihren Mitbürgern geschätzt werden. Der zionistische Gedanke, den auch viele Christen in England Hochhalten, hat eine Anzahl kräftigster, edelster Vertreter unter den englischen Juden. Diese liefern den besten Beweis, daß man als ein guter Staatsbürger, treu der Königin, ergeben den Gesetzen, den Gedanken der jüdischen Cotonisation pflegen kann. Sie „glauben an Zion". Manche vielleicht nur, wie sie an Amerika und Indien glauben; Andere in der Weise unserer Religion. Alle müssen verstehen, daß die jüdische Colonisation eine Bedingung ihrer eigenen Sicherheit ist, daß sie den Zufluß unglücklicher Proletarier ihres Stammes in ein Bett leiten müssen, wenn nicht das Geschrei wider die Juden auch in England ausbrechen soll. Schon zählt der Neid die Paläste im Westend Londons, während im Osten der Stadt immer mehr arme Juden einwandern. Ueble wirtschaftliche Erscheinungen, wie die der südafrikanischen Schwindelmillionüre, kommen hinzu, um eine Mißstimmung gegen die Juden zu erregen. Zwar glauben manche englische Juden, daß das Inselreich immun sei gegen den Antisemitismus, gleichwie einzelne Epidemien noch nie in England waren. Aber sie vergessen: der Antisemitismus war schon in England. * * * Einer der Südafrikaner, der vielgenannte Barnato, endete vor wenigen Tagen sein bewegtes Leben durch einen Sprung vom Schiff ins Meer. Das Gute, was man diesem Todten nachsagen kann, ist nur, daß er den armen Leuten seiner Verwandtschaft und seines Bekanntenkreises Wohlthaten erwies. Das ist wenig. Vermögen wie das seinige verpflichten zu mehr, selbst wenn sie tadellos erworben wurden. -i- * * Wir müssen zwei bemerkenswerthe Aeußerungen registriren- In der am 12. Juni in Aussig abgehaltenen Versammlung sagte der Abg. Hofmann von Wellenhof: „Wir werden aber diesen Kampf (für die deutsche Sache) führen, selbstverständlich ohne die Selbstständigkeit unserer Parteigrundsätze aufzugeben, oder ihnen nahe treten zu lassen. Wir hoffen ja, daß ein Tag kommen wird, wo dieser Kampf ausgekämpft ist, u nd dann wird allerdings jene Schonzeit — wenn ich mich so ausdrücken darf — für unsere gewissen Mitbürger aus dem Osten, deren Namen man nicht eitel nennen soll, vorüber sein, und es werden wieder etwas unangenehmere Zeiten für diese sehr geehrten Mitbürger kommen." Der schlesische Abgeordnete Victor Heeger sagte in derselben Versammlung: „Wir wollen eintreten für die Niederringung der Nebermacht des Judenthums in unserem deutschen Volke." — Ist das deutlich genug? Ein Brief Nord,ins. Dr. Max Nordau hat an den Herausgeber der New- Uorker Zeitschrift „Toleranz" folgenden offenen Brief gerichtet: Paris, 20. Mai 1897. Herrn Dr. Michael Singer, New-Iork. Sehr geehrter Herr! Empfangen Sie meinen herzlichen Dank für Ihre Zuschrift und den Ausschnitt aus der „New-Norker Staats-Zeitung" und meinen Glückwunsch zu dem Geiste, von dem die mir freundlichst gesandten Nummern Ihrer „Toleranz" erfüllt sind. In eine Polemik mit dem Herrn Köhler und dem niedrigen Verleumder, der Dr. Herzl und mir ich weiß nicht welche verächtliche Reclamesucht unterstellt, kann ich mich aber nicht einlassen. Ich habe Besseres zu thun. Ich lebe nicht vom Judenthum, wie Herr Köhler, obschon ich gern bereit bin, für das Judenthum zu leben. Ich opfere der zionistischen Bewegung meine Zeit und meine Kraft, doch darf man von mir nicht über das nothwendige Maß hinaus Opfer verlangen. Eine Nothwendigkeit, Herrn Köhler und Seinesgleichen zu widerlegen, kann ich aber nicht zugeben. Der zionistische Gedanke ist nicht von Dr. Herzl und den Freuden, die sich ihm anschlossen, erfunden worden. Er ist im Geiste von Hunderttausenden gedrückter und verfolgter Juden enlstanden. Er ist eine Form, die die Sehnsucht der Leidenden nach Erlösung vom Leid angenommen hat. Dr. Herzl hat nur deutlich gestaltet und in klare Formeln gefaßt, was unklar und undeutlich Hunderttausenden vorschwebte. Es heißt, das innerste Wesen des Zionismus vollständig verkennen, wenn man glaubt, für ihn Stimmung machen zu müssen. Wir wollen Niemand zum Zionismus bekehren, wir wollen nur denen, die Zionisten sind und sich als Zionisten bekennen, den Weg zeigen, auf dem sie zu einer Organisation und durch diese zur Verwirklichung ihrer Wünsche gelangen können. Die Juden, die sich in ihren gegenwärtigen Verhältnissen wohlfühlen, mögen in ihren Verhältnissen bleiben. Niemand denkt daran, sie aus ihnen herauszulocken oder herauszureißen. Wir können dies weder, noch wollen wir es. Wenn Herr Köhler in New-Iork glücklich ist, umso besser für ihn. Wir werden sein Glück nicht stören. Wir verlangen nicht, daß er am Aufbau Zions mitarbeite. Wir verlangen nicht einmal, daß er uns zum Bau Arbeiter schicke. Wie kommt er aber dazu, Juden, die nicht so glücklich sind, wie er und die von der Errichtung eines Judenstaates eine Besserung ihrer Lage erwarten, mit Schmähungen zu überschütten und die Männer schnöde zu verdächtigen, die ohne die leiseste Spur eines Vortheils für sich, ja vielfach zu ihrem schweren Schaden, aus reinem Mitleid mit dem Elend ihrer Stammesgenossen diesen ihre Kraft zur Verfügung stellen? Da Herr Köhler nicht zionistisch fühlt und an den Zionismus nicht glaubt, so geht ihn der Zionismus doch nichts an. Es ist anmaßend von ihm und Seinesgleichen, tadelnd und abmahnend in eine Bewegung eingreifen zu wollen, die an ihn nicht herantntt und der sich nur Jene anschließen, die von ihr das Heil für sich und ihre Nächsten erwarten. Natürlich steht es Ihnen frei, von diesem Briefe jeden Gebrauch zu machen, der Ihnen beliebt. Seien Sie herzlich gegrüßt von Ihrem hochachtungsvoll ergebenen. Dr. Max Nordau. Kahalrvirlhschaft. „In dieser Zeit" mußte sich der „israelitische" Cultusvorstand von Krakau vor das Schwurgericht flüchten, um den rücksichtslosen Angriffen einer jüdischen Zeitschrift zu entgehen. Aber als es zum Verdict kam, zog er es vor, sich mit einer „Erklärung" zu begnügen. Das Verbiet wäre uns auch gleichgiltig; das Wichtigste bleibt für uns das Bild der craffen Mißstände, das die sünflägige Verhandlung vor den Augen der Zuhörer aufrollte. Darüber leichtfertig hinwegzugehen, wäre eine

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