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Die Welt · 1897-06-25 · 4 (25.6.1897) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
4 (25.6.1897)
Article
Erklärung gegen Erklärung
Date
1897-06-25
Page
5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 4. LMM Seite 5. den Säbel ergriffen. Seit der Zeit nennt man die jüdischnationale Studentenschaft mit Liebe oder Feindschaft, aber immer mit Achtung. Das Ansehen der „Kadimah" wuchs. Die Zahl der jüdisch-nationalen Studenten mehrte sich. Im Jahre 1894 könnten bereits acht Kadimahner daran gehen, eine neue Verbindung zu gründen, die „Unitas", die sich bald kräftig rührte. In diese Zeit fällt auch die Umwandlung des Vereines österreichisch - schlesischer Hochschüler in die jüdisch-nationale „Jvria" und die Entstehung der „Libanonia" in Wien. Die jüdi'ch-nationalen Verbindungen waren es dann, welche die „Jüdisch-akademische Lesehalle in Wien", den neutralen Boden für alle jüdischen Studenten, schufen. Der Wirksamkeit der „Kadimah" verdankten die (derzeit suspendirte) „Hasmonaea“ in Czernowitz und die „Maccabaea“ in Prag ihre Entstehung. Die Zahl der jüdisch-nationalen Studenten war wohl größer geworden, aber auch die Menge der Angriffe von Seite der antisemitischen Studentenschaft. Man ließ die jüdischnationalen Verbindungen nicht ihre friedliche Arbeit thun. Die Antisemiten wollten sie zuerst durch das Wort bloßstellen und dann durch den Säbel. Ihre Rechnung war falsch. Man weiß, wie gut die Jüdisch-Nationalen die Klinge führten. Die Burschenschaften sahen bald ein, daß sie nicht stark genug seien, den Jüdisch-Nationalen Satisfaction zu geben. Darum erklärten sie die Jüdisch-Nationalen und mit ihnen alle jüdischen Studenten für satisfactionsunfähig. Man hat den zionistischen Studenten, eben weil sie den Säbel führen, oft den Vorwurf gemacht, sie seien ebenso mittelalterliche Raufhelden wie ihre Gegner auf akademischem Boden. Die Judenehre gehört mit zu den höchsten Idealen der jüdisch-nationalen Studenten. Diese Judenehre haben die Studenten vertheidigt. Mit dem Säbel. Man kann ein principieller Gegner des Duells sein, aber man muß doch sagen, daß die zionistischen Studenten Recht hatten, als sie den Säbel führen lernten. Es wächst da ein kraftbewußtes, starkes Geschlecht heran. Und man wird aufhören, die Juden mit der Furcht vor dem Schuß und der Gefahr zu höhnen . In der Zeit des Friedens, die der Satisfactions-Unfähigkeits-Erklärung (das Wort ist fast ebenso unaussprechlich wie die Thal) folgte, konnte die zionistische Studentenschaft sich innerlich organisire» und nach außen wirksam sein. Aus den Verbindungen waren „alte Herren" hervorgegangen, die, in aller Herren Länder vertheilt, tüchtig bei der Sache sind. Ihnen schlossen sich Männer aus der Bürgerschaft, aus dem Volke an. So arbeiten die Studenten heute — insbesondere in Oesterreich — nicht mehr allein. Das hat ihre Bedeutung eingeschränkt, den Erfolg ihrer Arbeit aber hat es vergrößert. Man liebt den schönen Idealismus der Jugend. Aber der praktische Mann traut ihm keine Anpassungsfähigkeit an das Alltagsleben zu. Da war es gut, daß sich der Begeisterung die Erfahrung zugesellte, daß gereifte Männer die Führung übernahmen. Doch noch immer sind die Studenten in Oesterreich die besten und eifrigsten Missionäre der zionistischen Idee. Sie haben die frische Kraft des Wortes und sie bringen jene Elasticität mit, die ihnen ihr Vertrauen in die Menschen und der Glaube an die Ideale geben. Die Thätigkeit der Studenten ist hauptsächlich auf die Propaganda des Gedankens gerichtet. Sie suchen aufzuklären. Sie veranstalten zionistische Versammlungen und gründen nationale Vereine. Auch die erhebende Feier nationaler Feste dient der Ausbreitung der Idee. Den größten Erfolg hat die Wirksamkeit der zionistischen Studenten in Galizien. In der Bukowina ist eine Gruppe „alter Herren" der „Hasmonaea“ eifriger Anwalt der Sache. Die „Unitas" hat die zionistische Idee nach Mähren getragen und damit ein großes Arbeitsfeld eröffnet. Die zionistischen akademischen Verbindungen „Veritas" und „Zephirah" in Brünn haben diese Arbeit auf sich genommen. Sie unternehmen Agitationsreisen durch Mähren und haben bereits mehrere Volksvereine geschaffen. In ihrem Wirken weiden sie durch die von der „Libanonia" gegründete Ferialverbindung „Astra" (in Kanitz, unterstützt, der sich in Kürze eine „Achiw ah" (Fraternitas) in Ungarisch-Hradisch und ein jüdischer Ferialverband in Olmütz anschließen werden. Schlesien ist das Gebiet der „Joria". Die Gründung der jüdischen Vereine in den größeren Städten des Landes ist ihr Werk. Auch dort (in Bielitz) soll, wie man mir mittheilt, eine zionistische Studentenverbindung „Emunah" und in Lundenbnrg eine Verbindung „Gamala" in kurzer Zeit eröffnet werden. Natürlich hat man inzwischen die Agitation unter den nichtzionistischen Studenten fortgesetzt. Als einen großen Erfolg der studentischen Arbeit darf man die Begründung des „Jüdischnationalcn Finken-Vereines" bezeichnen, der aus dem Boden der jüdisch-akademischen Lesehalle hervorgewachsen ist. Das erste Hundert seiner Mitglieder wird bald erreicht sein. Die Zahl der zionistischen Studenten wächst in Wien von Tag zu Tag. Sie dürste nach ungefährer Berechnung ein halbes Tausend übersteigen. Dabei gibt es eine erfreuliche Perspective für die Zukunft, daß das letzte Jahr allein an 200 neue Streiter gebracht hat. Ich will von der national-jüdischen Bewegung unter den Akademikern anderer Länder nicht sprechen. Nur die zionistischen Studenten von Montpellier möchte ich als ein Beispiel kurz erwähnen. Die Zionisten von Montpellier sind nicht zahlreich, aber sie fühlen sich stark genug. Ihr Zionismus ist keine Phrase. Sie theilen Länder unter sich, in denen sie die Idee des Judenstaates propagiren wollen. Kein Hochmuth, denn der Zionismus ist ihre Weltanschauung und Lebensaufgabe geworden. Die einen haben sich Frankreich genommen, die zweiten Rußland, die dritten Nordafrika. Vor mir liegt der Actionsplan für Afrika. Er ist mit der Gründlichkeit gereifter Männer, mit dem strengen Verstände des Politikers ausgearbeitet. Durch zwei Jahre bereiten sie sich für das schwere Unternehmen vor: sie sammeln einen Fond für die Agitationsfahrt, sie unterrichten sich über die Anschauungen der Zionistenführer in den verschiedenen Ländern und sie lernen die Sprachen des Gebietes, das sie bereisen wollen. Ich glaube, es wird ihnen Vieles glücken. Soviel in Kürze über die Thätigkeit der zionistischen Studentenschaft. Hat man aus dem bisher Gesagten den Schluß gezogen, daß die zionistische Studentenschaft ein wahres Muster an Tugend und Tüchtigkeit sein muffe oder daß ich mit Absicht nur die glänzenden Seiten hervorgekehrt habe? Ich bin nicht so thöricht, bestreiten zu wollen, daß der oder jener von den zionistischen Studenten den oder jenen Fehler haben könne. Ich weiß auch, daß in den akademisch-zionistischen Verbänden neben tüchtigen Kräften auch manche Mittelmäßigkeit anzutreffen ist. Ich widerspreche auch nicht, wenn mir Einer sagt, daß die studentische Begeisterung und das Vollgefühl akademischer Freiheit Manche bei allem guten Willen hat übers Ziel schießen lassen. Begeisterung erzeugt einen gewissen Radikalismus. Und solch' einen Radikalismus mögen die zionistischen Studenten bei verschiedenen Gelegenheiten hervorgekehrt haben. Doch ich denke: daß sie einer so großen Sache unter nicht geringen Leiden gedient haben und mit uneigennütziger Treue weiterdienen, läßt uns Kleinlichkeiten gerne vergessen. Und man darf ruhig den stolzen Satz niederschreiben: Die Gruppe der zionistischen Studentenschaft muß zu den ernstesten und reifsten an den österreichischen Hochschulen gezählt werden. Und sie wird auch dem objectiven Betrachter eine der sympathischesten sein. Eines der interessantesten Momente in der studentischzionistischen Bewegung ist wohl das Verhältniß der zionistischen Studenten zu ihren Vätern. Die Väter runzeln gar oft die Stirne über die Söhne. Denn die Söhne schlagen so ganz aus der Art. Die Söhne sind in einem ganz anderen Element zu Hause als die Väter. Und die Väter stehen voll Augst und Besorgniß am User.Es ist der Kampf des Jungen gegen das Alte, des Neuen, Modernen, Weitsehenden gegen das Langgewohnte, Erbgesessene, Engbegrenzte. Die Väter schleppen noch an Händen und Füßen schwere Ketten. Unzählige dumpfe Vorstellungen, schwerfällige Anschauungen, die für sie durch die schreckliche Kraft des Trägheitsgesetzes zur Tradition, zum. Gewohnheitsrecht geworden sind, halten sie gefesselt. Die Jungen haben mit einem kühnen Ruck die Fesseln abgestreift. Und die

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