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Die Welt · 1897-06-25 · 4 (25.6.1897) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
4 (25.6.1897)
Article
Erklärung gegen Erklärung
Date
1897-06-25
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. JPk^WC Nr. 4. kennt, weiß, daß ich in Liebe und Treue dem Staate und Vaterlande ergeben bin, daß ich und die Meinigen — fünf wackere Söhne — stets Gut und Blut für das Vaterland hinzugeben bereit stehen; allein unsere jüdisch-nationale Gesinnung lassen wir uns nicht trüben und rauben. Wir sind gute Deutsche — aber Germanen sind wir doch nicht. Alles, was die Herren weiter sagen vom Untergang des Nationaljudenthums durch Auslösung des jüdischen Staates vor achtzehnhundert Jahren: von der neueren jüdischen Wissenschaft, welche dieser Auffassung die weiteste Verbreitung unter den Inden verschafft hat, ist eine Unwahrheit, wenn nicht noch etwas weit schlimmeres. Gerade der Untergang des jüdischen Staates hat den Beweis geliefert, daß dieses Volk das „Amolaur* „das Volk der Ewigkeit" ist, dem selbst eine so furchtbare Katastrophe nichts anhaben konnte: und die jüdische Wissenschaft ist eine nationale geblieben bis ans den heutigen Tag oder sagen wir besser, erst in neuerer Zeit wieder eine nationale geworden. Fraget doch nur die beiden Heroen der neueren jüdischen Wissenschaft, einen Zunz und Gr ätz. Nun aber reden die Herren — und das ist das Schlimnlste — von einer Tenunciation, sowie von einem Schimpf, den ihnen die Zionisten angethan haben sollen, daß sie von einer „Judennoth" sprechen, von welcher sie die Machte befreien wollen. Nun ja, die Herren wissen von dieser „Judennoth" nichts, wollen nichts davon wissen Die haben ihren erhabenen Rabbinersitz inne in den Großititi) Weltstädten mit einem dem Ministergehalt gleichen Einkommen und kümmern sich nicht viel um die Rvthlage ihrer Volksgenossen. Ich aber habe das Elend meiner Brüder geschaut. Ich habe erlebt, wie sie verfolgt, beraubt, mißhandelt, ihre Frauen und Töchter geschändet und zu Tausenden und Hnnderttausenden aus ihren Wohnsitzen vertrieben wurden. Von einer solchen „Judennoth" ist die Rede, von keiner anderen. Da drüben in Rußland, werdet ihr sagen; nein, auch dahier in Preußen. Im Jahre 1885 hatte ich noch eine Gemeinde von etwa 1300 Seelen; jetzt sind es kaum noch 800. Sie sind ausgewiesen worden, ohne stichhältigen Grund, und ohne zu wissen, wohin mit ihnen. Und gegenwärtig haben wieder 22 Familien mit 104 Se elen Au sw ei sungsb es eh l erhalten, ohne Aussicht auf ein anderweitiges Uuterkommen: denn ihre russische Heimath haben sie durch Jahrzehnte langen Aufenthalt im Auslande längst verwirkt. Das ist „Judennoth", abgesehen von den Rechtsverkürzungen, Schmähungen, Verfolgungen, Zurücksetzungen, die wir allesammt zu dulden haben. Als ich im Jahre 1883 nach den furchtbaren Judenhetzen in Südrußland an Welt und Leben verzweifelnd die Schrift: „Aruchas Bas-Ammi", (Israels Heilung) in die Welt schickte, da hatte ich schon nach dem Vorgänge meines verstorbenen, unvergeßlichen Freundes Dr. Pinsker in Odessa den nationalen Gedanken mit aller Herzenswärme zum Ausdrucke gebracht und habe dadurch meinerseits zur Erweiterung des Nationalgesühls und der nationalen Bewegung unter den Juden mitgewirkt. Habe auch im Gegensatz zu meinem Freunde Dr. P. auf Palästina hingewiesen, als die einzige schutzgewährende Zufluchtsstätte für die verhetzten und versprengten Volksgenossen. Heute schaue ich Vieles mit anderen Augen an wie damals und möchte nicht mehr einen jeden Ausspruch von damals unterschreiben, allein auf das heilige Land sind auch heute noch wie damals meine Augen gerichtet, denn ans meinem „Lecho-Daudi" sind die Verse noch nicht gestrichen: „Du Königsheiligthum, Du Residenzstadt — aus! gehe hervor aus Deiner Verkehrung: hast lange genug geweilt im Jammerthale — Er wird sich Deiner annehmen im Erbarmen." Und: „Schäme Dich nicht und gräme Dich nicht; was windest Du Dich und was seufzest Du? In Dir werden Schutz finden die Elenden meines Volkes und erbaut werden die Stadt auf ihrem Hügel." Fürsten und Völker, alle Bekenner des Eingottesthums, schauen in Liebe und Sehnsucht gespannten Blickes auf diese Stadt und dieses Land hin, und wir, wir die legitimen Erben und ursprünglichen Eigcnthümer sollten uns dessen nach der Verkündigung unserer Assimilanten-Rabbiner entschlagen! Das wäre ja eine Anomalie, eine schimpfliche Art sondergleichen! Zu guter Letzt spielen dann die beiden genannten Rabbiner ihren Haupttrumpf aus: „Die Zionisten aber fragen wir, in wessen Namen und Auftrag sie denn reden? wer ihnen ein Mandat ertheilt hat, einen Congreß, der nicht einmal in Przemysl, Grodek oder Jassy am Plätze wäre, nach München einzuberufen?" — Nach München einzuberufen? Wcnn wir nun die Gegenfrage stellen wollten: Was hast Du iu Berlin zu suchen? Du gehörst nach Przemysl oder Becskerek, aber was hast Du in Wien zu suchen? Du gehörst nach Trrschtigel oder Bomst. Beruhigt euch! es ist nicht böse gemeint. Ein jeder wohne, weile und wirke da, wohin ihn das Geschick oder sein freier Wille gebracht hat. Ihr habt aber auch kein Recht, solche Fragen an uns zu stellen. Wer den Zionisten den Auftrag, das Mandat hierzu ertheilt hat? Nun, ihr g wiß nicht! In Wahrheit hat Niemand ihnen Auftrag und Mandat enheilt. Sie folgen nur ihrer Ueberzeugung, ihrer Her;ensneigung, dem unwiderstehlichen Mitgefühl mit ihren leidenden Brüdern, dem dringenden Wunsche, ihnen zu ralhen und zu helfen: sie folgen der unauslöschlichen Liebe zum heiligen Lande, dem heimatlichen Boden der Väter und dem mächtigen jüdischen Nationalgesühl, das sich nun einmal nicht unterdrücken lassen will. Beruhigt euch nur, wir wollen euch ja keinerlei Störung verursachen, lagert nur immer wie bisher „träge und ruheselig auf eueren Hufen." Aber auch uns sollt ihr in Ruhe lassen und euch nicht geberden als wäret ihr die wahren „Zionswüchter." Das seid ihr doch nicht und wollet es auch nicht sein. Freilich ein klein wenig mehr Theilnahme für die gute jüdische Sache, welche wir vertreten, wäre, euch sehr wohl zu gönnen und zu wünschcn; da zeigt ja die christliche Welt tausendmal mehr Verständniß für unsere Bestrebungen wie ihr und wahrlich nicht zum Nachtheil für des Juden Recht und Gerechtsame. Ihr habt durchaus nicht zu fürchten, daß wir auch nur das kleinste Körnchen von unseren Ansprüchen auf bürgerliche und staatsbürgerliche Gleichstellung abtaffen werden. Wir sind ja keine Assimilanten, keine Kriecher und Aengstlichen; darum verlangen wir kategorisch, daß ihr uns in Ruhe gewähren lasset; wir müßten sonst in Zukunft nicht nur hebräisch schreiben — das habt ihr uns ja in euerer Erklärung zugestanden — sondern noch viel eifriger und fleißiger als bisher auch deutsch; deutsch schreiben und deutsch reden — mit euch! Memel, 14. Juni 1897. Die Woche. Wien, 24. Juni. Das Jubiläum der Königin von England war der Glanz dieser Woche. Die Fürstin ist in den 60 Jahren ihrer Herrschaft — wenn man das Wort von der englischen Regierungsform gebrauchen kann — den Völkern ihres weiten Reiches ans Herz gewachsen. U ber den Streit der Parteien und Völkerstämme hinweg richten sich Aller Augen in ungezwungener Verehrung nach der Trägerin der Krone. Ein ähnliches Schauspiel wird die Welt im nächsten Jahre beim Jubiläum unseres Kaisers haben, auf den man jetzt in England gerne hinweist, als auf den anderen allgemein verehrten Bürgen des europäischen Friedens. * * * Sechzig Jahre Königin von England. Die jetzt eine Greisin ist, war ein liebliches, junges Mädchen, als sie den Thron bestieg. Während ihres Vorrückens auf dem Lebensweg hat England eine Entwicklung von beispielloser Fülle durchgemacht. In England wurden die modernen Berkehrsbedingungen zuerst in ihrer ganzen Bedeutung erfaßt, und dieses Verständniß drückte sich in einer machtvollen Gestaltung der Colonialpolitik aus. Die Zeit des Dampfes und der Elekricität wurde von dem meerbeherrschenden Jnselreiche klug, und rasch ausgenützt. Und wie der Staat sich in den neuen Bedingungen des Völkerlebens eilig zurechtfand, so war auch die Erziehung der Individuen zum modernen Verkehre früher vollendet, als anderswo. Im übrigen Europa zögerte man mit der Colonialpolitik, die für

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