Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 18 (8.5.1908)
- Date
- 1908-05-08
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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bilden, und man von einer weitgehenden Nationalisierung der jüdischen Masse im zionistischen Sänne nicht sprechen kann, bevor die Assimilationspartei aus den Kultusgemeinden" nicht verdrängt werden wird. Insbesondere aber jetzt, wo die Wellen der Assimilationsflut in dem galizischen Schulwesen hochschlagen, ist es unbedingt notwendig, daß die jüdischen Kultusgemeinden, die einzig und allein dazu berechtigt und berufen sind, gegen die Absichten der polnischen Machthaber und ihrer Bundesgenossen, der Polen- Juden aus dem Lager Löwensteins kräftig protestieren sollen. Wir dürfen auch nicht vergessen, daß unsere „KahaTs" -in Galizien sogar eine politische Bedeutung haben und daß die Regierung mit ihnen als den einzigen Vertretern der jüdischen Bevölkerung rechnet. Die Demokratisierung des galizischen Judentums ist überhaupt nicht denkbar, wenn die bisherigen „Versorger", welche das Volk versklavten und in schändlicher Weise ausnützten, weiter ihre Macht behalten sollten. Es ist also die wichtigste .Pflicht der zionistischen Organisation, in erster Reihe einen heftigen Kampf um die Eroberung der jüdischen Kultusgemeinden in allen galizischen Städten und Städtchen aufzunehmen, weil zionistische Kultusgemeinden die sicherste Grundlage bilden werden für die nationale Autonomie der Juden. Dieser Kampf muß ein ernster sein und soll nicht wie bisher geführt werden, wo man im letzten Momente bei den Kultusratswahlen mit eigenen Kandidaturen ohne jedwede Vorbereitungsarbeit aufzutreten pflegte. Ut aliquid fecisse videatur. Diese Oberzeugung, daß die Kultusgemeinden für uns ein viel wichtigerer nationaler Posten sind, als die anderen gesetzgebenden Körperschaften, hat sich übrigens in der letzten Zeit immer mehr verbreitet und sogar das offizielle Parteiorgan „Tagblatt" hat dieser Tatsache Ausdruck gegeben. Wir können daher hoffen, daß auch das zionistische Zentralkomitee sich dieser Angelegenheit endlich annehmen und den Wahlkampf in ganz Galizien vorsichtig und mit einem einheitlichen Plan überall durchführen wird. Die Unterstützung des Zentralkomitees ist nämlich deshalb von großer Wichtigkeit, weil die polnischen Behörden unseren Gesinnungsgenossen in ihrem Kampfe mit den assimilatorischen „Moschkos", welche jetzt die Kultusstuben mit ihren Kreaturen besetzen, große Schwierigkeiten machen, denen die lokalen Kräfte sich nicht immer' widersetzen können. So z. B. gelang es den Zionisten in Skole erst nach einem sehr langen Kampfe und nach der Intervention des „Jüdischen Klubs", im Parlament durch eine entsprechende Interpellation, den Obmann des dortigen „Zion-Vereins, Gg. Benjamin Klüger, endgültig zum Kultuspräsidenten zu wählen. In Jaslo wieder bekämpft die dortige Bezirkshauptmannschaft zugleich mit der Kahalsklique, unseren vortrefflichen Gesinnungsgenossen Dr. Kornhäuser,_ dessen Wahl in den Kultusrat schon zweimal annulliert wurde. Überhaupt bedienen sich die galizischen Behörden aller möglichen Mittel, um nur die Zionisten in die Kultusgemeinden nicht zuzulassen. Wir hoffen aber, daß trotz aller Hindernisse die zionistische Idee allmählich unsere Kultusgemeinden erobern wird, wenn die zionistischen Parteiführer ein wahres Verständnis für diese Angelegenheit beweisen werden. Konferenz der galizischen Ivriahvereine Am 19. April fand in Lemberg im Saale des Vereines „Tikwath Zion" eine Konferenz der galizischen Abteilung der Weltorganisation „Ivriah" statt, an der über 50 Personen aus mehreren Städten Galiziens teilgenommen haben. Die Eröffnungsrede hielt Dr. Braude, der Präsident des zionistischen Zentralkomitees in Galizien. Er betonte, daß die Ivriahorganisation ein Bestandteil des Zionismus sei und daß ein Zusammengehen dieser Organisation mit der allgemeinen zionistischen Partei für das erwachende jüdische Volk von hoher Bedeutung sein werde. Zum Schluß hielt der Redner einen wärmen Nachruf auf die jüngst gestorbenen hebräischen Schriftsteller Jehuda Steinberg und J. Berschadzki. Darauf referierte M. Kleinmann über die Aufgaben und Organisation ' der Ivriah-Vereine. Er erinnerte daran, daß die Ivriahorganisation gar keine politischen Zwecke Verfolges, sondern daß sie sich zur Aufgabe gemacht hat, die hebräische Sprache in den Golusländern und in Palästina zu beleben. Der Zionismus, der sich immer für die Verbreitung und Vertiefung der jüdischen Kultur mit seiner ganzen Kraft eingesetzt hat, hat jetzt die Ivriahorganisation geschaffen. Während die zionistische Partei das politische Moment im Judentum akzentuiert, will die Ivriah die Frage der nationalen Sprache lösen. Es ist also unbedingt notwendig, daß sich diese beiden Organisationen zusammenschließen, da doch beider Ziel und Zweck sei, für das jüdische Volk die Möglichkeit zu schaffen sich politisch und kulturell frei zu entwickeln. Redner stellt zuletzt den Antrag, daß die Ivriahorganisation in Galizien auf das engste mi der allgemeinen zionistischen Partei verbunden sein soll. Jeder zionistische Verein soll einen Ivriahklub bilden. Diese Klubs werden zwar alljährlich ein eigenes Ivriahzentralkomitee für Galizien wählen. Dieses Zentralkomite soll aber nur einen Beirat für die kulturellen Angelegenheiten bei der Zentrale der ganzen zionistischen Partei bilden. Über dieses Referat entwickelte sich eine lange und lebhafte Debatte, an der Gg. Jahr (Lemberg), Sofermann (Rohatyn), Lipschütz, Seidemann teilnahmen. Mehrere Redner forderten, daß die Organisationen vollkommen unabhängig voneinander sein sollen. Es sei eine Anomalie, daß, während die Weltorganisation Ivriah, welcher doch die galizischen Ivriahvereine" angehören, einen ' besonderen, unabhängigen Verband bildet, die galizische Ivriahorganisation sich der allgemeinen zionistischen Partei im Lande anschließen sollte. Anderseits hoben einige Redner hervor, daß es in den jetzigen politischen' Verhältnissen in Galizien, wo der Zionismus bedrängt und zionistische Vereine oft ohne jedweden Grund schikaniert und manchmal sogar illegal aufgelöst .werden, — für die Ivriah viel ratsamer wäre, keine besonderen Vereine zu gründen und wenigstens offiziell als besonderer Verband nicht zu figurieren. Schließlich wurde ein Kompromißantrag angenommen, welcher der Ivriahorganisation .empfiehlt, womöglich sich nicht als gesonderte Vereine mit eigenen Statuten zu konstituieren, sondern sich als Klubs im Schöße der bestehenden allgemeinen zionistischen Vereine zusammenzuschließen. Gg. Siegelbaum (Brody) referierte sodann über die Gründung von hebräischen Bibliotheken und Verbreitung der Literatur. Der Antrag Siegelbaums, welcher die Wahl einer Kommission verlangte, die eine Zentralbibliothek bei dem Ivriahzentralkomitee gründen sollte und überhaupt die Pflicht hätte, einen entsprechenden Bücherverkauf zu organisieren, wurde angenommen. ■ Am Montag den 20. April debattierte man über Organisationsfragen. Nach einer längeren Diskussion wurden die Statuten im Sinne der früheren Debatten und Beschlüsse geändert und,schließlich angenommen. Es wurde noch' eine Resolution angenommen, weiche alle Delegierte eine Aktion zugunsten der verwaisten Familie J. Steinbergs einzuleiten verpflichtet. Hierauf fanden die Wahlen in das Ivriahzentralkomitee statt. Gewählt wurden: Dr. Markus Braude (Vorsitzender), Jahr, Lipschütz, M. Katz und Jawetz. Aus den Provinzstädten: Diesendruck (Stryj), Sofermann (Rohatyn), Henisch (Stanislau) und Scharfstein (Breczany). Es wäre noch zu bemerken, daß alle Referate und Debatten nur in der hebräischen Sprache geführt wurden. Die christliche Ethik in den galizischen Mittelschulen - Nicht über diese „christliche Ethik" wollen wir sprechen, welche den polnischen Professoren, die jüdischen Schüier zu verfolgen und ihnen das schwerste Leid zuzufügen heißt. Auch nicht über diese Ethik will ich berichten, welche Polizei und Gendarmerie hinsendet, um jüdische Schüler, welche in einem Bethause hebräisch lernen, zu verhaften., weil sie ... konspirieren. Zuletzt meine ich auch nicht jene Ethik, welche jüdische Gymnasialprofessoren nur deshalb nieftt zuläßt, weil,sie in jedem Juden, der sich nicht zur Denunzierung zionistischer Schüler hergeben will, einen Zionisten, also einen „Staatsverschwörer" sieht. Nein! Über die „Ethik" wollen wir berichten, welche vor einigen Tagen auf der Direktorenkonferenz der galizischen Mittelschulen unter dem Vorsitze des neuen Vizepräsidenten des Landesschulrates — „beschlossen" wurde. Da wurde nämlich ein Antrag eines Herrn Sabat einstimmig angenommen, welche den Direktoren der galizischen Mittelschulen empfiehlt, „danach zu streben, daß die Jugend mitsamt den Lehrern tiefer in die Grundsätze der wahren christlichen Ethik eindringen sollen, durch eine entsprechende Ausbildung des Lehrerstandes und durch ein deutlicheres Ausprägen des katholischen Geistes auf unseren Mittelschulen. Jede Schullektion — betont diese Resolution — muß vom katholischen Geiste ■erfüllt sein. Die jüdischen Schüler scheinen die Herren Direktoren gänzlich vergessen zu haben! Trotzdem die Juden in den Gymnasien 20 Prozent der gesamten Schülerzahl bilden und in den Realschulen sogar über 27 Prozent, nehmen die Direktoren keinen Anstand daran, um die galizischen Mittelschulen zu rein katholischen Anstalten zu machen, welche die religiösen Gefühle der jüdischen Schüler verletzen und unsere Jugend dem katholischen Klerikalismus zum Opfer bringen sollen. Der unlängst erst ernannte Leiter des Landesschulrates,. Hofrates Dembowski, ist schon seit Jahren als Erzklerikaler bekannt und die jüdische Jugend kann nichts gutes von ihm erwarten. Daß er aber in so offener Weise' die religiösen Überzeugungen der jüdischen Bevölkerung beleidigen wird — das haben sogar die ärgsten' Pessimisten nicht voraus-, sehen können.