Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 18 (8.5.1908)
- Date
- 1908-05-08
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 13 DIE LT verdoppeltem Eifer angestellt. Dank der energischen Arbeit, der Polizei wurde denn auch der Vermißte am zweiten Tage aufgefunden. Er war vor den Grausamkeiten seiner Stiefmutter entflohen und hielt sich bei einem kleinen Drucker in Rasgrad auf. Er bestritt durchaus? jemals bei dem armenischen „Zeugen" gewesen zu sein. Das Bekanntwerden dieser Nachricht rief natürlich bei den Juden große Freude hervor, während die „gute Gesellschaft" Varnas sich beschämt vom Schauplatze ihrer Heldentaten zurückzog. Die Juden ihrerseits erließen am ersten Tage Chol-Hamoed einen geharnischten Protest gegen die Blutanklage, deren Opfer sie beinahe geworden wären. Dieser Protest wurde von fast allen bulgarischen Zeitungen abgedruckt, die dabei ihrer Sympathie für die Juden Ausdruck gaben und eine strenge Bestrafung der Agitatoren und „Zeugen" verlangten. Natürlich wird das nicht hindern, daß dieselbe Gemeinheit im nächsten Jahre an einer andern Stelle auftaucht. Brief aus Galizien (Von unserem Berichterstatter) Eine zionistische Organisation jugendlicher Chassidim Seit mehr als einem Jahre besteht in Galizien eine zionistische Organisation, die sich zum Ziel gesetzt hat, die zionistische Idee auch unter den Kreisen der Chassidim, die bis nun dem Zionismus feindlich gegenüberstehen, zu verbreiten. Diese Agitation, welche sich jetzt nur auf die chassidische Jugend beschränkt,und von ihrer eigenen „Haschachar"-Organisation geführt wird, könnte unserer Partei eine große Anzahl von neuen Kräften zuführen und von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung des zionistischen Gedankens in Galizien sein, — wenn die Leitung der zionistischen Partei ihr mehr Interesse widmen und sie materiell und moralisch unterstützen wollte. Die Chassidim sind nämlich in Galizien noch heute eine starke Macht im Judentum, und in vielen Bezirken bilden sie sogar eine überwiegende, stramm organisierte Mehrheit der jüdischen Bevölkerung. Wegen ihrer fanatischen Unduldsamkeit und des Mangels jeglichen Verständnisses für die europäische Kultur stößt die zionistische Agitation unter den galizischen Chassidim auf sehr große Schwierigkeiten. Nichtsdestoweniger müßten es die galizischen Zionisten als ihre Pflicht erachten, auch diese Kreise für unsere Idee zu gewinnen, und eine wohl geplante Agitationsarbeit könnte zusammen mit den Bemühungen der früher erwähnten „Haschachar"- Organisation einen leichten Erfolg erzielen. Die chassidische Jugend steht schon jetzt stark unter dem Einflüsse des Zionismus und die letzte Zusammenkunft der „Haschachara-Organisation, welche während der Passah-Feiertage in Rzeszow stattgefunden, hat es wieder klar bewiesen. An der Konferenz haben 30 Delegierte teilgenommen, welche mehrere Vereine jugendlicher Chassidim vertraten; aus mehreren Städten sind Begrüßungstelegramme eingelaufen. Die Beratungen eröffnete Gg. Wiesenfeld, im Namen des westgalizischen Distriktkomitees und des Kreiskomitees in Rzeszow begrüßten die Delegierten Gg. A. Apfelbaum und Dr. Weinberg. Ins Präsidium wurden gewählt: Wiesenfeld (Rzeszow), Vorsitzender, Goldstein (Jasto) und B r a n d s t ä 11 e r (Ta rno w), Stellvertreter, S i e g e 1, (Bjcezany) Sekretär. Den Tätigkeitsbericht der Organisation erstattete der Sekretär der „Haschachar"-Zentrale, Gg. Meiler. Er hob hervor, daß trotz vieler Schwierigkeiten neue „Haschachar"-Vereine gegründet worden sindund daß die Organisation im letzten Jahre sich stark entwickelt hat. Man konnte sogar an die Herausgabe einer besonderen hebräischen Monatsschrift „Haschachar" schreiten. In der Diskussion warfen mehrere Redner dem Zentralkomitee vor, daß es seinen Aufgaben nicht gewachsen war und daß dadurch viele sehr wichtige Angelegenheiten und Arbeitsmöglichkeiten vernachlässigt wurden. Auf Antrag Wachs wurde schließlich dem Zentralkomitee das Absolutorium votiert. Nachmittags referierte Gg. Wiesenfeld über die „Organisation". In einer langen Rede begründete der Referent das Bedürfnis einer besonderen zionistischen Organisation der chassidischen Jünglinge und besprach dann eingehend das Verhältnis der „Haschachar"-Organisation zu den anderen ähnlichen zionistischen Organisationen, wie „Misrachi" und „Ivriah". Der Redner beantragte folgende Resolutionen, welche nach einer erschöpfenden Debatte angenommen wurden: I. Die „Haschachar"-Organisation ist eine Vereinigung der talmudischen Jugend zum Selbstbildungszweck, welche auf dem Standpunkte des Baseler Programms steht, a) Jedes Mitglied der „Haschachar"-Organisation ist verpflichtet den Schekel zu bezahlen, b) Die „Haschachar" - Organisation unterliegt keiner jüdischen Institution außer dem zionistischen A. C. in Köln, c) Die offizielle Sprache der Organisation ist die hebräische, als Aushilfssprache kann auch der „Jargon" benutzt werden. II. Das Zentralkomitee, welches aus 7 Mitgliedern besteht, leitet die ganze Organisation. Es wurden noch andere Anträge beschlossen, welche den Ausbau der Organisation bezwecken; mit der „Ivriah" soll der „Haschachar" in Einverständnis treten. Zuletzt wurde die allgemeine zionistische Organisation aufgefordert, ihre Beschlüsse in der Angelegenheit der hebräischen Sprache, der jüdischen Kultur und Erziehung durchzuführen. Über das Parteiorgan „Haschachar" referierte Gg. Melier. Es wurde ein Preßkomitee gewählt, welches für die Weiterführung der Monatschrift zu sorgen hat, und zugleich wurde jedes Parteimitglied aufgefordert, das Parteiorgan, in welcher F.orm es auch erscheinen sollte, zu abonnieren. Zum letzten Punkt der Tagesordnung „Agitation" sprach Laufbahn (Dembica). Die Konferenz beauftragte den Gg. Laufbahn, ein Agitationsprogramm auszuarbeiten. — In das Zentralkomitee wurden gewählt: Geldzähler, Brendstädter, Lichtinger, Safier. Zum Schluß hielt Gg. Wiesenfeld eine warme Ansprache an die Delegierten und forderte die Genossen zur Gründung von „Pioniergruppen für Palästina" auf. Erst in später Nacht wurde die Konferenz, welche sehr ruhig und in einer musterhaften parlamentarischen Ordnung verlaufen ist, geschlossen. Das Zentralkomitee der „Haschachar"-Organisation, welches sich jetzt in Tarnow befindet, hat sich schon konstituiert. Den Vorsitz übernahm Gg. Dawid Geldzähler. Der neuen Leitung wünschen wir viel Glück und Ausdauer in der schweren, aber dankbaren nationalen Arbeit. Die galizischen Behörden und der Zionismus Die galizischen Behörden hören nicht auf, die zionistischen Vereine zu drangsalieren, und jeden Tag werden die Klagen der auf jedem Tritte schikanierten Zionisten lauter. Seit den letzten Reichsratswahlen hetzt die polnische Presse in einer geradezu schändlichen Weise gegen die Zionisten, und die politischen Behörden wetteifern miteinander in der fortwährenden Bedrückung der oppositionellen jüdischen Bevölkerung. Der Druck der Regierung und die berüchtigten „galizischen Verhältnisse" haben schon ihre Frucht getragen. Der Statthalter Galiziens, Potocki, wurde von einem ruthenischen Studenten ermordet, welcher nach seiner Verhaftung ruhig erklärte, daß er diese Tat „als Verteidiger der ruthenischen sowie der polnischen und jüdischen Nation" vollbracht hat. Der neue Statthalter Bobrzynski, welcher jetzt das Amt des galizischen „Vizekönigs" übernommen hat, wird aber schwerlich bessere Verhältnisse in Galizien schaffen wollen. Gehört doch Bobrzynski dem klerikalsten Flügel der konservativen Partei an, und seine Tätigkeit als Leiter des galizischen Landesschulrats hat ihn als einen verbissenen Feind jedes Fortschritts im Lande dahingestellt. Insbesondere aber haben die Juden nichts von dieser neuen Ernennung zu hoffen, weil Bobrzynski heute vielleicht den schlimmsten Antisemitismus in der konservativen Partei repräsentiert. Als Vizepräsident des Landesschulrats ließ er fast keine jüdischen Lehrer in die Gymnasialschulen zu, und im Parlament hat er sich mehrmals als Anhänger einer konfessionellen Schule erklärt. Die kurze Ära der liberalen Strömung, welche der gewesene Vizepräsident Ptazek im Landesschulrat, welchem jetzt nicht nur die galizischen Volksschulen, sondern auch die Mittelschulen gänzlich unterlegen sind, inaugurierte,— ist nun vorbei. Dembowski, einer der gehässigsten Klerikalen als Leiter des Landesschulrats, und Bobrzinski, ein Ultrakonservativer, als Statthalter, bedeuten für die jüdische Bevölkerung nichts mehr als weitere Bedrückung und Verfolgung. Die jüdischen Abgeordneten im Parlament tun ihr möglichstes. Unzähligemal interpellierten sie die entsprechenden Minister und machten sie auf die Leiden der jüdischen Bevölkerung aufmerksam. Bis nun hat aber leider die Zentralregierung noch nicht den Willen gezeigt, in diesen Verhältnissen Wandel zu schaffen, weil der Einfluß des Polenklubs, des Protektors und häufig auch Initiators aller dieser Gewalttätigkeiten in „Halbasien", sie daran hindert. Die Eroberung der Kultusgemeinden Mit Freude konstatieren wir die Tatsache, daß der Kampf um die Eroberung der jüdischen Kultusgemeinden endlich in Galizien einenseiner hohen Bedeutung entsprechenden Platz in derzionistischen politischen Bewegung einnimmt und daß er jetzt mit vollem Ernst und einem energischen Aufwände aller national-jüdischen Kräfte geführt wird. Die Parlaments- und dann die Landtagswahlen haben nämlich bis nun die Aufmerksamkeit der Zionisten nur. auf die „hohe" Politik gezogen und die schwere Agitationsarbeit in diesen Wahlkampagnen führte dazu, daß mehrere Wahlen in den Kultusgemeinden verschiedener Städte vernachlässigt wurden. Es war dies ein um so größerer Fehler, als doch die Kultusgemeinden den wichtigsten national-kulturellen Faktor im jüdischen Leben Galiziens