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Die Welt · 1908-05-08 · 18 (8.5.1908) · page 17

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
18 (8.5.1908)
Date
1908-05-08
Page
– (sequence 17)
Language
German
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DIE2^ELT : No. 18 Die polnische Mittelschule in Galizien ist bis heute wahrlich niemals ein Hort des Freisinns gewesen. Das System des Landesschulrates beruhte nämlich immer auf der Klerikalisietung. der ihm unterstehenden Schulen. Nun soll es noch ärgejgwe"r4en. 5 Es genügen schon nicht die bewußt im katholisch-klerikalen" Tone gehaltenen Schulbücher; die Professoren müssen jetzt die Stelle der Jesuiten übernehmen und für die „Reinheit" der Seelen sorgen. Was sollen aber Juden! in solchen katholisch-religiösen Schulen tun, in welchen jede Schullektion erfüllt sein soll vom katholischen Geiste? Sind denn die galizischen Mittelschulen konfessionelle Schulen oder sollen sie — nach den geltenden Staatsgrundgesetzen, wenigstens. — interkonfessionell sein? Und. was sollen unsere jüdischen Kultusgemeinden dagegen tun, daß die jüdischen Schüler in den klerikal-katholischen Mittelschulen nicht ihre eigene Religion verlieren sollen? Rumänien (Von unserm Korrespondenten) Haben die rumänischen Juden bessere Zeiten zu erwarten? Diese Frage stellen wir uns oft. Aber die Vorkommnisse des Jahres überzeugen uns immer mehr, daß wenig Hoffnung auf eine Verbesserung der traurigen Lage der Juden in Rumänien vorhanden ist. Es bedarf hierzu einer kurzen Erklärung: Bekanntlich gibt es in Rumänien zwei Regierungsparteien, die Liberalen und Konservativen, die sich aber voneinander nur wenig unterscheiden, denn die erste ist ebenso wenig liberal, wie die zweite konservativ. Die Anhänger der beiden Parteien verbindet nur ein sehr loses Interesse miteinander,und sobald sie finden, daß die eine Partei ihren rein persönlichen Interessen nicht entspricht, gehen sie zur andern Partei über. Besonders die konservative Partei leidet unter dieser Interessenpölitik und ist fast immer in zwei Lager gespalten. Seit Januar ds. Js: ist die Zersplitterung innerhalb der Partei besonders stark: Ein Teil folgt dem bekannten Staatsmanne P. P. Carp, der. der einzige ist, der von den Juden eine bessere Meinung hat. Im Gegensatz zu ihrem Führer sind seine Anhänger durchaus antisemitisch gesinnt und geben häufig Proben ihrer Gesinnung ab. Die andere Gruppe der Konservativen schart sich um den gewesenen Finanzminister Tache Jonescu, der sich einer großen Beliebtheit sogar unter seinen Gegnern erfreut. Die wenigen Juden, die das Bürgerrecht besitzen, fanden auch Gelegenheit, sich an der Politik zu beteiligen. Während sie früher weder in der einen noch in der andern Partei Aufnahme gefunden haben, werden sie nunmehr — aus Mangel an andern Anhängern — in der neuen konservativ-demokratischen Partei, wie sich die Anhänger des gewesenen Finanzministers nennen, mit offenen Armen aufgenommen. Daraus ergibt sich eine beinahe tragikomische Situation. Die andern Parteien führen gegen die demokratisch-konservativen eine antisemitische Kampagne und verschreien dieselbe überall als Juden-Schutztruppe, die die Vollberechtigung der Juden im Lande anstrebt. Die Anhänger der neuen Partei schweigen selbstverständlich auch nicht und geben auf diese Beschuldigung eine sehr drastische Antwort: „Wir sind die vjjahren Nationalisten!", „Bei uns ist Herr Istrati der ehemalige Chef der .Liga Antisemita' Mitglied" usw. Und ein Mitglied dieser neuen Partei,. Herr N. Jenopol, hielt kürzlich in Jassy eine antisemitische Rede. Der Kampf, den diese Parteien unter sich führen, beweist uns leider wieder, daß die Aussicht auf bessere Zustände für die Juden in Rumänien noch in weite Ferne gerückt ist und die Erlangung der Bürgerrechte den Antisemitismus in Rumänien nicht aus der Welt schaffen wird. Mit oder ohne Bürgerrecht bleiben wir Juden und das genügt in ... . Rumänien. Seit einiger Zeit ist die Judenfrage überall wieder auf der Tagesordnung. In jeder Volksversammlung spricht man von uns, und bei jedem Gesetz, das im Parlament beraten wird, mag es noch so wenig mit der Judenfrage zu tun haben, erwähnt man den Juden. So z. B. wurde kürzlich in der Kammer ein Gesetz betreffs der Reorganisation der Armee vorgelegt. Dieses Gesetz bestimmt selbstverständlich, daß die Juden militärpflichtig sind, was jedoch nicht hindert, daß man uns zu jeder Zeit über die Grenze jagen darf. Der antisemitische Universitätsprofessor Jorga ergriff die Gelegenheit, eine Hetzrede gegen die Juden zu halten. Er verlangte den Ausschluß der Juden vom Militär und statt der Militärpflicht eine hohe Militärsteuer für diese. Seine verlogenen Argumente verdienen es wirklich nicht, erwähnt zu werden. Unter anderm sagte er, daß die Juden sich im russisch-japanischen Kriege als gänzlich untauglich erwiesen, während bekanntlich der 19 russische Heerführer Kuropatkin die Tapferkeit der jüdischen Soldaten öffentlich hervorgehoben hat. Die Kammer hörte den Hetzredner ungeduldig an. Der Ministerpräsident D. A. Sturtza, der gewiß nicht als Judenfreuod bezeichnet werden kann, fand zwar keine Lobesworte für uns,, erklärte jedoch unter dem Beifall der Kammer, welche Unannehmlichkeiten für das Land aus den Forderungen des Demagogen entstehen können. Professor Jorga zog sich in „tapferer" Weise während der Rede des Ministerpräsidenten zurück. Das Gesetz wurde einstimmig angenommen. Zionistisches Ich habe in meinen früheren Berichten die rege Tätigkeit der zionistischen Vereine in Jassy und Focschani hervorgehoben. Es scheint, daß das gute Beispiel der Provinzstädte auch auf die Hauptstadt gewirkt hat, woselbst in letzter Zeit eine regere zionistische Tätigkeit herrscht. Der zionistische Verein jüdischer Angestellter, „Idealul", in Bukarest veranstaltet jeden Sonntag Vorträge, die sehr zahlreich besucht werden. Russische Humanität Der Hilfsverein der Deutschen Juden erhält folgendes Telegramm: Die städtischen Behörden in Kiew haben ein städtisches Gebäude für die Opfer der Überschwemmung zur Verfügung gestellt. Den Juden, die durch die Überschwemmung gelitten haben, wird die Aufnahme in dieses Gebäude verweigert mit der Motivierung, das Gebäude läge in einem Stadtteil, in dem die Juden.kein Wohnrecht haben (I). _ Krakau. Am 29. März d. J. veranstaltete der hiesige Jüdische Turnverein, nach 5 monatlichem Bestehen, sein erstes Schauturnen,* das im Saale des Podgörzer Lokal-Vereines stattfand. Den Saal füllte ein vornehmes Publikum, daß das _glänzend durchgeführte Programm, bestehend aus Freiübungen, Übungen auf dem Barren, Bock und dem Reck der "Männer - Riege und auf dem Barren der Mädchen-Riege mit stürmischen Beifall belohnte. Dieses erste Schauturnen brachte dem Vereine einen glänzenden Erfolg in jeder Hinsicht, und wir hoffen, daß esder Grundstein für seine weitere Entwicklung und ein Ansporn zur weiteren Arbeit sein wird-. ^KORRESPONDENZEN^! Sehr geehrter Herr Redakteur! In der letzten Nummer der „Welt" bringen Sie über die erste Tagung der neuen badischen Synode einen Bericht, der sich im wesentlichen mit dem Gemeindewahlrechtsraub an den nicht reichsdeutschen Juden Badens beschäftigte. Diesem Bericht, der unsern Standpunkt zu jenem ungeheuerlichen Vorgang zwar voll wahrt, ihn aber unbedingt schärfer hätte akzentuieren können, ist die betrübende Tatsache zu entnehmen, daß weder die zionistischen Mitglieder, noch die durch offiziell-zionistische Unterstützung gewählte Majorität der Synode ihre Opposition bis zur entscheidenden Abstimmung durchgeführt hat. Die Beweggründe zu dieser Haltung sind — nach dem Bericht — so durchaus opportunistischer Natur, daß sie den Bruch mit den elementarsten Prinzipien nationaler Politik nicht zu erklären imstande sind. Es ist wenig wahrscheinlich, daß der Gesetzentwurf während der Wahlkampagne im Wort- . laut noch nicht bekannt war. Wie ist es nun möglich, daß seine bedingungslose Ablehnung nicht im Mindestprogramm jedes Kandidaten enthalten sein mußte, dem zionistische Wahlunterstützung zuteil wurde? Wie ist es möglich, daß „Gesinnungsgenossen" aufgestellt werden konnten, die bei der ersten Betätigung unserer Grundsätze einfach versagten? Sie würden, sehr geehrter Herr Redakteur, einer tiefgreifenden, — vielleicht nicht ganz gerechtfertigten — Erregung unserer Besten vorbeugen, wenn Sie die verantwortlichen Instanzen der badischen Organisation zu einer schleunigen Klarstellung veranlassen wollten. Mit Zionsgruß ergebenst Kattowitz, 3. Mai 1908. Siegm. Rappaport Bertha Birnbaum Rechtsanwalt Dr. Siegfried Schwarzschild Verlobte. Frankfurt a. Main. Stuttgart Bella Puder Oskar Pariser Verlobte. Aschaffenburg

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