Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 18 (8.5.1908)
- Date
- 1908-05-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3316296-3316315--50593-3377726- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
während das heimliche Behagen bereits in Leid verfloß, sprach er nicht mehr, sondern dachte nur:. „Da kommt nu das Schäfchen, und hat nebbich keine blasse Ahnung . . '.. die denkt .' . . ein Onkel mit 'n Pelz und Mitglied vom Zoologischen . . . er is nich reich : . . nee, se denkt nich, daß de reich bist . . . aber Vor sich selbst hat er genug . . . Nun, du mußt dich nur recht stolz halten und nicht bettlermäßig tun, sondern aufrecht." Und sein krummer Rücken streckte sich für einen Moment, sein zitterndes, schwülstiges Altmännergesichtchen zwang sich zu einer gemachten Strenge, wie das Gesicht von einem, der im Scherze einem Kinde bange machen will. Doch gleich schrumpfte sein Körper wieder zusammen, und die Angst, die sich in seinen wirren Augen spiegelte, wie die Scham, in Kürze betteln zu müssen, hielten sein altes schwaches Qehirn lähmend umfangen. Sein Kopf wurde ganz rot, es schüttelte ihn wie in einem, Ohnmachtsanfalle oder wie in einem halbschlafähnlichen Zustande. Lautschallend schlug er seine Hände zusammen. „Ich kann ja nichts dran tun." stönte er in schmerz^ harter Bezeugung seiner Unschuld.' in einem ihm selbst wohl kaum ins Bewußtsein tretenden Bestreben, sich zu beruhigen und seinem Gefühle der Scham Herr zu werden, bedachte er in seinem Inneren, grollend und tadelnd, wie es die Schuld des ihn quälenden Schicksals war, das ihn nun verspottete, und gegen das er doch machtlos war. „muß ich denn nu grade über die achtzig alt werden . . . muß ich denn so meschugge wahnsinnig alt werden . . . hab" ich denn nicht meiner Pflicht vollständig Genüge geleistet, wenn ich fest darauf rechnete, nicht älter als achtzig zu werden . . . Xee . . . nun expreß drüber . > . und da sitz ich nu . . Trostlos schüttelte er den Kopf, schob seinen Lehnstuh'l an den Tisch gegenüber dem •' Kaminaufsatz mit dem Spiegel in Goldrahmen, der altmodischen marmornen Pendule und den Porzellanfigürchen, warf den Kopf nach hinten und rieb sich den mit .Bartstoppeln bewachsenen Hals, und sah dabei zufällig sein Spiegelbild än, welches er in dem Glase nur verschwommen wahrnahm. „Ja, ich bin alt, und doch nicht alt genug", sprach er vor sich hin. Er schaute wieder zu Boden, und allmählich fühlte er, wie ihm behaglicher ward in dem freundlich seinen Rücken stützenden Stuhl. Aufseufzend ließ er sein Haupt in eine Vertiefung des Kopfpolsters sinken. Es tat ihm wohl, zu wissen; daß der ruhige schwarze Ofen in seiner ausdruckslosen Abgeschlossenheit ein Feuer in sich barg, das dem Zimmer Wärme verlieh. Die gelbe Farbe der Decke, hier und da vom Rauche und Alter gebräunt, heimelte ihn mit ihrem intimen Reize an. Und die Augen schließend, dachte er: Wenn ich das nur ailes behalten dürfte, ohne „danke schön" dafür sagenzu brauchen, wie bisher . . . wenn ich nun ruhig meinem Ende entgegensehen könnte, ohne mich erniedrigen zu müssen ... Ein Mann und unabhängiger Mensch bis ans Ende . . .• War' ich doch bloß beizeiten gestorben . . . Hab ich nicht sparsam gelebt . . . und wenn man nun bis auf achtzig rechnet, dann hat man doch 'seine Pflicht getan . . . Wie viele Menschen gibt es denn, die wirklich über achtzig alt werden . . . Hätten sie nicht nach seinem Tode noch gesagt „ä feiner Mann", hätten sie gesagt: „Wie sparsam der Mann gelebt hat ... nur allein, damit er keinen .andern nötig haben sollte . . . Daran kannst du nun sehen, wie alles immer vom Zufalle abhängt . . . Fromme Leute würden sagen: Gott und Fügung . . . vielleicht haben se recht . > . was weiß ich ... Man wird getrieben . , . das steht fest . . . Aber plötzlich mußte er wieder daran denken, än das. was er nun bald gezwungen war zu tun: zu bitten ... Und wieder fühlte er es; Wie sieh' seihe innersten Gedanken verschärften und. sich verdichteten zu einer gespannten lähiAenden Kette der Angst, des , Abscheues, füh'lte. er wieder, die Scham wie eine BlutweHe in ihm aufsteigen, so daß ihn} wie er so nach vorn herübergebeugt dasaß* eine/ drückende Beklommenheit überfiel und er sich, wie eiti von Alpdrücken gepeinigter .Schläfer, mit gewaltsamem Rucke und tief aufatmend aufrichtete und erschreckt mit weit aufgerissenen Augen um sidh starrte. Wieder schüttelte er das Haupt, ließ es tief auf seinen Kragen herabsinken-, äis drückten ihn seine eigenen Gedanken zu Böden, oder als wollte er deren Lautwerden gewaltsam durch diese Bewegung unterdrücken und zurückscheuchen. Plötzlich aber richtete' ör sieh mit einem Rucke wieder auf, und die geballte Faust nervös heftig auf den Tisch pressend: „Gott, warum bin ich nicht gestorben ... Wenn ich nur den Mut hätte", wütete er, „aber den hab ich nicht ... nee, den hab ich nicht ..." sprach er niedergeschlagen, den Kopf schüttelnd, wieder zu sich selbst. „Und doch," dachte er weiter, „du brauchst bloß die Klappe von so einem Ofen dicht zu machen ... eh' du zu Bett gehst, und dann liegen bleiben . . . Wenn sie mir nicht hilft und ich muß zu einem andern gehen, dann werde ich das doch tun ... 's ist nicht mehr, als eine Bewegung mit der Hand und ein paar Stunden Willenskraft, wenn du nicht gleich einschlafen kannst, um die erste Angst zu ertragen, dann biste bald weg..." Aber er. wußte ganz gut, daß er das doch niemals tun würde, und war sich klar, daß er darüber lediglich aus dem Grunde nachdachte, damit er nicht nötig habe, an das zu denken, was er tun mußte, wenn sie sich weigerte:" Andere zu bitten, und um sich selbst vorzuredendaß er ja dann immer noch die Wahl hätte und daß es in seiner Macht stand, sich einer weitern Erniedrigung zu entziehen. Und ärgerlich über seine Feigheit, sich zum Besten zu haben, schnauzte er sich selbst wütend an, und sprach halblaut: „Nun ja, wenn sie es nicht tut, und du mußt zu . jemand anderem gehen, dann traust du dir s doch nicht . . . mach dir nichts weiß ... .Schnorren gehen mußte, das ist alles." Er lief ein paarmal auf und ab, beruhigte sich etwas, sich selbst Trost zusprechend: „Alles geht doch, wie es gehen soll." „Nu," sagte er kläglich, - wie jemand, der nach einem großen Leide der Not gehorchend wieder an sein'Tagewerk geht, „ich werde eben Kaffee machen, es wird ihr wohl kalt sein." Und indem er in überfließendem Mitleiden mit sich selbst, unbewußt eine nicht vorhandene Schwäche heuchelte, hinkte er. nach einem kleinen Mahagoniglasschränkchen, aber davor blieb erwieder nachdenklich stehen. „Wenn sie kommt.." sagte er, „ja, es ist Dienstag, aber 's abscheuliche Wetter . . . glatt. Wenn sie nicht kommt," dachte er, „brauch' ich nix ze fragen . . . Alter Narr, du mußt betteln,- du bist ja ohne roten Pfennig, und dann mußt du morgen zu ihr gehen, und das ist noch schlimmer." Er seufzte tief, öffnete das Schranktürchen, holte ein japanisch lackiertes Teebrettchen hervor, setzte dieses auf das Schränkchen,dann eine alfenidene Kaffeekanne mit Spirituswärmer und Kacheleinlagen, ein ebenhölzerhes,