Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 18 (8.5.1908)
- Date
- 1908-05-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No. 18 DIE] eines im Entstehen begriffenen Werkes von Frühling über die „Juden in der österr.-ung. Armee" werden nach kurzer Debatte beschlossen. Herr Schmorak bringt eine gegen das Theologische Seminar in Lemberg gerichtete Resolution ein. Das Seminar ist ein Polonisierungsinstitut. Redner verlangt Trennung von Religion und Politik. Prof. Sternbach entfacht durch seine Handlungsweise sinen Bürgerkrieg im Judentum. Es sollen ohne Zustimmung des , Bundes" keine Landesinstitute gegründet werden. Dr. Brau de hält den Antrag Schmoraks für zu weitgehend. Wir verlangennur, daß der Bundesvorstand die Angelegenheit prüft. Es ist eine Frage" des öffentlichen Gewissens. Prof. Sternbach verlangt von Lehrern und Schülern die Unterzeichnung eines Bekenntnisses zur polnischen Nation. Eine Religionsanstalt wird ^ELT 9 als Kampfmittel gegen eine Partei im Judentum mißbraucht. Wenn eine Privatperson an den „Bundden Ruf richten würde, ein ihr geschehenes Unrecht zu prüfen, so müsse der „Bund" eingreifen. Abg. Dr. G r o ß nimmt Dr. Sternbach in Schutz, worauf die Debatte einen bewegten Verlauf nimmt. Präs. Dr. Stern erklärt mit Rücksicht auf den politischen Charakter der Angelegenheit, den Antrag Dr. Braude nicht zur Abstimmung bringen zu können. Hickl und Dr. Bloch beantragen ein Dankesvotum für den Präsidenten, der von der Versammlung lebhaft akklamiert wird. Präs. Dr. Stern dankt in bewegten Worten. Er sei glücklich, daß es ihm vergönnt war, Vertreter von 115 jüdischen Gemeinden zu begrüßen. Die Tagung die so würdig verlaufen, werde eine Verschönerung seines Lebensabends sein. (Anhaltender Beifall.) FEUILLETON ABWÄRTS Skizze von AI. Ii. VAN CAMPEN Autorisierte Obersetzung aus dem holländischen Manuskript Halbtot von diesem verwünschten Abbürsten ließ Herr Wolf sein feistes Körperchen, das er auf den Zehen balancierte, auf seine Hacken zurückfallen, wodurch sein Oberkörper wieder zusammenschrumpfte; dann seufzte er tief auf, während seine wäßrigen, unter dem Reflexe der Brillengläser erglänzenden Augen angestrengt nach dem hoch über ihm an einer Mauerkrampe hängenden Pelze starrten. Jetzt wich er etwas zurück, um den Mantel, der durch seinen Schatten verdunkelt wurde, besser besichtigen zu können. Und wie er jetzt sein Haupt hinten herüber beugte, so daß die Strahlen der Lampe auf seinem kahlen Schädel zitternde Lichter hervorriefen und der Kranz von grauweißen Haaren am untersten Ende des Hinterkopfs sich über den schwarzen Rockkragen legte, während die große krumme Nase wie ein Vogelschnabel emporragte, klappte sein zahnloser Mund weit auseinander, und seine Augenbrauen strebten nach oben, wie von einem, der stumm vor Erstaunen in banger Neugier einem Märchen lauscht. Hierauf, nachdem der Mund sich wieder geschlossen hatte, bei welchem Vorgange sich die gebißlosen Kiefern — ähnlich wie die Schenkel einer lahmen Schere — augenscheinlich zu viel übereinander schoben und die fleischigen Wangen, zu groß im Verhältnisse zu dem zusammengeschrumpften Gesichtchen, wie die Backentaschen der Affen schwülstig herabhingen, sagte er: „Nun schon wieder fertig," trat näher an die Wand heran, legte die Bürste auf den rotplüschenen Sitz des altväterlichen rokokogeschweiften Lehnstuhls, schlenkerte, wieder mit offnem Munde und erstauntem Gesichte nach oben sehend, den schweren Mantel, indem er ihn von unten herauf in die Höhe schob, von dem Haken herunter und strich, nachdem er ihn zwischen rechtem Arm und Brust so weit hatte durchgleiten lassen, bis der Kragen in Höhe seiner Schulter war, die glänzend braunen Pelzhaare zurück. Hierdurch kamen die untersten Lagen zum Vorschein, und er pustete und blies darüber, so daß sich Grübchen und zitternde Falten bildeten wie auf Wasser, das man durch Blasen in Bewegung gesetzt hat, und das sich sofort wieder ebnet. Ein gestört ärgerliches Gesicht schneidend, wischte er sich unterdessen ein zitterndes Tröpfchen von seiner Nase. Und mit der selbstzufrieden-grämlichen Gewohnheit alleinstehender Menschen, mit sich selbst zu sprechen, mommelte er vor sich hin: „Hab' mich schon wieder erkältet." Seinen Zeigefinger durch den Aufhänger gesteckt, schleppte er den wie ein Stück Holz herunterbaumelnden Mantel vor sich her, und während er die Tür des Kleiderschranks aufzog und den Pelz, die anderen Kleidungsstücke beiseiteschiebend, in die tiefe düstre Leere mit hoch erhobenem Arm über den Kopf eines Hakens gleiten ließ, krächzte er, gewissermaßen als laute Antwort auf eine gedachte Frage, „Hätte er denn wirklich dreißig Gulden aufgebracht" . . . Mit hochrotem Antlitz trat er wieder zurück, schlug die Schranktür zu, atmete asthmatisch keuchend, trocknete sich mit seinem rot und gelbseidenen Taschentuche die Stirn ab. Dann lief er nach dem runden, mit dunkelrotem, geblümtem Tuche bedeckten Tische, wo er nachdenklich stehen blieb. „Hundertzwanzig Gulden hat er gekostet," murmelte er wieder, „laß ihn nun wert sein achtzig . . . das is er nich wert .... aber". . . und er nickte zugebend mit dem Kopfe. „Gut, soll er wert sein achtzig, das ist ein drittel . . . reichlich fünfundzwanzig Gulden . . . wenn er keine Motten hat . . . aber . . . wenn keine Motten drin sind . . . sagen se noch, sie sind drinn .. . . dann haben se kein Risiko . . . hätt' ich zehn Güldenche gekriegt---... Nu, was hätt' mir das schon geholfen? . . . Der Ring . . . nu ja, was is der wert . . . Anständig, wenn se dir ein'n Reichstaler drauf gegeben hätten ... die Meerschaumpfeife . . . nebbich ... 's einz'ge wär noch, sie bei Wasmann zu verkaufen . . . Jawohl, der gibt noch was dafür, weil se so schön durchgeraucht is . . . vor sein Schaufenster . . . Aber ach, was hätt' ich damit gemacht . . . Möbelstücke kann ich nicht verkaufen, erfährt's de ganze Nachbarschaft und de ganze Stadt---. . .Oh wai, was bin ich bloß fern Schlemiehl . . . Die Uhr mit der Kette war's einzige noch . . . fünfundsiebzig Gulden, na, . . . das .war noch der Mühe wert . . Wirklich, wie spät ist's, dachte er. Die Augen halb zusammenkneifend, blinzelte er nach der Standuhr. Es war halb vier. Aus seinem weichen und ihm immerhin wohltuenden Selbstbemitleiden geriet er jetzt in einen aus seiner innersten Seele hervorquellenden Verdruß über die immer näher an ihn herankriechende drohende Zukunft, und