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Die Welt · 1908-05-08 · 18 (8.5.1908) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
18 (8.5.1908)
Date
1908-05-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
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versuchten. Allgemeine Überraschung rief der „Demokrat" Abg. Dr. Groß (Krakau) hervor, der die Antisemitenreinheit pries und gegen die „Aufrüttelung der Massen" sprach. Er fand den lebhaften Beifall aller, die nur keinen Lärm machen wollen. Daß er nach dieser Flaumacherei nichts anderes zu tun hatte, als an dem wenig scharfen Ton der Resolution herumzukritteln, kennzeichnet wohl am treffendsten die Partei der „unabhängigen Juden", die sehr energisch und radikal in Resolutionen tut. Treffende Worte fanden dagegen Dr. Zipser und Abg. Drl Straucher. Nachstehend der Bericht. Dr Zipser zweifelt nicht an der einstimmigen Annahme' der Resolution. Der Bundestag muß einig sein, in der Abwehr derartiger Angriffe. Allein mit Enunziationen ist wenig getan. Weder wir, noch weniger unsere Gegner messen diesen Beschlüssen Bedeutung bei. Die Resolution Schmidt war nur auf dem Wiener Boden möglich, denn die Wiener Christlichsozialen kennen als feine Beobachter die Wiener Juden, die für jüdische Solidarität kein Verständnis haben (Oho-Rufe\ In Wien gibt es Juden mit weitem Gewissen, die die russische Pogromregierung und die antisemitische Stadtverwaltung finanziell unterstützten. Das muß aufhören. Der „Bund" muß in diesem Sinne einen moralischen Druck auf die jüdischen Finanzmänner ausüben. Redner erinnert daran, daß die jüdischen Reichen im Mittelalter ihre Geldmacht dazu benutzten, um von geldbedürftigen Regenten Erleichterungen des Loses ihrer Stammesgenossen zu erlangen. Ähnlich muß auch jetzt vorgegangen werden, wollen wir unseren Resolutionen Nachdruck verleihen. (Beifall.) Hie kl wendet sich gegen die falschen Freunde der Judenheit, die Deutschfortschrittlichen, die versteckte Antisemiten sind. (Unruhe im Präsidium und bei den „deutschfortschrittlichen" Delegierten.) Abg. Dr. G r o ß: Die Angelegenheit Schmidt ist nicht so schwarz; Es war eine Zufallsmajorität. Die freiheitlichen Czechen, auch der Polenklub waren dagegen. Freilich, die Deutschen sind die ärgsten Antisemiten. In Galizien gibt es solche nicht. Als er das im Parlament behauptete, wurde er von Glombinski selbst beglückwünscht! Redner wendet sich gegen den Vorschlag Hickl, jüdische Volksversammlungen zum Protest zu organisieren. Es werden sich fromme Juden finden, die sich über den Antrag Schmidt freuen werden. Man soll die Sache nicht ausposaunen. Wir wollen die Schwarzen nicht schwärzer machen. (Zustimmung.) Zum Schluß tritt Redner für die Demokratisierung der Kultusstuben ein. Dr. Imalis wundert sich, daß die jüdischen Abgeordneten, die ja in so vielen Klubs zerstreut sind, was er vollkommen billigt, die Annahme einer Schmidt-Resolution nicht verhindern konnten. Dr. Frankfurter ist ebenfalls nicht geneigt, die Sache tragisch zu nehmen. Abg. Schmidt will sich, ebenso wie seinerzeit Prof. Sturm, durch judenfeindliche Anträge hervortun. Der Beschluß wird nicht durchgeführt werden, denn Herr Dr. Frankfurter führt einen logisch unanfechtbaren Beweis dafür, daß die jüdischen Mittelschüler nie unbequem seien: im Kaiser-und Maximiliangymnasium sind die Juden in der Majorität; trotzdem sind die Direktoren, entgegen dem Gesetze, keine Juden, auf die jüdischen Feiertage wird keine Rücksicht genommen. Wir verlangen es auch nicht!.. (So! Warum? Lärm.) Abg. Dr. Straucher trifft in der Polemik gegen seine Vorredner den Nagel auf den Kopf. Der Resolutionsantrag Schmidt ist weder eine Demonstration, noch ein Zufall. Es ist ein planmäßiger Vorstoß der Christlichsozialen, die die Unterstützung auch der Deutschfreiheitlichen fanden. (Rufe: Das sind nicht die Deutschfortschrittlichen!) Die Herren scheinen zu fürchten, daß ein kalter Hauch auf die Deutschfortschrittlichen fällt. Ich will Ihnen ein für mich beschämendes Geheimnis verraten. Vor zehn Jahren, als neugewählter Abgeordneter, bewarb ich mich um die Aufnahme in die deutsche Fortschrittspartei. Ich wurde als prononziert jüdischer Abgeordneter abgewiesen. (Bewegung.) Redner bespricht die Taktik des Jüdischen Klubs in der Wahrmund-Affäre, wo er sich Zurückhaltung auferlegt hat (lebhafter Beifall), und in der durch die Resolution Schmidt geschaffenen Situation. Der Jüdische Klub regte das gemeinsame Vorgehen aller jüdischen Abgeordneten an. Die beschlossene Protestkundgebung der Abgeordneten wird im Budgetausschuß vom Abg. Dr. Kolischer zur Verlesung gebracht werden. (Ist inzwischen geschehen.) Sollte der Antrag Schmidt im Hause zur Verhandlung kommen, wird der Jüdische Klub auch dort Verwahrung dagegen einlegen. Redner ist gegen eine Politik, die von den oberen Zehntausend geführt wird, — die Massen, das Volk, müssen aufgerüttelt, zum Widerstand organisiert werden. (Lebhafter Beifäll.) Margules (Czortkow) verwahrt sich als orthodoxer Jude auf das energischeste gegen die unsinnige Behauptung des Abg. Dr. Ad. Groß, daß die frommen Juden dem Antrag Schmidt beipflichten werden. Das Gegenteil ist der Fall. Die Resolution wird nunmehr in vorliegender Fassung angenommen. Präsident Dr. Stern teilt mit, daß 78 unvertretene Kultusgemeinden ihre Zustimmung zu den Beschlüssen des Bundestages telegraphisch kundgaben. Er erblickt darin einen Beweis, daß Abg. Dr. Groß der orthodoxen Judenschaft Galiziens unrecht tat. . Hierauf erstattet der Sekretär des „Bundes", Herr Jakob Krauß. den Bericht. Der Bund war eine Zentralstelle für alle gemeinsamen Gemeindeangelegenheiten. Er leistete Rechtsbeistand.' In der Schächtfrage wurde ein niederösterreichischer Kultusgemeindetag einberufen und an zuständiger Stelle eingeschritten, so daß die Durchführung des Landtagsbeschlusses verhindert wurde. Wiewohl der „Bund" in der Emigratio nsf rage nichts Positives leisten kann und dieses Tätigkeitsgebiet der „Alliance" überlassen muß, die volle Anerkennung verdient, so leistete er doch, angesichts der Wichtigkeit der Frage, der Einladung des Emigrationsdepartements der Jewish Territorial Organisation (ITO) Folge und versprach, in das zu gründende Wiener Emigrationskomitee seinen Vertreter zu entsenden. Behufs Bildung einer Herzlsammlung in dem Jüdischen Museum in Wien wandte sich der „Bund" an Herrn Prof. Kellner, erhielt jedoch die Antwort, daß alle Gegenstände von historischer Bedeutung aus dem Nachlasse Herzls (Manuskripte, Geschenke jüdischer Korporationen und Souveräne usw.) nach Palästina geschickt werden. Zum Schluß unterbreitet der Referent den Entwurf eines Reichsverbandes zur Unterstützung von Witwen und Waisen jüdischer Gemeindebeamter. Abg. Dr. Gabel wünscht die Ausgestaltung des Arbeitsgebietes des „Bundes". Er soll die Einführung des demokratischen Wahlrechtes bei den Gemeinden bewirken, sozialpolitische Maßnahmen zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit ergreifen. In Österreich gibt es 35000 jüdische Taglöhner. Es müssen Arbeitsnachweisbureaus für Arbeiter gegründet werden. Redner regt die Gründung eines jüdischen statistischen Amtes an. Redner Dr. Stein und Dr. Körner (Göding) sprechen über die bestehenden Einrichtungen zur Versicherung jüdischer Beamter. In Mähren führte z.B. der Landesmassafonds eine Invaliditätsversicherung ein. Die Regierung hat durch die Schaffung des Reichspensionsgesetzes ebenfalls teilweise dem „Bunde" vorgegriffen. Als Zusatz kann die Versicherung von Witwen und Waisen jedoch akzeptiert werden. Dr. Rosenbacher (Prag) und Kaiserl. Rat Pollak (Bielitz) wenden sich gegen das allgemeine Wahlrecht. Nachdem Hickl für die Schaffung einer.Bundessteuer plädiert und Abg. Dr. Groß die Heranziehung eines Versicherungstechnikers zur Ausarbeitung der Vorlage angeregt, wird die Durchführung der Versicherung von Witwen und Waisen im Prinzip zum Beschluß erhoben. Die am Schluß der Vormittagssitzung vorgenommenen Vorstandswahlen ergaben folgendes Resultat: Dr. A. Stern, Dr. Rosenbacher, Dr. Gustav Kohn, Dr. Filier (Graz), Giesinger (Teschen), Wilh. Pappenheim, Dr. Sonnenschein, Dr. Straucher, Dr. Hilf (M.-Ostrau), Dr. Güdemann, M. Fiala (Brünn), Dr. S. Tilles (Krakau), Dr. J. Sachser, Dr. Schanzer (Pilsen),. Dr. Ascher, Dr. Berger. Dr. Schaff (Lemberg), Abg. Dr. Löwenstein (Lemberg), Baurat Marmorek, Abg. Dr. Mahler. Nachmittagssitzung. Den Hauptgegenstand der Verhandlung bildet die Gründung einer Lehrerbildungsanstalt für Westösterreich. Dr. Rosenbacher, Dr. Steiner (Kolin) betonen die Wichtigkeit der Angelegenheit für die böhmisch-mährischen Juden, verlangen die Gründung einer solchen Anstalt in Prag, da Religionslehrer, die der czechischen Landesprache nicht mächtig sind, für säe wertlos seien. Kais. Rat Pollak: Es herrscht eine große Not an Religionslehrern. Die Frage lautet nicht, woher wir sie bekommen, sondern ob wir sie kriegen. Redner ist daher für eine Erweiterung der Wiener Lehrerbildungsanstalt Landesschulrat Dr. Gust. Kohn verweist auf die bedeutenden Ausgaben der Wiener Kultusgemeinde. Wir verwenden für Religionsunterricht in Volks- und Bürgerschulen (203 Schulstationen) mehr als 120 000 Kronen für 19 000 jüdische Kinder mit 94 Lehrern. Die bereits bestehende Lehrerbildungsanstalt kostet ebenfalls viele Zehntausende Kronen. Die Wiener Gemeinde wäre bereit, die Anstalt zu erweitern, den westösterreichischen Bedürfnissen inbezug auf den Unterricht der czechischen Sprache anzupassen, unter der Voraussetzung jedoch, daß die anderen Gemeinden finanziell beitragen. Die Gründung der Anstalt wird angenommen. Die Frage des Sitzes dieser Lehrerbildungsanstalt für Westösterreich, sowie die Beschlußfassung über den einheitlichen Lehrplan für Religionsunterricht bleiben dem im Herbst zusammentretenden Bundestag vorbehalten. Die Gründung eines Reichsarchivs sowie die Herausgabe

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