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Die Welt · 1908-05-01 · 17 (1.5.1908) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
17 (1.5.1908)
Date
1908-05-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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96:: DIETOELT No. 17:; Trimberg muß es sich (trotz der Manessi'schen Häfidschrift) gefallen lassen, sich einen S i e ß k i n d nennen zu lassen, bei dem „kaum etwas Jüdisches zu finden sein wird"! Die ostjüdischen Poeten werden in schöner Weise über ihre dichterische Psychologie belehrt, die von der Art ist, daß „sie die Notwendigkeit des Tages mit ihrem Stempel umformen (!) möchten", während von Westeuropäern noch schöner gesagt wird, daß sie „das Judenproblem mit dem glühenden Wunsche betrachten, diese Frage zum : Inventar ihres Ichs zu rechnen". Die Krone bildet eine Walhalla jungjüdischer Dichtung, in die der generöse Herausgeber mit einem Herzl, Zangwill, Beer-Hoff mann, Nordau, Georg Hirschfeld zugleich eine Reihe von Dichtern einziehen läßt, denen einmal die Gnadensonne in einem Eckchen einer jüdischen Wochenschrift leuchtete, die infolge zufälligen Stoffmangels nach Verbrauch des letzten Füll-Inserates noch ein Loch zu stopfen hatte. Seine Vorrede, sagt der Herausgeber, „dürfte kaum ein erschöpfendes Bild geben. Dieses zu entwerfen dürfte nur jemand sich unterfangen, dem eine größere Kenntnis der Literatur und speziell der jüdischen Literatur zu Gebote steht als uns". Eine offenbar ehrliche und entwaffnende Bescheidenheit. Weiß Gott, wir hätten dem Herausgeber auf Grund solcher Selbsterkenntnis diese Einleitung gerne verziehen, — aber warum mußte ihn der böse Ehrgeiz treiben, der Einleitung ein Buch folgen zu lassen? „Man verliert doch nicht die bürgerlichen Ehrenrechte," sagte jüngst ein Schriftsteller, „auch wenn man als Journalist keine Lyrik versteht" Und hurra, hurra, hop, hop, hop, geht's jetzt in rasendem Galopp! Ohne chronologischen, ohne inhaltlichen Gesichtspunkt wird Gedicht an Gedicht gereiht, zwischen dichterische Perlen wird wahllos dilettantisches Versgebimmel gestreut, das durch das Alter noch schellenlauter geworden ist Gereimte Tendenzreden von Apologetikern, den Enkeln in ihrer Süß-Säuerlichkeit ein Greuel, Anbiederungslieder ebenso unangenehm in der Form wie abgeschmackt im Inhalt — das soll wohl die Kost für „Schule und Familie" sein. Auf die Quantität kommt's an, meine Herren! Wie denn anders, bei dem Format! Und soll man wirklich nur die Byrons Klopstocks, Grillparzers (der, nebenbei bemerkt, hier Friedrich genannt wird) vorführen und nicht die Creizenach's, Beers und Mendelsohns (Josef)? Und kann man den hochverdienten Ludwig Philippson dadurch kränken, daß man ihn als Lyriker nicht zu Worte kommen läßt auch wenn er dem modernen Formempfinden weniger entsprechend dichtet: Doch schau, es waltet näh'r und näh'r, Es wird ein ganzes Strahlenheer, Durch jedes Herz, durch jede Seele bricht es, Das Meer des Lichtes Ermut'ge dich! Nein, nein, nur immer mehr, immer mehr! Namen! Namen Ja, der Herausgeber ist so freigebig, daß er uns ein und dasselbe Gedicht zweimal kredenzt einmal unter dem Titel: „Der Diener der Chanukalichter" von L. A. Frankl, das zweitemal als „Schammes der Chanukalichter" von E. Kulke. Herausgeber und Korrektor, die offenbar selbst nichts von dieser Freigebigkeit wußten, hat sich der Druckfehlerteufel als liebreicher Spießgeselle angereiht, der' einmal aus dem „Diener" einen dadurch in die merkwürdigste Situation geratenden „Dichter" macht - < Überhaupt die Druckreinheit dieses für Schule und Familie be- "• stimmten Buches! Wer verrät mir u.a. den Sinn f olgenderVerse (S199): ' * Wer hat dich aufgerichtet, Mein Volk, im Leid verhöhnt, Dich deinem Gott versöhnt? Es war in enger Klause Dein friedevolles Heim, Des Elends Nacht gelichtet, Da, wo du warst zu Hause, Warst König du allein .... Ich will's selbst verraten: Die sechste Zeile sollte als dritte; stehen. Wer weiß, welche Ahnenreihe dieser Druckfehler auf-; zuweisen hat den der Herausgeber hier unter orthodoxem Schutz; der Autorrechte „zum ewigen Gedächtnis" aufbewahrt hat? Nebenbeibemerkt, nicht immer ist er" so orthodox. Mehr alsj einmal schneidet seine Schere den Obersetzer geschickt weg. Und' die „Quelle"? Er deckt sie mit Stillschweigen zu, im Gegensatz* zu jenem andern Moses, der sie springen ließ. So laßt denn auch uns den Rest dieses Buches, die „jung-: jüdische Abteilung", mit Stillschweigen zudecken! Die Kunst' schöne Stücke aus den' „Jungen Harfen" und andern Gedicht-! büchern mit bösen Ausbrüchen jugendlicher Dilletantismen und; schlechten Obersetzungen (z. B. der mörderischen des prächtigen? Gedichtes: „Der Becher" von S. Frug) zu garnieren, entspricht nurdem Rezept: Man nehme! .... Gegeben hat Dr. Julius Moses nichts. Nicht eine neue Ober-' Setzung eines der bekannten Gedichte oder eine Einführung eines* noch ungedruckten. Scheren dichten ja für gewöhnlich nicht Und das^ ist vielleicht noch das Gute an der Sache .... Ober eine andere Anthologie: „Libanon"*;, herausgegeben voni Robert Hirschfeld, eingeleitet von Gustav Karpeles, ist weniger] zu sagen. Es ist inhaltlich eine weder im Guten noch im Schlechten hervorragende Sammlung. Der Gedanke, „die großen Hoffnungen^ Israels in das Meer der Weltversöhnung zu tragen", hat die Auswahl; diktiert. Dieses Meer ist so weit, daß der Strom Zeit hat, ohnelebhafteren Wellenschlag „geruhig" hinzufließen. Es ist kurz, gesagt eine „liberale" Anthologie mit einem Einschlag des Religiös-; Poetischen, ungefähr der „Welt-" und Erziehungsanschauung der. „B'nai Brith" entsprechend, in deren Auftrag ja auch das Buch: herausgegeben wurde. Viele gute Gedichte sind da, die wirklich; in eine Anthologie gehören, — aber fast alles ist vom Hauch des, „Historischen" umweht der Schrei der Jugend und der Zukunft; ertönt nur ganz vereinzelt in diesen Hallen. Manches Mittelmäßige; hat die „löbliche" Tendenz für das Buch geeignet gemacht, — daß auch, wirklich Minderwertiges in die' Sammlung hineinkam (wie u. a. das' entsetzliche Zwitterding von Jargon und Buchdeütsch: „Der Jude* von S. J. Kämpf), ist allerdings mit der Tendenz nicht zu ent^ schuldigen. Neues ist auch in dieser Sammlung nicht zu finden.] Einen wirklich erzieherischen Wert hat (um eines von den wenige^ gekannten Gedichten hervorzuheben) das biographische Gedichf „Süßkind von Trimbergvon Julius Fürst (das wir hiermit auch Herrn Dr. Moses zur Lektüre empfehlen). Im ganzen eine recht brauchbare Sammlung für die fernerstehende Jugend des liberalen: Judentums, keine schädliche, aber viel zu verdünnte Kost hingegen für eine national erzogene oder zu erziehende Jugend. Sehr z£ loben ist die schöne Ausstattung (Einband und Format), der tadellose Druck, die Mitteilung biographischer Daten, die genaue Quellenangabe und die systematische Anordnung. Die wirkliche jüdische Anthologie aber zu liefern, bleibt eine Aufgabe, die noch gelöst werden muß. Gibt es keine Spur des „Schaffens"-Geistes mehr, der vor einigen Jahren so schön sich entfaltet hat, um so bald zu verschwinden? Und gehört das Fei wirklich jetzt den „Büchermachern"? Lektoi , Dichtungen für das jüdische Haus. Gesammelt und her»«** t Hirschfeld, Berlin. Verlag von M. I'oppelauer

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