Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1908-05-01 · 17 (1.5.1908) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
17 (1.5.1908)
Date
1908-05-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3316296-3316314--50564-3377696
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

?0. 17 DIE3&ELT ein, daß die kulturellen Arbeiten, sofern sie reiipöse Fragen berühren, im Geiste der verschiedenen Vorhandenen Richtungen, gemacht werden müssen? Das oll doch kein Hindernis, sondern ein Ansporn für einen :dlen Wetteifer sein. ". In der Tat verblassen und verschwinden diese jnterschiede im Lichte der einheitlichen Aufgaben;iner Völksvorbereitung, die in ihrem Grunde und in hren Zielen keinerlei Parteidifferenzen enthält. Das /olk muß zu einer Selbständigkeit des eigenen Willens, lurch das Wissen und das Empfinden, durch die Erkenntnis einer ernsten Zusammengehörigkeit und des remeinsamen geistigen Besitzes herangebildet werden. )as schöne Wort von der „Rückkehr zum Judentum" vird so oft zitiert. Jeder Einsichtige wird zugeben, laß die Vorbedingung einer Rückkehr die Schaffung üdischer Gefühlswerte bildet. Elijahu, der Herold der Erlösung, läßt die ., Herzen der Söhne zu den Vätern i'nd der Väter zu den Söhnen zurückkehren". Die Jnterschiede können nicht aus der Welt weggeweht werden, aber die Herzen nähern sich aneinander. Und Erscheint das Judentum für den Unwissenden öde und veraltet so muß man ihm durch Belehrung die Erkenntnis beibringen, daß es sehr viel Eigenes für das Herz und. den Geist bietet. Dieses Selbstbewußtsein darf zu keinem Chauvinismus führen; es schließt die Erkenntnis a'er eigenen Mängel und Schwächen nicht aus. Die ■■-Schönheit Japhets" soll in die „Zelte Sems" eingeführt Vierden, aber man muß sich in den Zelten Sems heimisch fühlen können. Hat man nicht etwas Eigenes, so wird man nicht zu der Vervollständigung dieses Eigenen streben: kennt man kein eigenes, wenigstens geistiges Heim, so wird man kein Heimweh empfinden. Man sprach so oft von der Notwendigkeit eines •eien geistigen Sichauslebens. Man vergaß aber dabei, die eines nationalen Bewußtseins entbehrenden [den sich nach ihrer Art voll und ganz geistig ausüben. Sie sind zufrieden, sie haben sich in das Fügen \d die Nachgiebigkeit hineingelebt, sie haben ihre Ansprüche auf ein Mindestmaß reduziert und empfinden lipchstens irgendeine Störung im materiellen bürgerlichen Leben, und dann pendeln sie von der übermütigen ^Selbstzufriedenheit zur Verzagtheit hinüber. Um sich jänz ausleben zu wollen, muß man wenigstens etwas jfch leben, d. h. jüdisch-national denken. Diesen Um- "ihwung herbeizuführen, genügen nicht einige Impulse h kurzer Dauer, nur eine systematische Belehrung in dies bewirken. Unter diesem Gesichtspunkte erscheint die Vorbereitung des Volkes als die Seele des Zionismus, als wie notwendige Bedingung seiner Dauer und seines Holges. Bezeichnenderweise lautete der Ruf, der an i.sua vor der Besitzergreifung des Landes erging: 'ei stark und fest!" Diese Worte müssen in unsern ^'en für immer klingen. Stark und fest wird man ^r nur durch die Gesinnung. N. S. Neue Bücher Zwei Anthologien 1. . Und Doktor Julius Moses bestieg, nachdem er die neunundfezigmal gelöste Judenfrage glücklich auf dem Büchermarkte abtjjen hatte, abermals den Kutschbock seines „Omnibus" und fuhr als Anthologos, Blumen zu lesen auf dem jüdischen Acker. Und pflückte mit beiden Händen, was ihm zwischen die Finger kam, ritsch, ratsch: blaue, weiße, rote, wie's der Herrgott wachsen läßt, Strohblumen und Disteln dazwischen, Kraut und Rüben, alles eins, und lud's auf, hup, hup, huckepack! und fuhr heim und lud's wieder ab auf dem großen Markt und nannte das dicke Bündel: „Hebräische Melodien — eine Anthologie".*) Oder vielleicht so: Es war einmal eine Schere und ein Kleistertopf, die lagen auf einem Tische friedlich und sonder Arglist nebeneinander. Und neben ihnen, gleicherweise friedsam, lagen „Ost und West" und „Junge Harfen" und der „Antisemitenhammer" und Karpeles „Zionsharfe" und die „Welt" und „Neue Zeitung" und_der „Jüdische Almanach" und der „Generalanzeiger... Da kam eines Tages ein Schneider, pardon ein Kleber, das heißt ein „Herausgeber", und veranstaltete, ohne daß ihn all die Unschuld im geringsten gereizt hätte, einen mörderischen Wirrwarr und schnitt und leimte, und leimte und schnitt, bis er in Schnitzeln versank und der Leim zu Ende war. . . . Oder noch kürzer so: Es schrieb einer eine Vorrede, die nach . seinen Worten „keinen Anspruch auf literarischen Wert machen sollte", zu einem Buche, das ein „Schul- und Familienbuch" werden sollte, und hielt das Versprechen, das er in der Vorrede gegeben hatte, bis zur letzten Seite des Buches und benannte solchen Geistes Erzeugnis — Anthologie. Wundervoll neue Art, für das deutschlesende Publikum jüdische Literatur zu machen! Was das doch einmal für närrische Käuze waren, die Herausgeber von Büchern wie „Juda". „JüdischerAlmanach", „Jüdische Künstler" u. dgl. oder etwa des einsamen Spätlings „Rabbi Nachman"! Schürfen, das Edlere von den Schlacken sondern und selbst arbeiten? Das kleine Gut zärtlich-sorgsam hegen, wie man. einen jungen Garten hütet? Liebevolle Fürsorge für das neue jüdische Buch, für seine Form und seinen Inhalt, damit es sich in Ehren draußen sehen lassen könne? Damit es ein schöner Erzieher werde, ein ernster Helfer beim kulturellen Aufbau? Wie naiv man doch einmal war! „Willst du wissen, was e jidischer Witz is?" fragt der Herausgeber von „Schabbes-Schmus", „nimm und les'!"- Willst du wissen,. was eine jüdische Anthologie ist? Nimm und lies die „Hebräischen Melodien"! Willst du überhaupt wissen, was ein jüdisches Buch ist? Ein jüdisches Buch ist wie ein jüdischer „Schalet". Man nehme!... Man nehme ein paar Witzblätter, schneide die „jüdischen" Witze aus, fülle sie mit allerhand Gemauschel für „benachezte Gojim", garniere sie mit einem Plakat: „Geht's an Eiren Buchhändler oder schickt's ein e Mark und 10 Pf. (vor Porto), chotschik(I) in Briefmarken, dann bekommt er's(!) den Schabbes-Schmus", — und das erste Buch ist fertig. Man nehme statt der Witze Gedichte, und die „Anthologie" kommt frischgebacken aus dem Ofen. Man nehme statt der Gedichte Novellen, und ein „Novellenschatz" wird euch vorgesetzt. Prosit Mahlzeit!------------------ Damit aber ehrgeizige Jünglinge es dem Herausgeber dieser Anthologie und andern Kalender- und Sammelbüchermachern unserer Tage abgucken lernen, wie man ein „maker of literature" wird, laßt uns ein bißchen in die Küche des Meisters leuchten! Da ist zunächst eine Einleitung: In knapp 10 Seiten („länger, als wir beabsichtigt, ausgefallen," sagt der Herausgeber) eine Obersicht über das jüdische Literaturschaffen in deutscher Sprache und die moderne jüdische Literatur überhaupt. Es ist eine Orgie der Oberflächlichkeit: Sie wird direkt dreidimensional. Bis auf ein paar Stellen über Byron, Heine, Beck (den .großen Dichter"), Frankl, Wihl, offenbar Zusammengelesenes (Richtiges und Falsches), zu dessen Beurteilung der Herausgeber mangels Sachkenntnis nie gelangt ist, und dann ein wüstes Namengewimmel. Süßkind von : *) Hebräische Melodien, eine Anthologie, herausgegeben von Dr.-J uiii »es. BerlinrLeipzig, Modernes Verl'agsbureau, Gurt Wigand, ^507. ._ «dääfö

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.