Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 17 (1.5.1908)
- Date
- 1908-05-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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p?r- P..'4 abergläubischer Engherzigkeit wie von dgn Auswüchsen der nationalen Idee, die ,als „Nationalismus" und „Chauvinismus" in neuerer ZeiLJhre Gifte mischt. Auf einem tiefen Niveau sieht man die höheren und feineren Unterschiede nicht. Wenn man in einer_ Kellerwohnung wohnt und durch die hohen Fensterchen auf die Straße blickt, so erblickt man nur die Beine der vorübergehenden Leute, und da sind alle gleich. Nur eine Beobachtung der Köpfe und der Gesichtszüge zeigt die bestehenden Unterschiede. So ist es auch mit Völkern. Jedes Volk zeigt sich dem feineren Beobachter, der nicht aus einer Kellerwohnung, sondern von einer Hochwarte den geschichtlichen Entwicklungsgang betrachtet, typisch, d. h. nach einer gewissen Richtung auserwählt. Daß die Juden in ihrer Gesamtheit und in ihrer beispielosen Geschichte ganz typisch sind, — wird ja auch kein Fanatiker der Assimilation •bestreiten. Die Feststellung dieser Tatsache ist die Anerkennung der jüdischen Nationalität. Daß die Merkmale dieser Nationalität nicht den andern schablonenhaft ähnlich sind, — dieser Umstand verleiht ihr einen erhöhten Wert der Eigenheit, des Besondern. Der Gegensatz zwischen Judentum und Hellenismus ist eine Tatsache, die die historische Völkerpsychologie zur Genüge beleuchtet hat. Die sehnsüchtige, verinnerlichte, grüblerische Natur des Juden bleibt nicht an den Äußerlichkeiten haften, sondern sucht die Harmonie zwischen den äußern Erscheinungen und den Regungen des Herzens. Das ist eine wissenschaftliche Bestätigung des Auserwähltseins. Es ist ganz so ein gewisses Auserwähltsein der Andern, wenn sie in einem andern Sinne veranlagt sind. Beides soll nicht prahlerisch klingen, im Gegenteil, es soll Pflichten auferlegen. Die jüdische Geistesrichtung geht mehr nach innen; das Leben wird ernster aufgefaßt, es ist nicht das brandende und schäumende Außenleben, es ist auch nicht die festgefügte keines Zwiespalts mehr fähige Lebensform der römischen Legionen, es ist ein ganz eigenartiges, beschauliches, vertieftes, phantasiereiches, nicht^ alterndes Leben, das trostreich über den Mißmut der Übersättigung, über Siechtum und Gräbern blüht, das sich verjüngende Lebenselement des festen Stammes, an dem sich jedes müde Empfinden emporrankt. Der „Atha b'chartanu-" Ruf ist also keine Wallung des Obermuts, sondern ein Weckruf für die Erkenntnis der eigenen Richtung und der eigenen Aufgaben. Hier liegt die Lösung des Problems des Chauvinismus und , der Kriecherei. Diese beiden Extreme berühren sich und sind gleich verwerflich. Sie entspringen ein und denselben Trieben und führen zu ein und denselben Verirrungen. Das nationale Selbstbewußtsein bewahrt uns vor Gemütsschwäche und Feigheit. Das tiefsinnige Thoragebot: „Lo thaguru mipne isch" (Habt vor niemand Angst) kann nur bei dieser Verfassung richtig eingehalten werden. Wir mögen persönlich noch so kühn sein, wenn uns das jüdische Selbstbewußtsein der Nationalität fehlt, so werden wir das, was in uns als das Historisch-jüdische lebt, verscharren und mit beiden Händen schmachvoll zudecken; wir werden die Solidarität mit fremden Juden oder mit früheren jüdischen Generationen von uns abwälzen; wir werden zage und demütig die Schicksalsschläge ertragen, kalt und freudlos die Wirklichkeit als etwas Unabänderliches gelten lassen— mit einem Worte, wir werden den geistigen Goluth fortsetzen. Nimmt man uns das nationale Selbstbewußtseii so entzieht man uns die erlösende und befreiende Kfa1 verleiht man uns dieses Gefühl, so gibt man uns mel als alle Reichtümer der Welt: etwas neues, das in unsei' Goluth-Psyche leider übersprungen und unausgefü] geblieben ist. -~ Man darf aber das Selbstbewußtsein nicht mit dei Obermut verwechseln. Der Übermut mag noch so poltern auftreten; er macht das Herz zaghaft, die Flügel df menschlichen Geistes werden durch ihn festgehalten urij müssen langsam, schrittweise, gebändigt, hinkrieche'f Unsre alte Volkslegende von König Salomo und Aschmedi versinnbildlicht die Art, wie der Übermütige, wenn auch einen festen sittlichen Standpunkt eingenomm« hat, um „hunderte von Meilen" zurückgedrängt wir« Man kann dies ebensogut bei Individuen wie b< ganzen Völkern beobachten. Es existiert ein alt< talmudischer Begriff vom Stolzsein auf eine Welt, dij einem nicht gehört („Mithgaeh b'Olam sch'ei * schelo"), und das ist die richtigste Bezeichnung di Arroganz, die man leider unter den Auswüchsen unsen unreifen Emanzipation oft findet. Der Übermütige siel die Welt nicht in ihrer wirklichen Gestalt, sondern wij er sie haben will; erscheint sie ihm plötzlich in ihi _ wirklichen Gestalt, so verzagt er ebenso schnell, wij er übermütig geworden war. Er wird unsicher, abhängig will dann nirgends anstoßen und überall hindurchgleitei Ein unruhiges Umherirren zwischen den Extremen df Arroganz und der Feigheit - in einer Welt, die einei nicht gehört. Das ist die Tragödie des Goluth. Der Zionismus ist bestrebt, der jüdischen Volfc seele das Gleichgewicht wiederzugeben. Keine Idej und keine Bewegung hat in einer so™ eindringlichen Weise gegen das furchtsame Zaudern und die Nactf giebigkeit so viele Kritiker mit allen Waffen der Satin ins Feld geführt. Das war die Periode des Pathos unr der Rhetorik. Man muß aber die Sache tiefer auffasser Um den Kleinmut und die Nachahmungssucht, zu vei scheuchen, muß man das Eigene zum Bewußtsein bringen] Alles was eigen ist, Geschichte, Schrifttum, Sitten* Bräuche, — alle Nuancen der alten und neuen jüdische; Gedankenwelt, alle Erinnerungen an die Leistungen des jüdischen Genius, alles, was schön und gut uni lebendig war, in den verschiedensten Parteien unsere Volkes. Für sich denken und leben kann man nich; schlechtweg auf die Parole hin: „Denket und lebety sondern es muß gelernt werden, es muß Inhalt ge Winnen. Ohne diesen Inhalt sind es bloß sprunghaft« Wünsche und selbstquälerische Launen, Anwandlungen die ebenso schnell vorübergehen, wie sie aufgetauch sind. Soll die jüdische Gesamtheit anstatt des Kleinmut und des diesem diametral entgegengesetzten und docj so verwandten Übermuts ein edles, bescheidenes, abe innerlich starkes Selbstbewußtsein gewinnen, so mii sie seine geistigen Güter schätzen lernen. Das ist die „Vorbereitung des Volkes", die nebei den andern Vorbereitungen einhergehen muß. Das i§ das Schreckensgespenst der jüdischen Kultur. Was hilj das Totschweigen oder die Bekämpfung dieser NoJ wendigkeit? Weiß man nicht, daß diese Entwicklun und Vertiefung der Idee kommen müssen? Daß 3 nicht Sand und Gestein und Gestrüpp und Dornen genuj gibt, der Quelle den Weg zu sperren, wenn sie herauf brechen muß? Daß sich alles nach tiefem Verstehe und Gefühlserweckung sehnt? Oder soll es ein Hindern;