Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 17 (1.5.1908)
- Date
- 1908-05-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE KÖLN AM RHEIN, KAROLINGERRING ERSCHEINT JEDEN FREITAG : ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG £\XII. JAHRG. Köln, l. Mai 1908 p-nr6 obnn'« ID\J "b DIE VORBEREITUNG DES VOLKES i. |; Unsere Denker und Volksführer beschuldigen sehr soft die jüdische Gesamtheit des Kleinmuts und der Verzagtheit. Das „Küssen der Zuchtrute" ist zu einem pemeinplatz in unserer . Publizistik geworden. Wir seien, heißt es, kindisch und kurzsichtig. Solange die feindliche Geißel unserem Leibe Pogromprügel oder ähnliche „Ritterschläge" aufmißt, erheben wir ein Zetergeschrei, beschweren uns bitterlich über die erlittene pewalt, geraten außer Fassung und werden in Harnisch gebracht. Kaum aber ist die Roheit der Wüteriche um!in Haar milder geworden, kaum sehen wir unsere iiochen einen Augenblick unbehelligt, da schauen wir u unsern Bedrängern pietätvoll auf und glauben schon «f ihrer Stirne die Aureole des Menschheitsgenius, der Zivilisation und der Kultur leuchten zu sehen. Wir »eginnen uns sogar einzubilden, daß unsere Unterdrücker acht aus Haß, sondern aus Liebe, auf unser Wohl gedacht, uns „pädagogische" Prügel verabreicht haben. >ehen wir uns nunmehr „Amalek als Erzieher" von Ter Nähe an und bemerken wir, daß er auch während Ler Waffenstillstandspausen zu uns grimmig hinüberjchielt, unaufhörlich bestrebt, durch offene oder versteckte Anklagen, Seitenhiebe und Nadelstiche uns twas am Zeug zu flicken, so lauschen wir demutsvoll ^inen „belehrenden Worten", und unsere Fäuste ballen ich instinktiv, um auf die eigene Brust zu schlagen nd das Bußgeständnis abzulegen, wir seien wirklich zu abgesondert", „weltfremd" oder „zu aufdringlich", U; „streberisch" und „lärmend". Die andern behaupten § und viele von uns stimmen, wie am Berge Ebal, gt Ja und Amen zu. Wie hell, wie schön und gut ß es draußen, wie dunkel, häßlich und elend zu ause! So denken viele von uns, — die einen äußern tese Gedanken, die andern brüten sie. Die Selbst- \ chtung, die schwänzelnde Kriecherei, das demütige jfschauen zu fremder Art und zur herrschenden torheit, die Augendienerei und Katzenbuckelgebärden ier Assimilation, die sich einbildet, fortschrittlich zu die aber in der Wirklichkeit die schwärzeste fton darstellt, — all das sind tieftraurige Erlernungen. Das „Küssen, der Zuchtrute" ist leider kein Mythus. Das Kleinsein, das Versinken, die ohnmächtige Unterwerfung, die innerliche Untertänigkeit sind die unausbleiblichen Folgen sowohl des unemanzipierten, wie des emanzipierten, des bitteren wie auch des verzuckerten Goluth. Und merkwürdigerweise ertönt zu gleicher Zeit der Jubelruf des strahlenden jüdischen Selbstbewußtseins: „Du hast uns auserwählt!" („Atha b'charthanu!") Es ist also noch ein Lichtkreis vorhanden, in dem unsere Nation für sich denkt, für sich lebt, für sich will und für sich handelt. Neben dem scheuen, unruhigen Zittern steckt also in den Tiefen unserer Volksseele ein Gefühl des Stolzes, der Überlegenheit, und wir, dieselben, die sonst so zage und demütig sind wie kleine, gescholtene Kinder, tragen zuweilen die Köpfe hochmütig und schauen mit großen Augen über den mißliebigen, minderwertigen Menschenplebs hinweg. Es klingt so selbstherrlich: „Du hast uus auserwählt!" — ein Widerhall des Thoraspruches: „Denn ihr seid mir das auserlesenste Volk!" („ki athem Ii am s'gulah!") Wie sind diese diametralen Gegensätze in Einklang zu bringen? Wie können diese „beiden Seelen in einer Brust wohnen", ohne sich gegenseitig zu bekämpfen? Wo ist der Schlüssel für die Lösung dieses psycho-* logischen Rätsels, dieser „contradictio in adjecto"?... Die neueren Forscher, die die Theorie der Rassen und die Völkerpsychologie nebst dem hieraus folgenden Recht der Nationalitäten auf Selbstbestimmung, auf Wahrung und Entfaltung ihrer individuellen Eigenart wissenschaftlich begründet haben, rückten unbeabsichtigt,- wie von selbst, dem alten „Atha b'chartanu"-Begriff viel näher als die oberflächlichen Kosmopoliten'der Aufklärüngsperiode. Das „Auserwähltsein" ist nicht» mehr eine dunkle Glaubenssatzung; es ist vom Lichte des Verstandes und der Forschung beschienen. Es ist die Anerkennung des Charakters, die Wahrnehmung gewisser besonderer Vorzüge. Diese Palme kann einem jeden Volke nach einer gewissen Richtung zuerkannt werden, ^- und mögen sie alle nach ihr ringen. Der Begriff des Auserwähltseins hat einen gesunden Kern; er ist in seinem innersten Wesen frei von kohfessionelll*;.