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Die Welt · 1908-04-15 · 16 (15.4.1908) · page 39

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
16 (15.4.1908)
Date
1908-04-15
Page
– (sequence 39)
Language
German
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Solange die Verwendung der Gelder des Nationalfonds für seinen eigentlichen Zweck nicht möglich ist, ist er gezwungen, seine Gelder zinsbar anzulegen. Die Verwaltung hat sich nun vor kurzem entschlossen, anstatt diese Anlage in Staatspapieren zu machen, palästinensische Unternehmungen, welche mit Landerwerb in Palästina im Zusammenhang stehen, durch Kreditgewährung zu unterstützen, um so wenigstens dem Zwecke des Nationalfonds möglichst naheliegende Institute zu entwickeln. Die Kreditgewährung erfolgt in der Weise, daß das Kapital nach menschlicher Berechnung absolut sichergestellt wird. So hat der Nationalfonds gegen Verpfändung des betreffenden Grundbesitzes der Odessaer Gesellschaft zur Unterstützung jüdischer Ackerbauer und Handwerker in Syrien und Palästina zum Zwecke des Landkaufs in Fedsche,, wo jüdische Arbeiter angesiedelt werden sollen, ein Darlehen von 20 000 Francs gewährt, ebenso der Land-Development-Companv unter gewissen Bedingungen ein solches bis zur Höhe von 3000 Pfund Sterling, der Anglo Palestine Company für die Zwecke von Häuserbaugesellschaften in Palästina ein solches von Francs 300 000. Außerdem hat der Nationalfonds zwei Häuser in Jerusalem erworben, von denen eines der Kunstgewerbeschule „Bezalel" eingeräumt ist und das andere dem Palästinaamt zur Verfügung steht. Ferner wurde vor kurzem noch ein kleines Terrain von 118 Vs Dunam Land bei Lydda gekauft. In nächster Zukunft wird er sich mit der Realisierung verschiedener Pläne befassen: Der Anglo Palestine Company soll ein größeres Darlehen zur Unterstützung von kooperativen Gesellschaften in Palästina gewährt werden; die Sammelmittel sollen verbessert - und möglichst ausgedehnt werden; und vorab muß natürlich -die ganze Organisation immer weiter ausgebaut werden. Wie du siehst, der Nationalfonds kann einen Teil seines Geldes immer recht nutzbringend anlegen." Erich machte eine Pause und sah Max fragend an, um zu sehen, welchen Eindruck seine Worte auf ihn gemacht hätten. Lange sollte er darüber nicht im Unklaren bleiben. Gelassen zog Max seine Uhr. „So, jetzt hast du eine geschlagene Stunde über den Nationalfonds erzählt, und glaubst du, ich wüßte vielmehr? Abgesehen von den Tatsachen, die du aufzähltest, konnte ich mir die andern Erklärungen so ungefähr denken. Da siehst du, wie unpraktisch ihr seid. Wenn ich nun wirklieh dem Nationalfonds eine Spende geben wollte, so weiß ich nach allen deinen Auseinandersetzungen noch immer nicht, wie ich das anfangen muß. leb dächte, das ist doch das Wichtigste." Jetzt hatte ihn Erich da, wo er ihn haben wollte. „Allerdings", sagte er ganz betrübt, „da hast du nicht unrecht Vielleicht kann uns Albert darüber Aufklärung geben." Er sagte „vielleicht", und wußte ganz genau, daß er ebensogut „sicher" sagen konnte..... Albert war gerne zu Aufschlüssen bereit, und Max hörte wohl oder übel zu. „Du möchtest also gerne die Einrichtungen des Nationalfonds kennen lernen. Schön. Wenn es euch recht ist, will ich versuchen, die ganze Organisation vor euch aufzubauen. Allerdings muß ich vielleicht bisweilen Bekanntes, erwähnen, aber das ist doch besser, als irgendwo Lücken zu lassen. In engster Fühlung mit den Freunden und Gesinnungsgenossen stehen Vertrauensmänner, Nationalfondskommissäre oder -Kommissionen. An sie sollen alle Wünsche, Anfragen oder Geldsendungen in erster Linie gerichtet werden. Sie vermitteln den Verkehr zwischen dem einzelnen und der Sammelstelle. Was die Sammelstellen anbetrifft, so gibt es Bezirks- und Landessammelstellen." „Aha", sagte Max, „es hat also eine Landessammelstelle immer mehrere Bezirkssammelstellen unter sich?" „Nicht ganz so. Bezirkssammelstellen sind nur in den Ländern eingerichtet, deren_ Sammeltätigkeit zugunsten des N. F. so weit verzweigt ist, daß eine einzige Stelle die Arbeit nicht bewältigen kann. Außerdem noch in yden Ländern, welche sprachliche Verschiedenheiten einzelner Landesteile aufweisen, oder da, wo Örtliche Eigentümlichkeiten gesonderte Behandlung erheischen." „Also auch hier in Österreich-Ungarn, wo Deutsche, Ungarn, Polen und" Tschechen wohnen!" warf Erich verständnisinnig ein. „Den Sammelstellen im allgemeinen", setzte Albert seine Erklärung fort, „obliegt der Verkehr mit den Vertrauensmännern, die Verteilung einzelner Sammelmittel an diese und die Zusammenziehung der gewonnenen Erträge. Auf die Sammelmittel komme ich im einzelnen nachher zurück. Jetzt möchte ich erst die äußere Organisation schildern. Den Landessammelstellen allein ist vorbehalten die Ablieferung der in einem bestimmten Zeitraum eingegangenen Summen an die Jüdische Kolonialbank sowie die Publikation in den Ausweisorganen. Dadurch wird erreicht, daß alle Gelder an einer Stelle, eben im Jewish Colonial Trust, zusammenfließen. Das rechte Zusammenarbeiten aller Instanzen überwacht und fördert das Hauptbureau des Jüdischen Nationalfonds in Köhl. Von dort wird auch der Briefwechsel mit Sammelstellen, Bank, Presse usw. erledigt." „So", sagte Max, „wäre die Sache also folgendermaßen. Nimm an, ich hätte meine Zweifel dem Zionismus gegenüber überwunden. Ich hätte also beschlossen, bei meinen Bekannten zu sammeln, hätte ein hübsches Sümmchen zusammengebracht und überlegte jetzt, wem ich die Summe abliefern könnte. Wenn ich richtig verstanden habe, so hätte ich mir dann die Adresse des Vertrauensmannes zu verschaffen und dem das Geld einzusenden?" „Sehr richtig" versetzte Albert. „Der Vertrauensmann oder Nationalfondskommissär allein hat es mit dem einzelnen zu tun. Übrigens, an deinem Beispiel stimmte eins nicht, lieber Max. Du kannst zwar bei deinen Bekannten ohne weiteres für den Jüdischen Nationalfonds sammeln; aber bequemer und einfacher ist es, wenn du dir vorher ein Sammelbüchlein oder Sammelbogen verschaffst. Mit diesen Sammelbögen verhält es sich folgendermaßen: In Köln am Rhein ist das Hauptbureau, das, wie ich schon sagte, alle Dinge, die den N. F. angehen, leitet. Dieses Hauptbureau hat allen Landessammelstellen eine Anzahl Notizbücher überlassen. Alle sind genau bezeichnet und numeriert. Jedes einzelne in die Welt geschickte Buch ist in einer besonders dazu angelegten Liste eingetragen, aus der man sein Schicksal ersehen kann. Außerdem ist jedem Bogen eine Instruktion aufgedruckt, die in kurzen Zügen angibt, wie die Sammlung mittels Bogen gemacht werden muß- Die Landessammelstelle versendet von ihrem Vorrat eine Anzahl an die Bezirkssammelstellen oder an bestimmte Ortsgruppen und Vertrauensmänner; diese geben nun irgendeinem Vereine oder auch einem einzelnen Gesinnungsgenossen — und ein solcher wärst du ja in deinem Beispiel — einen Bogen weiter. Du steckst ihn wie jedes andere Notizbuch in die Tasche, bis sich irgendeine Gelegenheit bietet. Dann „ brauchst du das Büchlein nur hervorzuholen, der Bleistift liegt bei, und du trägst den Namen des Spenders und die Summe in die vorgedruckte Kolonne ein." „Und was tue ich mit dem ausgefüllten Sammelbogen?" „Auf dem Bogen ist ein Ablieferungstermin angegeben. Kurz vor diesem Termin gibst du den Bogen mit dem Geld dem Vertrauensmanne zurück; von da geht er zur Landessammelstelle. Also denselben Weg, den der Bogen kam, geht er auch zurück. Bei. der Landessammelstelle trennt sich das Geld von dem Bogen. Der Ertrag fließt nämlich zum J. C. T., während der Bogen zu den Büchern des Hauptbureaus zurückkehrt. Gleichzeitig wird dann von der Landessammelstelle der Ausweis des Betrages in der betreffenden Zeitung erledigt." Albert schwieg und freute sich herzlich, als er hörte, wie genau und zweckentsprechend seine Freunde diese Einrichtung fanden. „Du sprachst vorhin noch von einem andern Sammelmittel, lieber Erich", fragte Max weiter, „ich glaube von Sammelbüchsen. Wie verhält es sich damit?" „Das Sammeln mit Büchsen ist ganz ähnlich. Von der Bogensammlung unterscheidet es sich im wesentlichen nur dadurch, daß die Büchse, die jeder Interessent auf demselben Wege wie die . Bogen erhalten kann, im Besitze des Spenders bleibt. Zweimal im Jahr wird sie von Vertrauensmännern oder andern Bevollmächtigten geleert. In letzter Zeit habe ich diese Tätigkeit meiner Frau übertragen, die mit einigen bekannten Damen einen zionistischen Damenklub gegründet hat. Das scheint, sich ganz gut zu bewähren. Die Erträge der Büchsen gehen unter Angabe der Biichsennummem und mit dem Namen des Sammlers den bekannten Weg zum J. C. T. Von der Landessammelstelle werden wieder die Notizen in das Ausweisorgan einerseits und anderseits in die Bücher des Hauptbureaus entsandt. Letzteres wird durch eine Kartothek über die einzelne Büchse orientiert, und so kann es jederzeit sehen, wie oft diese oder jene geleert wurde, wo sie sich augenblicklich befindet, welche Summe sie jedesmal einbrachte und was sonst noch für eine zielbewußte Propaganda von Wichtigkeit ist." Max, den die Unterhaltung allmählich ganz gefesselt hatte, schien mit den Einrichtungen noch nicht befriedigt zu sein. „Mir scheint", begann er, „die Einrichtung der Sammelbögen und Sparbüchsen eignet sich wohl ausgezeichnet für die Sammlung kleinerer Beträge, aber ich kann mir nicht denken, daß jemand, der eine Stiftung von hunderten oder gar tausenden Kronen machen will, diese Stimmen zwischen die Heller des Sammel-

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