Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 16 (15.4.1908)
- Date
- 1908-04-15
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
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„Netze Hassade!" Wir beobachten die Menschen in den Städten, wie sie duftigknospende Birken-, Eschen- und Buchenzweige, Faulbaum und rote und weiße Blütenzweige von Obstbäumen tragen. In den größeren Städten sehen wir an allen Ecken Berge von abgeschnittenen Hyazinthen, Tulpen, gelben Margueriten, Goldlack und Narzissen aufgestapelt, — eine farbige Pracht, in der das Auge schwelgt. .Auf unserer Sedertafel spielt das junge Grün eine gewisse Rolle. Das „Karpaß," das „Charosseth" und der „Maror" sind neben ihrer symbolischen Bedeutung echte, junge Pflanzen. Kerbel, Kresse, Rapünzchen, Petersilie, Schnittlauch lachen mit der braunen Charossethtnischung, den weißen Eiern und dem roten Traubensaft in zierlichem Durcheinander aus den zinnernen Sederschüsseln mit den Sprüchen und Zeichen, Bildchen und Abbreviaturen, ernsten und launigen Bildchen, nach dem Muster, dessen Zeichnung in dieser „Welt"-Nummer gegeben wird. Auch das war Tradition, denn es ist alt und echt. In unserer wirklichen Tradition, deren Denkmäler die Vergangenheit so wahrheitsgetreu veranschaulichen, waren wir lebendige Menschen, mit Kunstsinn und eigentümlichen Humor, mit tausend Entlehnungen von den anderen, jedoch mit etwas Eigenem. „Un dernuch nimm Ippich in Essig tunk, Itliches winzig is gleich genung" lautet der jüdisch-deutsche Spruch auf dem Titelblatt der venezianischen Hagadah. Beim „Maror" heißt es dann wieder: „In dein Charosseth stoß den Lattich drein, un sag die Beracha" al achilath Maror" und stoß es in dein Rachen hinein." Ein zimperlicher Humor begleitete von altersher das liebe, herzliche Familienfest. Wir, die Ghettokinder, hatten unsern Natursinn, und da wir keinen Grund und Boden unsern eigenen nennen konnten, so blühten uns „Eppich" und „Lattich" auf der geweihten Tafel wie Naturgrüße. Nicht nur die Hagadah, auch das frische Grün war für uns ein Stück Gebet. Haperte es auch hier und da mit dem Verschlucken der bitteren Kräuter, so war die, vielleicht unbewußte und ungewollte, Ausschmückung der Sedertafel mit etwas Grünem eine stille, vertrauliche Zwiesprache mit der „Em Kol chai", mit der heiligen Mutter Erde, ein Duft von Wald und Hur, ein zitternder Nachklang vom Frühlingsfeste. Trübe zwar, aber doch* milde, sogar leidlich frühlingshaft setzt das Pessachfest bei uns ein, und neue Hoffnung zieht in das jüdische Herz. Aber so echt wie in Palästina ist das Pessachfest ^nirgends. Dort ist es ein Frühlingsfest in seiner ganzen Pracht. Wir in der Diaspora gehen den Spuren dieses Festes mit rührendem Eifer nach, und wir müssen schon im Notfall mit einem Surrogat zufrieden sein. Wir gleichen den Städtern, denen einige grün gestrichene Gartenstühle unter, kahlen Bäumen, wenn nur die Sonne warm genug scheint, genügen, damit sie „die Natur im Freien genießen können". Es ist nicht die richtige Natur; der Unterschied zwischen dieser Nachahmung und dem Original ist so groß, wie der Unterschied zwischen der Poesie des Hohe Liedes und den jüdisch-deutschen „Lattich"- und „Eppich"-Sprüchlein. Aber können wir uns nicht einen ideellen Pessach leisten, so müssen wir uns eben behelfen, so gut es geht „Itliches winzig is gleich genung." Die höchste Pessachfreude genießen die, die drüben im Lande unserer Sehnsucht das „Netze Hassade" in Erfüllung bringen, die in Feld und Garten einsame Wege wandeln. Allen unseren Brüdern aber, wie sie auch feiern mögen, wünsche ich tiefinnigst einen stimmungsvollen, anregenden und fröhlichen Pessach! N. S. ENTWÜRFE DER KUNSTGEWERBESCHULE BEZALEL