Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 16 (15.4.1908)
- Date
- 1908-04-15
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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und Chaimke, die bei der Arbeit mitgeholfen haben. Hastig, obwohl sie ihre Füße vor Müdigkeit nicht spürt, eilt sie heim,, an jeder Hand einen der Jungen nachziehend. Der Tag begann schon zu grauen . . . Zuerst legte sie die Kinder zu Bett. Wie sie sich dann selbst aufs Bett werfen will, fällt ein ganzes Strahlenbündel Morgenlicht durchs Fenster, und ihre Blicke fliegen durch die Stube. Nein! Unmöglich, sich jetzt' schlafen zu legen. Zwar mit. dem-Reinemachen hat sie schon begonnen. Bett und Tisch hat sie schon für Pessach hergerichtet. Aber doch noch soviel Arbeit, so viel Arbeit! Man muß noch Pessach-Geschirr kaufen und ausscheuern . . . Und den Jungen Schuhe kaufen .... Und Mützen natürlich t Und dann etwas Fleisch aufsetzen! .... Der Mann wird vom Weg kommen, da muß er doch wenigstens einen kleinen Imbiß haben .... So schwer ohnehin der Weg! . . . Und dann, der Fußboden ist auch noch nicht gewaschen! Ach, mein Gott! seufzt sie. Die Schläfrigkeit hat sich indessen wieder verzogen. Hastig greift sie nach einem Eimer, um Wasser fürs Aufwaschen zu holen. . . Erst am späten Nachmittage hört sie das Geräusch von Rädern. Sie erkennt ihres Mannes „Brrr!" und Katschans freudiges Wiehern. „Zur Gesundheit!" wünscht sie dem Pferd im stillen. Es „dient" jetzt schon das achte Jahr bei ihnen. Das zweite Pferd ist erst neu angeschafft,. — wer weiß, wie sich das unterwegs machen wird. Sie schöpft den Schaum von der Fischbrühe ab und macht das „Bittere" zurecht. Indessen tritt der Mann in die Stube. " „Wirst doch was essen?" begrüßt ihn Dwosche. „Essen?" antwortet er, „und wer wird die Waren austragen? Und wann soll ich ins Bad gehen? Bereit mir nur Wäsche vor! ..." Er stellt die Peitsche in eine Ecke, — und schon ist er aus der Stube. Die Stube ist schon festlich rein, und alles schimmert blitzblank beim Lichte der Feiertagskerzen. Ein weißes Tischtuch liegt über der Binsendecke, die über den gescheuerten Tisch gebreitet ist. Der Seder ist bereits vollkommen zurecht gemacht. Auf zwei Stühlen ist das „Ruhebett" mit drei Kissen hergerichtet. Auf dem Tische stehen Teller, Becher, eine Flasche. Rosinenwein und der Pessach-Fisch. Am obern Tischende die Schüssel mit den Kräutern. Rachmiel sitzt auf dem Ruhekissen und zählt verschlafen die Plagen auf: „Dam, Zephardaa, Kinim ..." Dwosche zählt mit, und gleich ihm taucht sie den Finger in den Becher und spritzt die Tropfen ab. Die Kinder sind im Sitzen eingeschlafen. Rachmiel aber hält sich, und Dwosche folgt ihm. Nur bei „Halel" und just bei der Stelle: „Die da setzen den Grund des Hauses" senken sich ihre bleischweren Lider, der Kopf lehnt sich zurück .... Sie schläft... Rachmiel hört ihre tiefen Atemzüge. Er hebt die Augen von der alten Hagada auf. Sie während des „Halel" ansprechen möchte er nicht; er streckt also den Arm aus, um sie zu wecken. Doch sofort faßt ihn Mitleid mit ihr, und er läßt es. Die Arme! Sie hat sich überarbeitet, — denkt er, schon vier Wochen nicht geschlafen! Es wird ihm weh ums Herz. Sie arbeitet bei ihm mehr als einst die Juden in Mizraim . . . Mehr als seine Pferde auf der Landstraße ... Mehr als er selbst!... Nein, er wird sie nicht wecken. Aber „sagen" ohne sie, — das wird er auch nicht. Er will also warten, bis sie aufwacht. Ein kleiner Schlummer von ein paar Minuten ist auch was wert . . . Und schon war auch er eingeschlafen. Und er träumt von den jungen, bessern Jahren ... Als er zum ersten Male Dwosche sah! . . . Wie eine Rose hat sie geblüht! '. . . Aber plötzlich wiehert Katschan im Stall, und das genügt, um in eines Fuhrmanns Traum das Bild zu ändern ... Es ist noch nicht lange her .... Er ist auf der Landstraße, geht neben seinem Wagen einher .. Es regnet in Strömen, endlos, erbarmungslos . . . Das Heue Pferd bockt, Katschan kann kaum mehr die Beine rühren .... Immer tiefer und tiefer versinkt der Wagen im Straßenkoth und — morgen ist Pess'ach---- Gott im Himmel! Ist es möglich? Er soll hier stecken bleiben? . . . Pessach auf der Landstraße! . . . Nein, es ist nicht möglich! Er tritt ganz nahe an den Wagen heran. Man muß Katschan helfen . . , Er stemmt sich mit der Achsel unter den Wagen ... Es hilft nichts ... Er spannt alle Muskeln an, nimmt verzweifelt alle Kraft zusammen und-- Und bumms! Er versetzt dem Tisch einen mächtigen Stoß und wirft ihn um. Becher, Teller, Wein, Fisch und Brühe — alles durcheinander. * Alles . . . Alles ... Und Mann und Weib und Kinder fahren jäh auf und sehen einen Trümmerhaufen .... AUS MEINEM NOTIZBUCH Wir sollen Pessach eigentlich nicht nur als national-historisches, sondern auch als Auferstehuhgsfest der Natur feiern. Chag Haabib! Ein Sehnen ins Freie, das im Hohelied so unübertrefflich geschildert wird („Kol hathor nyschma bearetz" usw.), wächst in den Herzen der Städtebewohner zu einem elementaren Trieb an. „Gehen wir nach dem Feld hinaus, übernachten wir in Dörfern" — singt das Hohe Lied. Hinaus wollen wir und die steifen Glieder dehnen in weicher Frühlingsluft, und die müden Augen stärken an dem frischen, duftigen Grün der Büsche und. Rasenplätze. Die Frühlingsschwärmerei hat in der Weltliteratur keinen begeisterteren Ausdruck gefunden, als in unserem „Schir Ha-schirim". Nicht nur in der Dichtung, auch in der Wirklichkeit sind wir Frühllhgsschwärmer. Anschauung und Erinnerung, Natur und Nationalität verschmelzen sich in uns zu einer tiefen und starken Einheit. Wir haben für das erste Grün und die ersten Blumen dieselbe Vorliebe, wie die anderen. Hat das Ghetto diesen Natursinn abgestumpft, so wollen wir ihn erneuern. Wir wollen das Hohe Lied nicht zu einem toten Buchstaben machen, wir wollen es leben.