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Die Welt · 1908-04-15 · 16 (15.4.1908) · page 24

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
16 (15.4.1908)
Date
1908-04-15
Page
– (sequence 24)
Language
German
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26 -DIE — „Ja, warum nicht", sagte Reb Schmelke. „Das bischen Holz, das du nötig hast! Viel wird's doch nicht sein." Klein-Ruchele fühlte sich erleichtert. — „Du trinkst doch gar nicht, Berel", sagte Reb Schmelke und schenkte ihm zum zweiten Male Schnaps ein. — „Trink Berel, rchajim!" Berel trank und begann sich ganz heimisch zu fühlen. Sein Gesicht hatte eine fast herausfordernde Miene.' So etwas von Azus-Ponim.16) Er reichte Reb Schmelke die Hand und sagte: — „Reb Schmelke! L'chajim! Wirklich rchajim! Aber auch ganz wirklich rchajim!" Er hielt Reb Schmelkes Hand fest und ließ sie nicht los. Klein-Ruchele zitterte vor Angst. Sie zupfte an dem zu langen Ärmel des fremden Rockes, den Berel trug. Aber Berel bemerkte nichts. Er fuhr fort: — „Reb Schmelke! So wie wir hier sitzen, sind wir doch — ganz gleiche — Juden. Reb Schmelke! Wenn man so bedenkt — im Laufe eines ganzen Jahres — bekommt man — Euch nicht zu sehen! Alles durch -den Kutscher! Möchte Euch einmal um Rat bitten. Ich meine nicht Geld, aber — Rat." Reb Schmelke summte die Maarawith-Melodie") von gestern abend und trommelte mit den Fingern auf den Tisch. Unwillkürlich blickte er auf die Schnapsflasche. Ein guter Schnaps! Echte Zwetschen! — mochte er denken. Klein-Ruchele fuhr auf. Sie hatte das Gefühl, daß Berel sich auf einer abschlüssigen Bahn befinde. Fort, fort — so lange es noch Zeit ist! — „Warum eilt ihr denn so?" fragte Reb Schmelke, nach dem Fenster blickend. — „Ihr wollt ja gewiß ausruhen, und wir möchten Euch nicht stören. Wir danken Euch, Reb Schmelke, für all das Gute, und wir wünschen Euch einen recht koscheren Jom-tow" sagte Klein-Ruchele. [ELT - ■ " No.16 Nun .war sie die „Escheth-Chajil",18) die Rednerin! Berel lallte ihr nach. Es war ihm ganz wirr im Kopfe. Sie verabschiedeten sich. Reb Schmelke wollte Ruchele einige Makaronen für ihre „Kinderchen" mitgeben, aber Ruchele bedankte sich graziös-beschämt. „Die Kinderchen haben — sagte sie — genug Süßigkeiten." Zwar hatten die Kinder nicht einmal genug Mazzoth — aber sie sagte es doch. Man muß sich doch zu benehmen wissen. Nicht wie dieser Grobian — sofort betrunken und schwatzt! Als sie draußen waren; atmeten sie frei auf. Auch Berel wurde etwas geistesklarer. Drinnen war es so heiß und schwül! Einige arme Juden begegneten ihnen und stellten allerlei Fragen: wie und was und wozu und was meint er damit? — „Bat er euch auch, sich zu setzen?" fragte einer. — „Er hat mir auch die Hand gereicht, sagte Berel, ein seelenguter Mensch! Seide! Wie ich ein Jude bin." Klein-Ruchele ließ ihn nicht weiter reden. Als sie nach Hause kamen, war das bißchen Essen kalt und die Kinder schrien und weinten. Klein-Ruchele bedauerte am Ende, daß sie doch nicht einige Makarönchen mitgebracht hatte. Am Chol-Hamoed war Kalphe19) in derkleinen Gemeinde. Reb Schmelke wurde zum Gabbai10) des Bet-Hamidrasch gewählt. Berel war überall herumgelaufen und schwur und beteuerte: „Ein seelenguter Mensch! Seide!" Das „bißchen Holz" aus dem Walde wollte ersieh holen, aber Ruchele ließ es nicht zu. Sie sagte: „Ja, das war nur so, bei guter Laune. Man darf es nicht ernst nehmen. Man kann doch nicht so mit einem Male! Man muß wissen, wie mitden Leuten umzugehen!" DIE TRÜMMER DES ERSTEN SEDER Aus dem Jüdischen des B. GOI^IN Vor Pessach! Dwosche steht mitten unter den Arbeitern, die um den langen Tisch placiert sind, und wiegt sich vor und zurück, ganz und gar der „Pessach"-Arbeit hingegeben... Ihre Füße sind wie Klötze, ihre Hände, mit Teig behangen, wie zwei Federkissen; der Kopf ist ihr schwer, als war er mit Blei gefüllt, ihr Gesicht übemächtigt, blaß, müde ist sie zum Umfallen. Es ist still. Keiner witzelt, wie man's in den ersten Nächten so gerne tat; keiner läßt „seinen Geist leuchten", — die Kraft ist schon ausgegangen, keine Junge will sich mehr rühren... Stille . . . Man hört nur das Klatschen der Walkhölzer und das Kratzen der Zahnrädchen, wenn sie hie und da von den Mazzoth auf den blechbeschlagenen Tisch abgleiten . . . Und manchmal ein langgezogenes, müdes Gähnen. _Aber selbst dazu hat man keine Zeit. Man vergönnt sich nicht einmal das Schweißabtrocknen .... w). Freches Gesicht. 17) Abendgsebet. Mag schon der jüdische Golus nicht länger dauern! Endlich, endlich bringt man den letzten Teigklumpen. Zu Ende! Ein langes „Ah" entringt sich aus-aller Munde. Die Walkerinnen schleppen sich zu den Bänken und lassen sich darauf niederfallen. Die „Rädler" haben noch einige Mazzoth zu bearbeiten. Endlich auch da der letzte Strich. Nur der „Einsetzer" hat noch bei der „Hölle", dem Backofen, zu tun. Aber auch aus der „Hölle" kommen endlich die letzten Mazzoth heraus... „Uff!" stöhnt der „Einsetzer" mit einem befreienden Seufzer und schleppt sich vom Ofen weg. Und der Schichter häuft die letztenMazzothscheiben aufeinander... Aber nach Hause geht man noch nicht. Das tun nur, die's unbedingt müssen. Erst am frühen Morgen nahm Dwosche den Lohn in Empfang, für sich und ihre beiden Jungen, Worke 18) Die wackere Frau. 19) Wahlurne, Wahlaktion. l0) Vorsteher.

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