Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1908-04-15 · 16 (15.4.1908) · page 23

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
16 (15.4.1908)
Date
1908-04-15
Page
– (sequence 23)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316296-3316313--50533-3377664
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

No. 16 DIE^ELT „So komm doch morgen mit deiner Frau.. Morgen bist du ja frei!" „Jawohl, morgen bin ich ja frei." Die Einladung weckte in Berels Herzen große Zufriedenheit, sogar Stolz, aber schnell wurden diese Gefühle durch neue Reflexionen, die in ihm auftauchten, getrübt. Erstens hatte sein Fuß außer der Küche in Reb Schmelkes Hause kein anderes Zimmer je betreten, und er konnte sich kaum vorstellen, wie es in irgendeinem andern Zimmer aussehen mag. Zweitens wußte er nicht, wie man sich in einem gwirschen Hause benimmt und noch weniger —«.dachte er — werde es seine kleine Ruchele wissen. Nun sollen sie beide mit einem Male dort erscheinen! Ist das nicht eine Verlegen- . heit, geradezu ein Schrecken? Andererseits war die Einladung für ihn und für seine Frau zu schmeichelhaft, um ihr keine Folge zu leisten. Eine Kleinigkeit? Bei Reb Schmelke zu Gast! Berel eilte nach Hause, um seiner Frau die überraschende Kunde zu übermitteln. Unterwegs — er wohnte ganz weit weg, am äußersten Ende des Städtchens, wo die Wohnungen billiger sind — erzählte er den Bekannten, denen er begegnete, er sei zu Reb Schmelke eingeladen worden." Die Leute hielten ihn für etwas benebelt. Erew Pessach . . . Und es war bekannt, daß Berel manchmal ein Nippchen zuviel nahm. Als die kleine Ruchele die große Freudenkunde vernahm, war sie anfangs erstaunt, dann entzückt und zuletzt bestürzt. Sollte sie, wie sie jetzt ausschaut, in-ein reiches Haus treten? Hat sie ja kein ganzes Kleid auf dem Leibe! In der ersten Aufregung erging sie sich in Klagen. Sie überschüttete Berel mit einem Hagel von Vorwürfen: Ein schöner Mann! Ein schöner Versorger! KeinStückchen Kleid! CharpothundBüschoth!1*) Berel bereute schon die ganze Geschichte. Es war aber vorbei. Am ersten Tag" des Pessachfestes, gleich nach der Rückkehr von Schäl, begannen in Berels Hause die Vorbereitungen zum Besuch. Berel und Ruchele liefen herum und borgten sich von Nachbarn und Nachbarinnen verscfiiedene Kleider, legten sie an und zogen sie wieder aus, nahmen und gaben sie zurück, bis sie, leidlich passende Gewänder gefunden haben. Sie sputeten sich außerordentlich, ..um den Besuch nicht zu versäumen. Trotz der größten Anstrengungen konnten sie aber -erst um 3 Uhr nachmittags fertig werden. Zum Essen war keine Zeit geblieben. Mit nüchternem Magen begaben sie sich zum Besuch. Sie ließen die Kinder halb hungrig zu Hause. „Ich bring euch schon was mit", sagte die Mutter, die Kleinen tröstend. Als das Ehepaar an das Reb Schmelke'sche Haus herantrat, tauchte eine neue Frage auf: durch den Haupteingang, oder durch die Küche? Klein-Ruchele war für den Kücheneingang, aber Berel sagte stolz: wir sind Gäste und müssen durch den Haupteingang! Da er auf diesem Gebiete die Autorität war, so behielt er die Oberhand. Im Vorzimmer empfing sie die Hauswirtin und ließ sofort ihren Mann rufen. Sie wußte, daß der Besuch nur ihm gelten konnte., — „Gut Jom-tow, Reb Schmelke"! rief Berel, -als er den eintretenden Hauswirt bemerkte. — „Gut Jom-tow Euch", stammelte Klein-Ruchele ihrem Manne nach. — „Gut Jom-tow", antwortete Reb Schmelke . und reichte Berel die Hand. " Das überstieg schon alle Erwartungen. Nie zuvor hatte Reb Schmelke Berel die Hand gereicht. — „Was hört man neues?" fragte Reb Schmelke mit sichtlichem Wohlbehagen. — „Neues? Nichts neues!" erwiderte Berel ganz verlegen im Flüstertone. — „Was hört man draußen?" — „Draußen?" — Woher sollte er, Berel, eigentlich wissen, was man draußen hört? War er ja in den letzten Stunden so beschäftigt, daß es ihm gar nicht eingefallen war, sich draußen umzusehen. Er richtete schnell einen verstohlenen Blick nach dem Fenster und sagte: — „Nicht übel. Ziemlich schönes Wetter." — „Im Gegenteil, Reb Schmelke. Sehr schmutzig, Berelhat.es wahrscheinlich nicht bemerkt", warf Klein- Ruchele ein. Sie wollte durchaus etwas "sagen — möge man sie doch nicht für eine Person halten, die den Mund nicht öffnen kann! Berel wurde rot. Er schämte sich, von seiner Frau so bloßgestellt zu werden. Und vor wem? Gerade vor Reb Schmelke und ausgerechnet während des ersten Besuches! — „Nun muß ich euch mit etwas traktieren",, sagte Reb Schmelke, nach dem Fenster blickend. — „Danke, danke, Reb Schmelke, wozu sollt Ihr Euch denn bemühen" — erwiderte Berel beinahe flehentlich. — „Wozu sollt Ihr Euch denn bemühen", wiederholte Klein-Ruchele auch beinahe flehentlich nach ihm. Kaum hatte sie diesen Satz ausgesprochen, als sie sich beschämt fühlte, daß sie ihrem Manne so alles nachplappert. Inzwischen holte Reb Schmelke eine Flasche Pessach-Schnaps und Zuckerwerk. Er schenkte Berel ein Glas, reichte es ihm und sagte: — „Trink, Berel, Tchajim15)!" Berel hatte einmal gehört, man dürfe bei „Gwirim" sich nicht zu lange bitten lassen. Er nahm also das Glas sofort und sagte: — „Gebe Gott ein gutes Jahr, daß Ihr viel Geld verdient und — und . . . daß ... Ihr . . . auch . . . unserer . . . nicht . . . vergesset. . . Reb Schmelke!" Reb Schmelke schwieg würdevoll. Er nickte nur mit dem Kopfe. Klein-Ruchele trank nicht. Sie aß nur die Makarönchen aus Mazzamehl — aber sehr maßvoll. Der Pflaumenschnaps war stark und begann in Berels leerem Magen schnell zu dampfen. Die Ausdünstungen entfachten in Berel neuen Mut. Plötzlich fiel es Berel ein, Reb Schmelke um etwas Brennholz zu bitten. — „Wißt Ihr, Reb Schmelke", begann Berel mit gedämpfter Stimme — daß ich Euch um etwas bitten will? Möchtet Ihr mir vielleicht gestatten, in Eurem Walde dorthin der Nähe der Stadt, ein paar Baumzweige aufzulesen?" Jetzt wurde Klein-Ruchele flammend rot. Sie fühlte, daß ihrem Manne etwas ganz Ungebührliches entschlüpft sei. Angstgedanken tauchten in ihrem Köpfchen auf. Wird sich nicht Reb Schmelke verletzt fühlen? Wer weiß, ob er nicht absagen wird? '*) Schande und Spott. IS) Zum Leben.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.