Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 16 (15.4.1908)
- Date
- 1908-04-15
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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0IE2§ffiLT WAHLPOLITIK (Eine Pessach-Erinnerung) Nach Aufzeichnungen von C. Alles war der reiche Reb Schmelke im Städtchen, nur das Ehrenamt eines Vorstehers blieb ihm versagt; Und er sehnte sich nach diesem Amte so sehr! Nun rückte das Pessachfest heran; am Chol Harflöed sollten die Wahlen stattfinden, aber die armen Wähler hatten wirklich keine Zeit, daran zu denken. Die Jankels, die Leibeis und die Berels des Städtchens hatten für wichtigeres zu sorgen. Die Zeiten waren schwer, und die Bedürfnisse für den Pessach sind ja so groß. Besonders waren die Berels zahlreich im Städtchen vertreten, man mußte sie sogar genauer bezeichnen. Einer dieser Berels trug den Namen: „Berel der kleinen Ruchele." Ihn hat die Vorsehung dazu bestimmt, in die Geschicke der Wahlen einzugreifen. Es war vor Pessach, als „Berel der kleinen Ruchele" nach Hause kam und seiner Frau freudestrahlend die Mitteilung machte, der Gwirx) Reb Schmelke habe ihm soeben durch seinen Kutscher sagen lassen, er möchte nach der Bäckerei gehen und sich mit dem Backen seiner, Reb Schmelke's, Mazzoth beschäftigen. Seit Jahren galt es als ein unbestrittenes Recht Berels, all die „jüdischen Angelegenheiten" im gwirischen Hause zu erledigen. Am Purim pflegte Berel oder Klein-Ruchele die Sch'lach-Monoth2) Reb Schmelke's im Städtchen herumzutragen. Zum Sukkothfest war es Berel, der die Sukkah3) erbaut und den Lulaw4) mit dem Weiden- und Myrthenkranz umflochten hat. Am Tyscha'h B'ab trug Berel dem Gwir den Fußschemel nach der Klaus, auf dem Reb Schmelke während der Kinnoth5) saß. Die Hoschannahs6) zu Hoschannah Rabbah pflegte Berel zu holen, und vor Pessach war es wieder Berel, der das Backen der Mazzoth zu beaufsichtigen hatte. All dies' hat Berel für Reb Schmelke auszurichten. Wie vergalt Reb Schmelke Berel für alle diese Dienste? Vom Bezahlen konnte nicht die Rede seinsolche Dienste werden überhaupt nicht bezahlt. Es existiert eine höhere Art von. Bezahlen: es heißt nfhane7) sein. So pflegte Reb Schmelke Berel „m'hane zu sein". Zu Purim bekam Berel eine ansehnliche Hamaiitasche«) aus Reb Schmelke's Küche, zu Sukkoth durfte er über den Lulaw und Esrog Reb Schmelkes benschen9); S'chach10) für die Sukkah konnte er auch nehmen, so viel, er wollte. Erst unlängst hat ihm Reb Schmelke seinen alten Talithn) geschenkt —'■ einfach geschenkt! Reb Schmelke war ein Mann von untersetzter Gestalt und sein Gesicht war gerötet. Die Frauen im Städtchen sagten, Reb Schmelke habe „ein böses Auge". Die Männer teilten diese Ansicht und mochten Reb Schmelkes Blick nicht vertragen. Es lag etwas Unheimliches in diesem Blick: jeder von diesem Blick betroffene Schwerenöter des Städtchens fühlte sich noch Reicher Mann. Festgeschenke. Laubhütte. Palmenzweig. Klagelieder. Weidenzweige. Jemanden einen Genuß bereiten. Ein traditionelles Purimgericht. Den Segensspruch hersagen. Ranken. Gebetmantel. niedriger und ärmer, .als er es in der Wirklichkeit war. Er schien sich vor Reb Schmelkes Blick förmlich in Nichts verwandelt. Reb Schmelke's Bart war nicht lange, aber lang genug, um es Reb Schmelke zu ermöglichen, die Bartspitzen gewohnheitsgemäß zwischen den Zähnen zu kauen. Im Sprechen klang seine Stimme gwirisch-seriös — er bediente sich der tiefsten Tonlage. Er sah immer grollend aus. Man fürchtete ihn wegen seines Reichtums und wegen des hohen Ansehens, das er bei den P'ritzim12) der Umgegend angeblich genoß. Zum Vorsteher wollte man ihn doch nicht wählen. Seine Frau war im Städtchen auch nicht überaus populär. Sie war sehr korpulent, reiste jedes Jahr nach Marienbad und das war ihr besseres Gesprächsthema. Das Städtchen hatte es satt. Auch sie hieß Ruchele. Einfach Ruchele. Drei Frauen dieses Namens lebten im Städtchen : die große Ruchele, die kleine Ruchele und einfach, schlechtweg Ruchele. Die Rucheies waren dünner gesät als die Berels, doch mußte man auch sie genauer bezeichnen. Nach all dem Obengesagten wird es kaum Jemand wundern, daß „Berel der kleinen Ruchele" auf seinen Verkehr mit Reb Schmelke stolz sein durfte. Zwar war dies kein unmittelbarer Verkehr, die Vermittlung des Kutschers war immer dazwischen. Doch war es immer ein Verkehr mit den Großen dieser. Welt. Am letzten Erew-Pessach18) geschah aber das Ungewöhnliche, daß, als Berel den allerechtesten, koschersten Kidduschwein vom Rabbiner — der Weinhandel für heilige Zwecke war eine Nebenbeschäftigung des Rabbiners — nach Reb Schmelkes Hause brachte, er, Reb Schmelke, in höchsteigener Person, in der Küche fand.' Im ersten Augenblicke war Berel ganz-betroffen, aber er faßte schnell Mut und sagte mit stiller Stimme : „Ich habe den Wein gebracht." — „Sehr, gut", entgegnete Reb Schmelke, und sein Gesicht war diesmal freundlich. Berel wollte noch etwas sagen. Er hüstelte, fand aber kein Wort. - „Nun, Berel, wie geht es dir eigentlich", sprach ihn Reb Schmelke an. Er wollte ihm augenscheinlich durch diese Frage etwas Mut einflößen. „Wie soll es mir denn gehen? antwortete Berel mit erzwungener Kurage. „Ich meine, wie lebt es sich dort bei euch?" fügte ' Reb Schmelke hinzu. „Wie soll es sich denn leben? So so", -antwortete Berel und rieb seine Hände, schon ganz erdreistet. „Warum kommst du nicht einmal zu mir zum Besuch?" „Ich gehe ja bei Ihnen in der Küche stets ein und aus". „Nein, Berel. Nicht den Küchenbesuch meine ich. Ich meine zu mir, an. einem Feiertag, so .-. . zur Unterhaltung!-" ~ „Weiß ich denn? Keine Gelegenheit, keine freie Zeit", antwortete Berel verlegen. 1S) Nichtjüdische Gutsbesitzer. 1S) Rösttag des Pessachfestes.