Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 16 (15.4.1908)
- Date
- 1908-04-15
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Bruder unseres weltberühmten Märtyrers, Kapitän (jetzt Major) Alfred Dreyfus. Der Narrenberger Mathias Dreyfus ist Schammes der dortigen Chorsynagoge und der Stadtschochet. Wie er zu diesem Namen kommt, fragen Sie gar nicht. Es lebt doch in Narrenberg auch ein Jude, ein armer Teufel, dessen ganzes Verdienst im Kaddischsagen besteht und der den Namen Nataniel Rotschild trägt. Ein armseliger Narrenberger Schuster, ein Krüppel, schämt sich nicht, Heinrich Heine zu heißen, — es gibt auch einen Barbier Ludwig Börne, und zur ganzen Gesellschaft fehlt nur noch ein Stiefelputzer mit dem Namen Baruch Spinoza. Es ist nicht ausgeschlossen, daß sich dort irgendwo in den Gassen ein Baruch Spinoza herumtreibt, ich hatte aber bisher nicht das Glück, ihm zu begegnen. Kehren wir aber zu unserem Narrenberger Gelehrten zurück. Als Mathias Dreifuß von der Angelegenheit Nachricht erhielt, setzte er sich an das Nachforschen im Luach mit viel größerem Eifer, als es einem Gelehrten geziemt, der ein Schammes und Schochet ist und dabei Dreyfus heißt. Er grübelte so lange, bis er auf die richtige Spur kam. Er fragte sich nämlich, wo sei der We-adar*) hingekommen. Wie er sich aus den vorhergehenden Jahren erinnerte, sollte doch „zum Donnerwetter" dieses Jahr ein „Schaltjahr" werden. Den Beweis dafür lieferte ihm der Orgelspieler Friedrich Spielhagen, — ein Christ, der in der jüdischen Chorsynagoge während der Feiertage die Orgel spielt, — der behauptete, auch sie hätten jetzt ein Schaltjahr! Mit diesem wichtigen Material beladen, ging unser Gelehrter Dreyfus zum Rabbiner, Doktor und Prediger, und beide setzten sich wieder an das Studieren des Luachs. — Hier ereignete sich die eigentliche Katastrophe, — alle beide haben bemerkt, daß ihr Luach nicht vom' Jahre n'o-in (.5668), sondern vom. Jahre n"cnn (5648) stammt — es war also ein vorzwanzigjähriger Luach. *) Der zweite Adar im Schaltjahr. Der Verfasser dieser wahren Geschichte dankt dem Leser, daß dieser sich die Mühe gab, die Erzählung bis zum Schluß anzuhören; es wird der Phantasie des Lesers überlassen, sich das Bild vorzumalen, was in der Stadt Narrenberg geschah, nachdem die Narrenberger Juden vom Rebe selbst erfahren haben, wie verfrüht sie den heiligen Pessach feierten. Ich könnte viele scharfe Ausdrücke gebrauchen, wie zum Beispiel: erschüttert, niedergeschlagen, außer sich, usw. Ich fühle aber, es wäre nicht das Richtige, es wäre banal. Der beste Ausdruck dafür ist: V-e-r-n-i-c-h-t-e-t!!!... Denkt euch, — das ganze Halbjahr hat die Stadt durchgelebt, falsch, nach einem alten vorzwanzigjährigen Luach. Feiertage nicht in der richtigen Zeit gefeiert, Mazzes gegessen, als alle Juden „den Haman schlugen". Und die Bar-Mizwos, die Jahrzeiten, die Kadischim??? Und wer war schuld daran? — Ein kleiner Jude, ein Nichts, ein Emigrant! „Oh, der polnische Jud'!" schrien die Narrenberger jüdischen Dajtschen und fletschten dabei die Zähne. „Wenn er jetzt nach Narrenberg mit seinem Päckchen Seforim käme, geht er nicht mit heiler Haut davon." — Unser „polnischer Jude", unser Buchhändler Pinchos Pinkus, saß indessen mit vielen gleich ihm Hinausgejagten auf dem Riesenschiff, das stolz und rauschend das Meer durchfurchte, — von Hamburg nach New York. Bei dem großen Glück, das ihm bei den Dajtschen gelächelt, konnte er sich kaum für eine Schiffskarte, — Zwischendeck — das nötige Geld zusammensparen. Und er zieht dahin in das goldene Land, das Kolumbus entdeckt hatte, um den Armen, von der ganzen Welt Verjagten, Verstoßenen, Beraubten und Geschändeten die Möglichkeit zu geben, dort ehrlich und mit Würde, wenn auch mit großer Mühe und Not, ihr Stückchen Brot zu verdienen. Leser, wünschen wir ihm einen fröhlichen, koscheren Pessach!