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Die Welt · 1908-04-15 · 16 (15.4.1908) · page 19

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
16 (15.4.1908)
Date
1908-04-15
Page
– (sequence 19)
Language
German
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No. 16 DIE^ gesegnetes Jahr. Vom größten Fabrikanten bis zum kleinsten Handwerker, vom größten Kommissionär bis zum kleinsten Hausierer, — alle haben viel Geld verdient und freuten sich darüber, daß der „polnische Jude" bei ihnen für den Luach n"Din (5668) Geld löst. Man kann sagen, in ganz Narrenberg war kein einziges Haus, das dem „polnischen Juden" keinen Luach für dieses Jahr abgekauft hätte, — und die Narrenberger jüdische Bevölkerung genoß das Leben im Jahre 5668 nach dem alten Luach vom Jahre 5648. Man beging Jahrzeiten, feierte Bar-Mizwo, zündete die Chanukkalichter an, ergötzte sich an den Purim- Hamantasch und bereitete sich zum heiligen Pessach vor, zum Mazzesbacken, alles wie in allen übrigen Jahren, seit die Welt Welt ist. Und in der rechten Zeit, laut den Angaben des Luach, setzte man sich ganz gemächlich zum Seder, am nächsten Tage wieder zum Seder. Auf diese Weise würde der ganze Pessach vergehen, möglich auch Schewuoth und Sukkoth, wenn sich nicht eine Geschichte ereignet hätte. (Bei allen Erzählern in der ganzen Welt muß sich nämlich eine Geschichte begeben.) Die Sache war folgendermaßen: Ein Narrenberger Apotheker mußte geschäftlich nach Berlin reisen; am ersten Tage von Chol Hamoed ging er auf die Reise. Ausgehungert und müde kam er nach Berlin. Der aufmerksame Leser erinnertsich wahrscheinlich, daß ein Narrenberger jüdischer Dajtsch, sei es auch ein Apotheker, Dentist, oder noch ärger als ein Dentist, um keinen Preis in der Welt während des Pessach Chomez essen würde. Das ganze Jahr hindurch würde erJSchweinefleisch und Krebse nicht verabscheuen und essen" was ihr wollt. Wenn aber der heilige Feiertag Pessach kommt,- wird der Dajtsch auf einmal furchtbar fromm: eher stirbt er vor Hunger, als daß er Chomez aurühren sollte. Ihr könnt es Fanatismus nennen, aber es ist einmal so. Also kam der Apotheker nach Berlin, ausgehungert und müde, und vor allem begab er sich auf die Suche nach einem jüdischen Restaurant in der Friedrichstraße; als er das Wort „koscher" erblickte, da atmete er freudig auf. Kaum nahm er an einem Tischchen Platz, als der Kellner schon vor ihm stand; es war ein kräftiger Kerl, mit ""Jett eingesalbtem Haar und strotzendem Schnurrbart. Er hielt in der Hand einen Teller, auf dem — stellt euch vor! "— ein Hamantasch ruhte. Unser Apotheker war der Ohnmacht nahe. Was soll das bedeuten?! . K—o—s—c—h—e—r, P—e—s—s—a—c—h — und auf einmal ein Hamantasch mit Mohn. Wäre nicht der furchtbare Hunger, würde der Apotheker glauben, er träume. Der Kellner bemerkte die große Verlegenheit des Gastes, drehte, seinen Schnurrbart und sagte mit dem freundlichen Schmeicheln eines Kellners: „Es ist die Purimspeise wegen des Feiertags. . Da wurde unser Apotheker noch mehr verworren. Wegen Feiertag, Purimsp--?!" Der Kellner entfernte sich und an seiner Stelle erschien der Wirt, ein elegantgekleideter Dajtsch mit einem sehr lieblichen, alleruntertänigsten Schmeicheln auf den roten Lippen. Zwischen dem Wirt und dem Gast spielte sich folgende Unterhaltung ab, von der wir nur den Inhalt wiedergeben: Der Wirt begrüßte den Gast mit dem Feiertag Purim, und der Gast £ELT . 21 wollte dem Wirt einreden, heute sei zwar ein Feiertag, er heiße aber „Ostern" und nicht Purim. Der Wirt nahm den Gast für einen lustigen Patron, der von wegen Purim Witze macht, und er kicherte höflich. Dieses Kichern mißfiel aber dem Gast; die Unterhaltung wurde immer ernster, und allmählich fingen auch die übrigen Gäste an, sich an der höchstinteressanten Streitfrage zu beteiligen, was ünsern Apotheker ärgerte. Er erwiderte mit einem giftigen Lächeln, man könne zwar Jude sein und am Pessach Chomez essen, aber sich in fremde Angelegenheiten zu mischen, entspreche nicht der deutschen Etikette. Daraufhin wandte sich an den Apotheker ein Gentleman mit einem schönen Backenbart, bereits etwas grau, — und fragte ihn nicht weniger giftig, woher er komme, und als er erfuhr, der Herr sei ein Narrenberger, da zog er ein langes Aaaa.........h und vertiefte sich in seinen Teller. Wäre unser Narrenberger Held nicht so hungrig, so würde er mit dem Gentleman für dieses Aaa..h gehörig abrechnen, — erstens würde er ihm eine Visitenkarte mit der Firma „Doktor der Pharmazie in Narrenberg" gegeben haben, dann würde er von dem Gentleman die seinige mit seiner Firma fordern. Was nachher noch geschehen könnte, weiß ich nicht, — ich bin ja kein Prophet; was aber in Wirklichkeit geschehen ist, kann ich euch erzählen: Unser Narrenberger Apotheker verließ in großem Zorn das Restaurant, ging in ein anderes, ebenfalls jüdisches Restaurant und fand dort dasselbe Bild, — ebenfalls ein Chomez-Mittagessen und Hamantasche, dem Purim zu Ehren. Es endete damit, daß unser Apotheker von dort in ein christliches Restaurant ging, wo er sich ein goisches Mittagessen ä la carte bestellte. VI. Eine der imposantesten und nützlichsten Erfindungen der Neuzeit bleibt unbestreitbar das Telephon. Ihm verdankt die Stadt Narrenberg, daß sie im Verlaufe einer halben Stunde erfuhr, daß die Hauptstadt Deutschlands, die jüdische Stadt Berlin, fast um einen ganzen Monat den heiligen Pessach versäumt hat. Während die Narrenberger den zweiten Tag, Chol Hamoed, feiern, haben die Berliner erst Purim. Die Narrenberger Gemeinde war durch diese Nachricht äußerst überrascht und wollte sofort wissen, was „unser Rebe" dazu sagen wird. Man ging zum Rabbiner, Doktor und Prediger und fand ihn beim Schreiben eines Telegramms, mit dem er seinen Kollegen, ebenfalls einen Doktor, Rabbiner und Prediger, anfragte, was für Feiertag sie jetzt in Berlin hätten. Noch am selben Tag vor Abend erhielt, der Rabbiner eine klare Antwort aus Berlin, die aus einem einzigen Worte bestand: „Schuschanpurim". Telephonisch benachrichtigte er sofort die ganze Gemeinde davon und veranlaßte jeden, im Luach aufmerksamst das Datum zu kontrollieren. Und die Stadt Narrenberg fing an, den Luach zu studieren, mit solchem Eifer, als ob man das Weltende erfahren wollte.. Bleiben wir aber der "Wahrheit treu. Narrenberg ist wirklich eine Jeine. Stadt und ihre jüdischen Einwohner sind tatsächlich feine und anständige Leute, — viele Gelehrte aber, die den Luach verstehen, gibt es dort nicht. Der einzige Gelehrte, der ein jüdisches Wort versteht, ist einer, der den berühmten Namen „Mathias Dreyfus" trägt. Der Leser glaube nicht, er sei der

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