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Die Welt · 1908-04-15 · 16 (15.4.1908) · page 18

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
16 (15.4.1908)
Date
1908-04-15
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Ware erfolgen. Pinchos Pinkus hat nicht umsonst die Zeit unter seinen deutschen Brüdern verbracht. Er hat' es begriffen, daß ein „Luach" der gangbarste Artikel in Narrenberg ist. Und er wußte, was er tat, — in einem Tag verkaufte er den ganzen Transport „Luchoth", ließ den zweiten kommen und setzte auch diesen sogleich ab. — Seit jener Zeit begannunser Pinchos Pinkus zu wachsen und zu gedeihen, d. h. zu wandern von einem Städtchen zum andern, auf dem Rücken -ein Päckchen Bücher, hauptsächlich Luchoth, Berditschewer, Wilnaer und Warschauer Fabrikation. Aber der Hauptabsatzort blieb Narrenberg selbst, denn nirgends war die Nachfrage so.groß, wie hier. Ein Narrenb erger Jude, wenn er leinen jüdischen „Sefer", einen Luach kauft, gewährt damit drei Wohltaten: 1. Er erwirbt für sein Heim einen jüdischen Sefer; 2. er fördert dadurch die jüdische Literatur; 3. er gibt dem polnischen Juden etwas zu verdienen. Und dem polnischen Juden geht es nicht schlecht. Im ersten Jahre verkaufte er seine Luchoth zu Zehnen, im zweiten zu Hunderten, im dritten hoffte er Tausende, sogar Zehntausende von Exemplaren abzusetzen. Wer vermag das zu wissen? — Es blutet nur einem das Herz, daß man die - Ware so weit her beziehen und mit barem Gelde bezahlen muß. Es wäre ein goldenes Geschäft, wenn man sie am Ort fabrizieren könnte, — und unser Luachhändler Pinchos Pinkus hat eine Kombination ausgebrütet, einen ganzen Plan, einen genial-teuflischen Plan. 4. An einem schönen Tage saß unser Luachimpörteur Pinchos Pinkus in dem jüdischen Restaurant und stocherte in seinen Zähnen nach dem feinen Mittagessen—und seine zwei ungleichmäßigen Augen guckten aufeinander und" führten einen Schmus, — ein Zeichen, daß der Köpf nachdenkt, das Gehirn arbeitet. Damit der Leser erfährt, worüber Pinchos Pinkus nachgedacht hat, wollen wir in Kürze das Gespräch seiner Augen mitteilen. (Stellen wir uns einenAugenblickvor,daß auch Augen reden.) Das kleine Äuglein: Man muß jetzt einen Transport Luchoth zum Jahre n"D-in (56681 bestellen. So viel Geld! Das große Auge: Ein ganzer Schatz. Das kleine Äuglein: Eine Sünde vor Gott. Das große Auge: Man verstößt doch gegen das Gebot: „Bai taschchith">). Das kleine Äuglein: Für sie könnte man auch einen alten Luach verwenden. Das große Auge: Alt wie Methusalem, wenn es nur ein Luach ist. Das kleine Äuglein: Die Narrenberger Gelehrten . . . Das große Auge: Die tüchtigen Talmudisten! Große Köpfe! Das kleine Äuglein: Ah!, ein neuer Umschlag zum alten Luach und es wird gehen. Das große Auge: Die Charoseth verzuckern. Das kleine Äuglein: Und vielleicht stimmen die Daten nicht! Das große Auge: Andere Sorgen habe ich nicht! Das kleine Äuglein: Eine Mizwah! Das große Auge: Hol sie der . . . "- Das kleine Äuglein: Trefoh-Fresser. Das große Auge: Dummköpfe. x) Du sollst nicht zu Schanden machen. Das kleine Äuglein: Sie haben mir Blut genug abgezapft, bis ich meinen Weg gefunden. ' Das große Auge: Mag auch auf sie endlich ein böses Ende kommen. Und Pinchos Pinkus winkte dem Kellner zu, „Höre nur Dajtsch ben Dajtsch, ein Krügel Bier". Der Luachhäridler trank das Bier aus und schrieb nach seiner Heimat einen Brief, dessen genaue Kopie wir im Folgenden geben: . „ ... Und zweitens schreib' ich Euch, mein lieber : Freund, Ihr sollt so gut sein, für mich möglichst viel alte Luchoth einzupacken, die meisten vom Jahre n"nm (5648) oder ri"jhn (5658). Ich kann. sie hier absetzen. Die Deutschen kaufen alte Briefmarken und alte Luchoth; versteht sich, sie zahlen dafür sehr billig. Aber es ist immerhin besser für Euch, als. daß sie bei Euch ver- . faulen sollten. Wenn Ihr die alten Luchoth einpackt, seid so gut und wiegt sie ab,, und rechnet sie mir nach dem Wert des Papiers und sendet es mir per Nachnahme. Paßt auf, ich bitf Euch, und sendet nur alle Eure alten Luchot vom Jahre n"mn (5648), auch die von früheren Jahren. Ich tu' es nur Euch zuliebe,, weil ich weiß, daß die alten Luchoth bei Euch so herumliegen, — ich will Euch zu lösen geben. Gedenkt also um Gottes willen; nur viel Luchoth, und ich grüße Euch, Euer Weib und Kinder von mir Pinchos Pinkus." - Er versiegelte den Brief und rief dem Kellner zu : „Dajtsch ben , Dajtsch, noch ein Krügel Bier". Der Kellner brachte noch ein Glas Bier, und unser Luachfabrikant schrieb noch einen Brief: „ ... Und zweitens schreib' ich Euch, ich hab' hier aufgekratzt einen Dajtsch, einen Amateur der alten Luchoth, aber nur vom Jahre n"a-irv (5648). Wenn Ihr welche habt, sendet sie mir sofort per Nachnahme. Berechnet mir nur nicht mehr als das Papier wert ist, — ich muß doch auch leben. Ich schreibe nur an Euch, weil ich weiß, daß nur Ihr alte Luchoth besitzt. Und weil, ich keine Zeit habe, schreibe ich nur kurz. Von mir Pinchos Pinkus."' Und noch ein Briefchen hat er abgesandt, aber in ein anderes Städtchen: „ ... Zweitens schreib ich Euch, daß ich bei Euch in diesem Jahre neue Luchoth nur unter der Bedingung kaufen kann, wenn Ihr mir zu jedem neuen Luach n"o-^ (5ö68) drei alte vom Jahre n"mn (5648) beilegt. Hier sind einige Dajtschen, die die Witterungsverhältnisse nach den alten Luchoth von den vorherigen Jahren studieren. Also, ich bitf Euch, sendet mir alle alten Luchoth vom Jahre n"a-in (5648) und leget zu je drei alten einen neuen bei, und sendet per Nachnahme. Von mir, Eurem Pinchos Pinkus." Derartige Briefe gingen an verschiedene Buchhändler in verschiedenen Städten, — und unser Luachgrossist bezahlte den Kellner, nahm sein Päckchen auf den Rücken und zog seines Weges wie ein Mensch, der ein gutes Geschäft erfunden und ausgeführt hat. V. Das laufende Jahr 5668 seit der Welterschaffung war für die Narrenberger Juden ein gutes und

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