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Die Welt · 1908-04-15 · 16 (15.4.1908) · page 17

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
16 (15.4.1908)
Date
1908-04-15
Page
– (sequence 17)
Language
German
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In den letzten Zeiten aber, als alle diese Unruhen, Revolutionen, Konstitutionen und Pogrome begonnen haben, schleuderte die Woge der gewaltigen Emigration unter vielen andern Seelen auch einen Hausierer, oder richtiger Sforimkolporteur, Pinchos Pinkus, nach Narrenberg hinaus. Pinchos Pinkus ist ein Männchen von niedrigem Wuchs und flink; von seinen Augen ist das eine groß, das andre klein, — und während er spricht, schielt das kleine Auglein zum großen hinüber, als ob es sagen wollte: „Ha?", — und das große Auge antwortet: „Na — na!". In der ersten Zeit hat er sich genug abgequält, genug Sorgen, Elend und Schmach seitens seiner deutschen Brüder ertragen, bis er sich zu seiner Parnosoh aus der Heimat durchgeschlagen hat, — zum Herumtragen der jüdischen Bücher und Büchlein in den Häusern. — Niedergeschlagen, ruiniert, nackt und ausgehungert verließ er das Land, in dem er geboren war, und erreichte mit großer Mühe und Not ein freies Land — Narrenberg; hier brauchte er keinen Pogrom mehr zu befürchten, war aber vor dem Hungertod nicht geschützt, umsoweniger als in diesem freien Lande das Schnorren streng verboten ist, sogar unter den eigenen Brüdern. Jeder Mensch muß etwas tun, — aber unser Pinchos Pinkus konnte leider in dem freien Lande keine Beschäftigung finden. Die Schuld daran lag weniger an ihm als an der Sprache, — das heißt, .er verstand weder die Sprache der Narrenberger, noch die Narrenberger die seinige. In den ersten Tagen trieb er sich in den Narrenberger Gassen herum, betrachtete die Stadt, die Menschen, den Himmel und die Erde. Es scheint, dieselben Häuser, die gleichen Menschen, derselbe Himmel und dieselbe Erde, — und doch ists ganz anders: alle gehen so ruhig, gemütlich, ohne Angst vor einem Stein von oben, vor einer Kugel von vorn, vor einem Messer von hinten. Glückliche Menschen, gesegnetes Land! ... Allmählich verlor aber das freie Land in seinen Augen an Reiz, und an dieser Wandlung war der Magen schuld. Der Magen ist ein böser Klient. Tritt die Essenszeit ein, will er weder von Politik noch von Philosophie etwas hören. „Denkst Du etwa an mich oder nicht?", also rechtet der Magen, — „meinetwegen kannst Du betteln gehen, kannst stehlen und plündern, — das meinige mußt Du mir aber schaffen und das weitere scheert mich nicht". — Das Schlimme dabei ist aber, daß man ein geborener Bettler mit einer Bettlerseele sein muß, um öffentlich die Hand zum Betteln auszustrecken. — Unser Held hat sich viel in den Narrenberger Gassen herumgetrieben, bis er es wagte, den ersten Passanten anzureden. Nicht etwa zu betteln — i bewahre! —, nur einfach um sich auszureden und das Herz zu erleichtern. — Pinchos Pinkus sprach den ersten Deutschen, der ihm begegnete, in seinem Dialekte ungefähr in folgender Weise an: „Nehmt mir nicht übel, mein lieber Herr Däjtsch, ich bin hier ein Ger1) und verstehe, nicht den Loschön 2). Ich fliehe vor der Konstitution, — fliehe ich und falle sozusagen mit dem Ponims) zur Erde. Glaubt mir ich würde Euch nicht matriach sein4), wenn es nicht ') Fremdling, *) Sprache,' 8) Gesicht, *) bemühen. so wäre, wie man sagt „bou main ad nefesch"s). Ich bitteEuch, choliloG), nicht um eine, Nedowoh \), ich suche nur eine Melochoh8), was es auch sei, um die Neschomoh°) zu erhalten, — habt Rachmonos11)!" Der Deutsche hörte ihn bis zum Schluß an und entschuldigte sich, daß er noch nie von einer solchen Straße gehört habe und ging seines Weges. Der zweite Deutsche hörte dieselbe Rede an und ging wortlos weiter; der dritte wurde etwas zornig, daß ihm der Mann die Zeit raubte und schimpfte den „verdammten Kerl" tüchtig aus; der vierte hat ihn nicht einmal angehört, zeigte ihm nur seinen Stock und drohte den Schutzmann herbeizurufen. Unser Held fand, wie wir sehen, keinen großen Beifall bei den Deutschen, und er änderte gänzlich seine bisherige Meinung über sie und ihr freies Land, — er wurde ihr erbitterter Feind. III. Der" unglückselige Pinchos Pinkus faßte gegen die Narrenberger Juden mit ihrem Rabbiner, Doktor und Prediger einen unversöhnlichen Haß. Dem armen Emigranten wurden von dem Rabbiner, Doktor und Prediger drei Fragen gestellt: 1) warum er arm sei, 2) warum er so lumpig herumgehe, 3) warum er kein Deutsch spreche. Darauf hat der arme Jude mit etwas zu viel Arroganz erwidert: „Adoni, König", sagte er, „ich werde Euch alle Fragen nacheinander beantworten. Was Ihr redet, daß ich arm und zerrissen wie ein Bettler bin, habt Ihr recht. Der Allmächtige wollte mir zwar das Geld geben, aber ich sagte zu ihm, er solle das lieber demMendelsohn geben,— er ist ein Meschumed und hat doch keinen Anteil auf jene Welt. — Daß Euch aber mein jüdisch-Loschon nicht gefällt, so bin ich neugierig zu wissen, wie es Euch in meiner Lage ergehen würde, wenn Ihr mit Euerem deutschen Loschon zu uns nach Moskau oder gar nach Berditschew kämet, — Ihr würdet dann schon erfahren, was für Gott wir bei uns haben". — Glücklicherweise hat aber derRabbineraus der ganzen Rede nur einzelne Worte, wie Geld, Mendelsohn, Moskau... verstanden ..., und er schickte sich an, eine Moralpredigt zu halten und zu schimpfen, es sei eine „furchtbare Frechheit", wenn so ein Jude sich in die russische Politik mischt und den Bankier Mendelsohn zu kritisieren wagt. „Oh, das ist eben Euer Unglück", predigte der Rabbiner weiter, „daß Ihr Euch hineinmischt, wo Ihr nicht hingehört; eben dafür schlägt man Euch, und man treibt Euch aus, und wir deutsch-jüdische Bürger haben Euretwegen Schmach und Schande". Und noch viele solcher ernsten, klugen Worte hat der Narrenberger Rabbiner und Prediger umsonst ausgeschüttet, denn der Jude hat sehr wenig aus seiner Rede verstanden. Wiederholte Male wurde Pinchos Pinkus verjagt und als Bettler, polnischer Jude und dergleichen ausgeschimpft, setzte es aber durch, daß man ihm etwas Geld geliehen, für das ergedruckte Ware aus der Heimat kommen ließ; vielleicht gelingt es ihm doch, was zu verdienen? Und in Wirklichkeit, er bezog einen Transport Bücher und Büchlein, etwas „Sidurim", „Chumoschim", „Luchoth" und „Hagadoth", hauptsächlich aber jüdische Luchoth (Kale~nde;r). Nach den Kalendern, würde, wie er sogleich merkte, eine größere Nachfrage als nach der übrigen s) das Wasser reicht an den Hals, e) bewahre, 7) Almosen, s) Handwerk, 9) Seele, 10) Erbarmen.

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