Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 16 (15.4.1908)
- Date
- 1908-04-15
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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18 DIE3|gELT= No. 16 J. STARK (BEZALELSCHULE) DIE FREUDE DES ALTERS EIN VERFRÜHTER PESSACH Eine Geschichte, die sich auf der großen Welt begeben kann Erzählt von Scholem-Alejchem 1. Wer kennt nicht die weltberühmte deutsche Stadt Narrenberg? Es ist eine alte jüdische Gemeinde, — ja, nicht nur alt ist sie, aber auch fromm und gottesfürchtig. Ihre Juden haben sich dadurch bekannt gemacht, daß sie nie gegrübelt, nie allzuviel nachgeforscht, nie philosophiert und vor allem sich nie um die göttlichen Fragen gekümmert haben. Von ihnen kann man sagen, sie seien ungekünstelte Juden. In "Wirklichkeit beruht ihr ganzes Judentum einzig auf den drei Dogmen, die wahrscheinlich von unserem Urvater Abraham oder gar von Adam herstammen: Jahrzeit, Baf-Mizwah und Pessach. Diese drei Dogmen allein wären schon imstande, das jüdische Volk tausende und abertausende Jahre zu erhalten. Glaubt nicht» sie hätten das aus ihren eigenen Fingern gesogen, — nein, sie haben es wiederholt von ihrem Rabbiner, Doktor und Prediger vernommen, der bei der Narrenberger Gemeinde nicht niedriger in Ehren stand, als etwa der römische Papst bei den Katholiken. Der Rabbiner, Doktor und Prediger führt den Namen „Rebe", „unser Rebe", — und die Narrenberger Gemeinde glaubte, einen Gelehrten wie ihren „Rebe" gebe es nicht in der garizen Welt. In seine Predigten» die er an allen Feiertagen in der Synagoge hält, läßt er hebräische Brocken hineinfallen, die nur der Verfasser des Sidurs selbst verstehen könnte, wenn er auferstanden wäre, — vielleicht nicht einmal er. Die Narrenberger Juden sprechen von ihm wie von einem Wunderrabbi; sie sind stolz darauf, daß er in den etwa zwanzig Jahren, seit er bei ihnen Rabbiner und Prediger ist, noch nie geirrt hat: alle Feiertage — dieselbe Predigt, mit den gleichen Zitaten, aus demselben T'nach1), mit der gleichen Deutung und denselben Gleichnissen. Die Autorität des Rabbiners, Doktors und Predigers ist im Städtchen so bedeutend, daß man zu keiner Jahrzeit zu keinem Bar-Mizwah, keinem Feiertag Vorbereitungen trifft, solange der Rabbiner, Doktor und Prediger den Termin nicht festgesetzt hat. Ein jeder Narrenberger Jude muß einen jüdischen Kalender (Luach) in seinem Hause haben, ebenso wie jede jüdische Narrenberger Frau eine weiße Kaparoh- Henne am Errew-Jomkipur haben muß; doch wenn die Feiertage bevorstehen, traut keiner dem Kalender; man geht zum „Rebe", um von ihm den richtigen Tag zu erfahren, — und was erst vor dem heiligen Pessach! Denn Pessach, ich wette mit euch, wird inNarrenberg mit mehr Pracht und Glanz und Koscherheit gefeiert, als in der frömmsten Stadt von ganz Israel. Den Narrenberger Weibern gebührt der Ruhm; sie sind so gesetzestreu, daß sie sich am Pessach im Theater der chomez'digen Operngläser nicht bedienen wollen. Jetzt, nachdem wir mit den Narrenberger Juden nähere Bekanntschaft geschlossen haben, können wir zum Wesen der Geschichte übergehen, die sich im laufenden Jahre 1908, oder 5668 seit derWeltersehaffung laut dem jüdischen Kalender, in der Stadt Narrenberg abgespielt hat. II. Die Narrenberger Gemeinde bedient sich zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse ihrer eigenen Fabrikate und Produkte bis auf die jüdische'Literatur. Ehemals pflegten die Narrenberger, jüdische Literatur vom Auslande, aus London oder aus Warschau zu importieren. I Die Bibel. ■€^^cÄS^i^^.