Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 16 (15.4.1908)
- Date
- 1908-04-15
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 16 DIE3|gELT 15 Denselben Abend saßen Deborah und Isaak Maybaum in Leid an ihrer Pessachtafel, über die ein Paar kleine Leuchter ihre schwachen Strahlen warf. Alle die symbolischen Gefäße waren nach dem uralten Brauche aufgestellt, und Isaak verlas die gelbgefleckten Seiten der Hagadah seines Vaters und gab dem jährlichen Sange seines Volkes beweglichen Ausdruck: „Seht, das ist das Brot des Elends, das unsere Väter "im Lande Ägypten gegessen haben. Jeder, den hungert; komme und esse; jeder, der in Not ist, komme und halte Pessach. Dieses Jahr hier, das nächste Jahr im Lande Israels. Dieses Jahr sind wir Knechte, nächstes Jahr werden wir frei sein!" SEDERBECHER MALKA'S „MAH NISCHTANEH" Nach L. Kobrin Das ist doch merkwürdig, — begann eines Tages Malka, eine Landsmännin von mir, eine sehr intelligente Arbeiterin, ein Gespräch. — Das ist doch merkwürdig, daß ich mich immer vor einem Fest, besonders aber vor Pessach, so elend fühle... Ich weiß nicht, ich führ dann im Herzen eine so seltsame Leere, eine solche Wehmut... Mein Zimmer kommt mir vor wie ein Gefängnis, und es packt mich eine Sehnsucht, und die vielen Gedanken und Erinnerungen tauchen auf, — ich weiß nicht, wie ich euch das erklären soll. Ihr wißt doch, ich bin nicht fromm, ich weiß mich nicht mehr zu stellen zu all den Dingen, zur Hagadah, zum Wein und zu den Klößchen, und zu den Plagen schon gar »nicht. Und doch, — könnt ihr mir nicht sagen, warum das ist? — Es scheint mir, da ich mich von all den Dingen abgesagt habe, vom Seder mitsamt der Hagadah, dem Wein und den Klößchen, sind die Plagen bei mir im Herzen eingezogen... Ihr lacht? Ihr meint, ich scherze? Aber ich versicher euch, ich mein* das sehr ernst... Vielleicht kommt es daher, weil ich hier allein bin und verlassen, ohne Eltern und Bruder und Schwester... Vielleicht daher, weil möglicherweise doch noch etwas von der Erziehung in mir steckt, die mir meine frommen Eltern gegeben haben, vielleicht daher, daß ich, unbefriedigt, wie ich bin, mich sehne nach jenen jungen, glücklichen Jahren, wo das mein Hauptentzücken war, die. Mazzoth und der Wein, kurz der ganze Festtag. Vielleicht, — bestimmt kann ich euch die Ursache nicht nennen, — aber daß ich fühle, mir fehlt etwas, ich hab' etwas verloren, — das kann ich euch bestimmt sagen... Wie war es doch das letztemal vor Pessach? In der Werkstatt, an der Maschine sitzend, "hab' ich plötzlich gefühlt, »daß mir traurig zumute wird, und es kam mir vor, als wären alle Mädchen in der Werkstatt so traurig gestimmt wie ich, ja, sogar die Maschinen, so schien mir's, klapperten heut anders als sonst... Wenn ein Mädchen in ein Gelächter ausbrach, hab' ich bei mir gedacht: Närrin! Sie weiß nicht, wie schlecht 's ihr geht. Hätf ich bei allen jüdischen Arbeiterinnen Tränen in den Augen gesehen, ich hätf mich gar nicht gewundert. Es schien mir, als dächte in dieser Minute jede: Daheim hätten wir jetzt nicht in einer Werkstatt gearbeitet. Daheim reibt man jetzt Mazzothmehl, man scheuert, rupft den Truthahn, gießt Wein in die Karaffen... Man probiert die neuen Kleider, die der Schneider eben gebracht hat!.. Ja, so glaub' ich, müssen jetzt alle denken, denn so hab' ich gedacht. Und wenn ich mich dann gefragt habe, welche Beziehungen hab' ich zu all den Zeremonien, zu diesem Pessach? „Nichts sagen dir diese Zeremonien, gar nichts,*« — hab' ich mir geantwortet. „Ach, wie traurig,