Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 16 (15.4.1908)
- Date
- 1908-04-15
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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hier sein, bald, bald. Laßt uns mittlerweile über die Hochzeit reden. Wißt ihr, wir könnten ein feines Fest drunten in meinem Zimmer nach der Straße zu machen. Es ist lang und breit, und wir können einen besonderen ' Tisch hineinbringen. Und habt ihr schon über das - Fest selbst nachgedacht? Ich meine wegen des Kochens."" „Gott wird helfen," sagte Deborah mit einem Seufzer. „Gott macht die Schidducbim," sagte die Hauswirtin, „aber ich mach' die Feste. Ihr könnt Euch auf mich verlassen, ich habe schon oft diese Dinge für viele Hochzeiten besorgt. Der Fisch, das Fleisch, das Geflügel, das Backwerk, alles soll vom Besten sein. Es wird etwas Großartiges, etwas Glänzendes werden. Niemand könnte einem jüdischen Kinde etwas Besseres wünschen." „Ihr seid so gut," sagte Deborah, und ihre Augen irrten wieder zur Uhr. „Und wißt ihr was?" fragte jetzt die andere wieder und dämpfte ihre Stimme. „Ich habe ein Zimmer, das in wenigen Wochen frei werden wird. Es wird gerade passen. Ihr versteht?" „Ja," sagte Deborah, indes ihre Augen durchs Fenster blickten. „Was ihr nur haben wollt, fragt nur mich, und alles wird in Ordnung sein. Ihr werdet Glück an Euren Kindern haben, nur Glück und Freude." Da wurde plötzlich die Türe aufgerissen, und Isaak stürzte herein, aufgelöst, außer sich. „Mutter, Mutter, weh über uns!" schrie er. „WoistMirele, wo ist Mirele", schrie Deborah entsetzt. „Nicht hier, nicht hier," jammerte Isaak und preßte leidenschaftlich seiner. Mutter Hand. „Wo ist sie! Sprich!" rief Deborah und versuchte ihren rasenden Sohn zu beruhigen. „Sie wollen sie nicht hereinlassen!" schluchzte Isaak bitterlich. „Sie wollen sie nicht hereinlassen!" „Aber sie hat doch das Geld?" „Ja, das Geld hat sie, aber sie, haben an ihren Augen etwas auszusetzen." „Ihre Augen?" keuchte Deborah. „Ihre Augen, die immer wie Brillanten glänzten! Weh ist mir, weh ist mir! Sage mir, hast du sie gesehen, hast du sie gesprochen?" „Als ich zum Schiffe kam," begann Isaak mit gebrochener Stimme, „schaute ich und suchte ich und konnte sie nicht finden. Zweihundert Einwanderer kamen aus dem Schiffe, aber Mirele war nicht zu ^ehen. Dann fragte ich jemand und er sagte mir, daß Mirele auf dem Schiffe sei, in einem Räume eingeschlossen, daß sie nicht entwischen könne. Der Doktor habe an ihren Augen etwas nicht in Ordnung gefunden, und darum wollten sie sie nicht gehen lassen. Dann wollte ich aufs Schiff gehen, um sie zu sehen, aber sie wollten mich nicht hinauflassen. Und dann sagte mir der junge Mann des Schiffsbureaus, ich solle mit ihm zum Komitee gehen, das Mirele wieder vernehmen würde, und dort könne ich sie sehen und mit ihr sprechen. So ging ich denn hin, und sie riefen mich vor das Komitee, und da sah ich meine Mirele. O, wie verändert, o wie elend! Blasse Wangen und tränenentzündete Augen. Ich sprach, ich flehte, ich schrie, — alles vergebens. Sie wiesen mich aus dem Saal, und ich konnte sie nicht wiedersehen. Aber als ich hinausging, stieß sie einen Schrei aus, der zerriß mein Herz. Oh Mirele, meine Mirele! Weh ist mir, weh ist mir." „Öh Gott, habe Mitleid mit deinen unglücklichen Kindern," schrie Deborah und wand ihre Hände in Verzweiflung. „Weh über uns, weh! Ich muß gehen, und muß sie sehen. Ich kann es nicht ertragen!" „Wohin wollt ihr gehen? Was könnt ihr tun?" fragte Frau Fischer und versuchte sie zu beruhigen. „Wir werden mit ihr zurückgehen," schrie Isaak außer sich. „Zurück nach Rußland! Wir können sie nicht allein zurückgehen lassen. Mutter, komm!" Deborah schlug schnell ein Tuch um den Kopf und eilte mit zitternden Gliedern hinter Isaak die Treppe hinunter. Verwirrt und verzweifelt stürzten sie durch die geschäftigen Straßen zu den Docks, durch ihr stöhnendes „Weh" hin und wieder das Erstaunen der Passanten erregend. Verzweiflung beflügelte die Schritte der gebrechlichen alten Frau, daß sie gleichen Schritt mit ihrem dahinrasenden Sohne hielt, und in kurzer Zeit erreichteji sie die Docks und sahen das große, düstere Schiff, das an diesem Morgen so viele Kinder Israels aus der russischen Hölle gebracht hatte. „Komm, Mutter!" sagte Isaak, ergriff ihren Arm nnd zog sie mit sich die Laufbrücke entlang. „Hallo! Was wünschen Sie?," rief ein. Matrose, der mit dem Reinigen der Docks beschäftigt war. „Mirele, Mirele," war alles, was sie antworten konnten. Ein freundlicher deutscher Steward kam ihnen zu Hilfe. Er führte sie eine schmale Leiter hinauf und brachte sie zu einer verschlossenen Kabine. „Hier drin ist sie," sagte er. „Öffnen Sie die Türe," bat Isaak, und sofort erweckte seine Stimme einen Antwortschrei von innen: „Isaak, mein Isaak!" „Ich kann die Türe nicht öffnen, der Kapitän hat strenge Ordre gegeben," erwiderte der Steward. „Wenn sie entkäme, müßte er eine schwere Strafe bezahlen." „Sieh, o sieh," rief da Deborah und deutete auf die obere Türkante. „Mirele, o Mirele!" Zwischen der Decke der Kabine und dem Rande der Türe war ein Spalt, drei Zoll breit, durch den das bleiche, mit Tränen überströmte Gesicht des Mädchens sah. „Oh Isaak, mein Isaak, ich werde sterben, ich werde sterben!" „Nein," antworteten Mutter und Sohn, „wir werden mitkommen. Weh über uns, weh!" Plötzlich hörte man eine dröhnende Stimme in russischer Sprache, und der Steward flüsterte: „Der. Kapitän befiehlt, Sie müßten das Schiff verlassen. Wir müssen schon bald Segel setzen." „Wir können nicht, wir werden nicht!" protestierten sie. Aber sie sahen, es war nutzlos, sich zu widersetzen. „Mirele, Mirele," schrien sie, „wir werden nach Rußland zurückfahren, wir werden wieder beieinander sein. Habe Mut." „Ich vergehe," klagte das Mädchen und streckte ihre schlaffe Hand durch den Spalt. Mutter und Sohn ergriffen das köstliche Gut und badeten sie in Küssen und Tränen. Wieder donnerte da die dröhnende Stimme. Deborah und Isaak suchten ihren Weg zurück zum Deck und eilten an den Strand. Lange standen sie und starrten auf den dunklen Schiffskörper, bis ein Dockpolizist sie barsch von dännen wies.