Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 16 (15.4.1908)
- Date
- 1908-04-15
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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wie öde, wie das dich bedrückt!" hat sofort einej| Stimme tief im Herzen entgegnet. ... " ß0 „Kinderei!", hat der Verstand gesagt. „Welch ein tiefes Elend!" hat noch lauter die Stimme im Herzen erwidert.. „Wehn der oder jener es wüßte!" ist's mir durch den Kopf gegangen, „wie würden sie dich auslachen, was für eine Meinung würden sie bekommen von deiner sogenannten Intelligenz und Aufgeklärtheit!" „Ach, du sehnst dich so sehr, dir ist so weh zumute!" hat seufzend die innere Stimme geantwortet. Und diese Stimme war stärker als die andern und hat zu fragen begonnen: „Wär's nicht besser, würdest du dich nicht glücklicher fühlen, wenn du den Pessach feiern würdest? Was hat dir deine Aufgeklärtheit dafür gegeben? Sind deine Eltern nicht glücklicher, wenn sie nichts wissen von hohen Ideen und das tun, was ihre Eltern getan haben?" „Die hungrige Kuh fühlt sich noch glücklicher, wenn sie ihr frisches Heu wiederkäut. . . . Der Mensch ist doch aber kein Wiederkäuer; was soll das für ein Ideal sein, das sich ausdrückt im Essen, Weintrinken oder im Anziehen eines neuen Kleides," . . . hat sich eine neue Stimme angemeldet. Der Verstand aber unterbrach sie: „Gut essen und trinken ist nun zwar durchaus kein unwichtiges Ideal — aber schließlich sehnst du dich doch nicht nach dem Essen und Trinken! Die Mazzoth und die Klößchen und den Wein könntest du doch für Geld bekommen, — sogar bei deiner. Hauswirtin." . . . „O, wie traurig es ist!" hat die seufzende Stimme ergänzt---- Ich bin dann spät nach Hause gekommen. Absichtlich war ich mit einer Freundin über East Broadway spaziert, um weniger allein zu sein in meinem Zimmer... Bei meiner Hauswirtin war man schon fast fertig mit dem Seder. In dem Zimmer, wo der Seder gefeiert wurde, war es festlich hell: der Hausherr, seine Frau, die Kinder saßen um den großen Tisch, der feiertäglich aufgeputzt war. Ich bin in mein Zimmer gegangen. Und ohne das Licht anzustecken, hab' ich mich ans Fenster gesetzt und hab' hinausgesehen. Mir gegenüber über einem roten Haus stand leuchtend der Mond. Unwillkürlich hab' ich an den Mond daheim denken müssen, und es begann im Herzen zu ziehen, zu ziehen. Und etwas hat angefangen zu klagen und zu weinen. ... Da ist unsere Schmiedgasse, .. . und da ist unser Häuschen... (und die Fenster sind hell erleuchtet . . . und da steht ein junges Mädchen in einem langen schwarzen Zopf. . . ich selbst . . . und da ist die Schmiede . . . Iwan steht und bläst . . . ein blutrotes Feuer steigt auf und senkt sich . . . feurige Funken fliegen durch den Kamin.. . . und da ist Kotschinskös Garten mit den Bäumen, die jetzt noch fast kahl stehen . . . und drüben der blaue Himmel wie eine riesige blaue Mütze und darin wie ein großer, blitzender Edelstein unser Mond. . . . Ich hab' die Augen geschlossen. . . Ich hab' alles vergessen wollen, alles, was dort ist. . '■■ Dort ist ein langer Tisch, darauf silberne und vergoldete Becher ... obenan auf einem Ruhebett sitzt mein Vater im weißen Kittel . . . sein Gesicht strahlt stolz Wie das eines Königs . . . Ihm zur Rechten sitzt die Mutter, auch glücklich und strahlend, festlich herausgeputzt mit Perlen und blitzenden Ohrringen, in einem Häubchen mit irgendwelchem roten Aufputz . . Im Blick ihrer Augen, mit denen sie auf den Vater und auf uns alle sieht, kann man lesen: „Gott soll mir vergönnen, übers Jahr mit meinem Mann und meinen Kindern beim Seder zu sitzen". . . Jemand hat mir auf die Schulter geklopft. Ich hab' mich umgedreht, — meine Hauswirtin. . . „Warum sitzt Ihr, Malka, im Dunkeln?" fragte sie, „fühlt Ihr Euch vielleicht nicht gut? ... Kommt zum Tisch! . . Wir werden Euch gewiß dafür nichts aufrechnen! „Ich dank' Euch, Sarah, wenn's mich verlangt hätte, zu Euch hineinzugehen,, hätt' mich auch" das Geld gewiß nicht gereut. Im Gegenteil. . „Nun, sagt doch selbst, Malka, ist das ein Leben? Gar nichts zu wissen vom Feiertag! . . Ich sprach schon einst von der Frömmigkeit. . . Ich sag' so: Ein gutes Stück gefüllter Fisch oder ein Gläschen Wein oder ein Knödelchen oder Rotrübensuppe, mein lieber Gott, wie kann man ganz verzichten auf den Feiertag!" „Ach, Sarah, nicht Euer Wein und nicht all Eure guten Sachen können mir das geben,, was mir fehlt. . Es ist mir "sehr traurig zumute. . ." „Warum aber?" Ich hab' ihr das nicht erklären können, und Tränen steckten mir im Halse. Nicht wahr — so schloß sie das Gespräch — es ist doch merkwürdig, daß ich mich gerade immer vor den Feiertagen so elend fühle. Warum ist das? . . . Mah nischtaneh? ...