Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 16 (15.4.1908)
- Date
- 1908-04-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316296-3316313--50516-3377647- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
8 DIE3§£ELT No. 16 DAS FEST DER FREIHEIT Von Israel Cohen Aus dem englischen Manuskript übersetzt I.. Unter all den geschäftigen Haushaltungen des jüdischen Viertels, die sich summend wie ein Bienen-, schwärm in den Pessachvofbereitungen tummelten und rührten, war niemand so aufgeregt, wie die kleine Familie der Maybaums. Zwar war da nur Mutter und Sohn, die ein paar Zimmer im ersten Stock eines ärmlichen Hauses in einer der schmutzigen Nebenstraßen von Commercial Road bewohnten; aber in ihren Herzen war mehr Unruhe in der Nacht vor dem historischen Feste, als unter all den andächtigen Einwohnern dieser Gegend, wie groß auch immer ihre Familie sein mochte und wie schwer immer ihre Sorge wegen des Kaschruth ihrer Mazzoth. Allerdings war dieses der erste Pessach, den die Maybaums in London feiern sollten; denn es war erst neun Monate her, daß sie auf englischem Boden gelandet waren, froh, ihrem von einem Pogrom betroffenen Städtchen im russischen Ansiedelungsrayon entronnen zu sein.. Aber dieser Umstand, mitsamt der vollständigen Umwälzung, die er für Kochen und Putzen und Geschirr bedeutete, konnte allein nicht diese ungewohnte Aufregung verursacht haben. Auch der Gedanke, daß sie im Begriffe waren, zum erstenmal das Fest der Freiheit in einem Lande der Freiheit zu begehen, war nicht schuld daran. Sie, die unter dem Joch der Willkür gedarbt hatten, deren rasende Myrmidonen sich beim Hinschlachten der Juden, nicht mit den Erstgeborenen begnügten, waren fast geneigt, der Knechtschaft ihrer Väter in den «Ziegeleien des alten Ägyptens größere Bedeutung beizumessen. Sie zogen keinerlei Vergleich zwischen den beiden, denn sie waren ganz in Anspruch genommen von etwas, das weder eine historische, noch eine religiöse Bedeutung hatte, das ihnen aber in Herz und Sinn lag als eine Sache von überragender Wichtigkeit. Kurz, sie erwarteten für Pessach einen lieben Gast, den sie „zu Hause" gelassen hatten, als sie auswanderten, und dessen Ankunft sie seitdem immer und immer ersehnt und erfleht hatten. Deborah Maybaum war eine schwächliche Frau von 60 Jahren, deren vergrämte und gefurchte Stirn Zeugnis davon ablegte, daß sie das Leid kennen gelernt hatte; zwei ihrer Söhne waren im russisch-japanischen Kriege gefallen, im Kampfe für ihr Stiefvaterland, und ihr Mann war nach einer langwierigen Krankheit einem Schlaganfall erlegen, den er eines Abends nach Rückkehr aus der Synagoge erlitt, als die Schreckensherrschaft in der Stadt tobte. Sie selbst hatte alle Greuel eines Pogroms erlebt, hatte Greise ermordet, Weiber geschlachtet, Kinder aus den Fenstern, auf das Straßenpflaster geschleudert gesehen. Und so hatte sie, übersättigt mit Gram, sobald es möglich war, .sich außer Landes zu begeben, das Schiff von Libau nach England ' genommen, mit ihr ihr einziger Sohn Isaak. Ihr Auszug aus der russischen Hölle ging nicht ohne Leid von statten, denn sie mußten dort den einzigen Lichtstrahl ihres dunklen Lebens zurücklassen, Mirele, eine achtzehnjährige Waise, die verlobte Braut Isaaks. Das Fremdengesetz des freiheitlichen Englands war damals schon einige Monate in Kraft, und all die Details seiner Bedingungen hatten bald den Ansiedlungsrayon durchlaufen. „Ohne fünfzig Rubel für jeden werden sie euch nicht hineinlassen," sagte der Lokalagent der Schiffsgesellschaft, indem er versuchte, den Auswanderungslustigen, die sein Bureau belagerten, das Gesetz zu erläutern. „Ihr mögt ««Höre, Israel» rufen von heute bis zum nächsten Jahre, es wird euch nicht ein bißchen helfen. England verlangt, daß jeder von euch ihm wenigstens fünfzig Rubel vorzeigt, ob ihr auch an Mizwoth so reich seid wie euer Vater Abraham." So hatte Isaak Maybaum darauf gedrängt, daß eine genaue Rechnung über den Besitz der Familie aufgestellt würde. Da ihr kleiner Laden von dem „Schwarzen Hundert" ausgeplündert worden war, blieb ihnen gerade nur so viel, um die Reise für zwei zu bezahlen und die baren hundert Rubel zu erübrigen, die sie brauchten, um sich das Recht des Eintritts durch die wohlverwahrten Tore zu sichern. Und so entstand die Frage, wer von ihnen drei zurückbleiben sollte. Isaak bestand darauf, daß die beiden Frauen zuerst gehen sollten; er würdedann folgen, sowie er Geld genug dazu verdient hätte. Aber sie wollten sich nicht allein auf die Reise wagen, zurückgeschreckt von den hoffnungslosen Aussichten bei ihrer Ankunft in London. Da erklärte Deborah, daß ihre einzige Lebensfreude im Glück ihrer Kinder liege — war sie doch der Waise Mirele mehr als ein Jahr eine Mutter gewesen — und verlangte, daß Isaak mit seiner Braut zuerst gehen sollte; sie würde zufrieden sein, wenn sie zur Hochzeit ihrer Kinder eingeladen würde. Aber Mirele Heß nicht zu, daß Deborah zurückbliebe und bestand darauf, daß Mutter und Sohn zuerst zusammen gingen. In England, wo Friede und Freiheit herrsche, würde Isaak besser in der-Lage sein, ein Heim zu gründen, als in einem Lande, wo Räuber" und Mörder von Großen unterstützt werden. Und Deborah, die schon so viel Leid er^ fahren habe, habe ein Recht darauf, einmal Ruhe zu genießen. Sie selbst aber sei jung und hoffnungsvoll, sie würde unter Freunden leben, die sie beschützen würden, und würde geduldig den Tag ihrer Befreiung erwarten. Und so zogen Deborah und Isaak nach einem langen, tränenreichen Abschied von dem tapferen Mädchen in das Land, das man ihnen als ein irdisches Paradies geschildert hatte, und in das. hinein zu kommen durch die Inquisition der Einwanderungsbeamten ein um so kostbareres Gut erschien. Manchen Kummer hatten Mutter und Sohn in den nächsten paar Monaten gemeinsam, als sie fanden, daß das Leben in London, wenn auch nicht mit Schrecken, , so doch mit Schwierigkeiten verknüpft war. Ihr kleines Vermögen war bereits aufgezehrt, als Isaak seinen ersten Lohn als Bügler nach Hause brachte; . aber die Bitterkeit dieses Lebens wurde versüßt durch die Hoffnung auf die kommenden Tage. „Gott wird helfen" war Deborahs ständiges Wort, wenn Isaak .es auch vorgezogen hätte, die Hilfe nicht erst für die Zukunft erwarten zu müssen. Aber die Briefe von Mirele, rührende" Boten der Liebe und Ergebung, erleicherten die Bürde des Schneiders in den