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Die Welt · 1908-04-15 · 16 (15.4.1908) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
16 (15.4.1908)
Date
1908-04-15
Page
– (sequence 8)
Language
German
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DIE^ELT No. 16 Schwitzstätten und sporntenihn zu Heldentaten derEnergie an. Auf dem Ofensims ihres niedrigen Wohnzimmers stand in einem hübschen goldverzierten Rahmen, inmitten der Sabbatleuchter, Mirreles Photographie, ein reizendes Mädchenbild, das der Mutter und dem Geliebten in allen Strahlen der Sonne zu glänzen schien. Und wenn des Abends, ermüdet von der langen Last des Tages, Isaak in melancholischer Betrachtung im Scheine des Ofenfeuers saß, brauchte die Mutter nur aufmunternd zu sagen „Schau aufwärts", und ihre Augen begegneten sich in hoffnungsfreudiger Sehnsucht. Schließlich hatte Isaak mit Hungern und Sparen die Summe aufgebracht, die nötig war, um die Fahrkarte für Mirele bezahlen und den durch das Einwanderungsgesetz vorgeschriebenen Betrag vorweisen zu können. Und das Mädchen hatte in einem Briefe von überströmender Dankbarkeit angezeigt, daß sie so zeitig von Libau abfahren würde, daß sie noch vor Pessach in London eintreffe. Das war der Grund, warum die kleine Familie Maybaum in der Nacht vor dem historischen Feste aufgeregter war als irgendeine der beschäftigten Haushaltungen der Juden des Viertels. Der Schiffsagent um die Ecke herum hatte eben sagen lassen, daß der Segler an St. Katharinens Dock um 6 Uhr in der Frühe ankommen würde und Mutter und Sohn konnten sich kaum vor Freude lassen. Endlich würden sie wieder alle miteinander vereinigt sein, nach all diesen Monaten folternder Qual; und bald würde die Mutter ihren Herzenswunsch erfüllt finden -und den Sohn unter dem Trauhimmel sehen. „Gelobt und gepriesen sei der Allmächtige," sagte sie, „der sich so gütig zu uns gezeigt hat." „Wie hab' ich nach diesem Augenblick verlangt! Welch eine Seele von einem Mädchen! O Isaak, wie glücklich du bist, wie froh mußt du dich fühlen." „Ja, liebste Mutter, ich bin wahrhaftig glücklich," antwortete Isaak und las den Brief Mireles wohl zum zehntenmale. „Ganz London wird dich beneiden," fuhr die Mutter stolz fort. „Was sage ich da? Ganz England wird dich beneiden." Und da ihrer weitgehenden Behauptung nicht wiedersprochen wurde, verstieg sie sich noch weiter bis zu dem kühnen Ausspruch: „Die ganze Welt wird dich beneiden!" Isaak hatte keinerlei Einwendungen gegen ihre bestimmte Versicherung zu machen. Er glaubte ohne weiteres gerne daran. In einer Glückseligkeit befangen, die zu tief war, um sie in Worte zu kleiden, fragte er plötzlich: „Erinnerst du dich des letzten Pessachs, Mutter? Mirele wollte die Türe öffnen, ehe ich an die Worte kam: Schütte aus deinen Grimm über die Völker, die dich nicht anerkennen! — da flog ein Stein ins Zimmer. Dieses Jahr werden wir nicht in einer solchen Gefahr schweben." „Ja, mein Sohn," erwiderte Deborah andächtig. „Gepriesen sei der Allmächtige, der uns so weit gebracht hat! Ah, wenn doch Mirele schon hier wäre! Wie sollich es aushalten, bis sie kommt!" Sie nahm die Photographie vom Kaminsims, und sie mit einem glücklichen Lächeln betrachtend, rief sie, wie sie es hundertmal vorher schon getan hatte, gleich als ob "Isaak ihr je widersprochen hätte: „Welch schöne Augen! Wie Brillanten! Wie zierlich, wie vornehm, die richtige Braut für einen König! Von ihrer Kindheit an habe ich sie gekannt und habe sie geliebt, und immer habe ich gesagt: ,Sie allein kann einmal die Frau meines Isaakchens sein.' Und als ihre Mutter im Sterben lag und sie allein in der Welt bleiben sollte, habe ich versprochen, sie zu mir zu nehmen und sie zu halten wie mein eigenes Kind. Und bald, — Schewuoth wird ja bald sein, — wird sie wirklich meine eigene Tochter sein, denn ich werde euch beide unter den Trauhimmel führen." „Nie mehr werden wir Tage voll Angst und Nächte voll Furcht erleben, wie es bei uns zu Hause war," sagte Isaak. „Zu Hause," wiederholte er ironischen Tons, „ja, es war wohl ein bitteres Zuhause. Ach, liebste Mutter, wie oft habe ich mir schon selbst Vorwürfe gemacht, weil ich Mirele zurückgelassen habe. Wer konnte wissen, vielleicht konnte ein neuer Pogrom ausbrechen, und tiann die Hooligans . . . .! Ah, ich zittere bei dem Gedanken. Wahrhaftig, der Allmächtige hat sich gnädig erwiesen, und wir sollen dankbar sein. Ja, wir werden ein glückliches Pessach haben, ein fröhliches Pessach, ein neues Leben wird sich uns auftun." „Hier wird sie sitzen," sagte Deborah und rückte einen- Stuhl an die eine Seite des Tisches und bewegte ihr Haupt wie in Bewunderung der Gestalt, die sie in Gedanken sah. „Hier wird sie sitzen morgen abend zu deiner Rechten und wird dir lauschen,' während du die Hagadah liest, und sie wird einfallen und singen und die Becher mit Wein füllen für uns alle und auch, für Elijah den Propheten. Ah, wie glücklich werden wir sein, wie werden wir uns freuen!" „Ja, Mutter,- wir werden die Hagadah lesen aus dem alten Buch, aus dem Vater — Friede sei mit ihm — die heilige Erzählung so viele Jahre gelesen hat. Und wenn wir die Flecken auf ihren Seiten sehen, werden wir uns die Leiden der Vergangenheit ins Gedächtnis rufen und uns des Glückes gewärtig sein, das wir schließlich erlangt haben." „Ah, wie ich verlange, Mirele zu sehen!" seufzte Deborah von neuem, „und wie wird sie sich sehnen, bei uns zu sein. Isaak, mein Kind, wenn du sie morgen treffen wirst, da sie vom Schiff kommt, mußt du sie gleich zu mir bringen und darfst unterwegs nicht verweilen. Und ich werde indessen ein warmes Frühstück bereitet haben für das liebe Mädchen, das hungrig und müde sein wird." „O, gewiß, Mutter, ich werde mit ihr zu dir fliegen, so schnell wie der Wind". Erst die späte Stunde, und die Sorge Isaaks, des Morgens zeitig wach zu werden, machten der Flut von Lobeshymnen und den Ausbrüchen des Verlangens .zwischen Sohn und Mutter ein Ende. Da Deborah des anderen Morgens aufstand, fand sie, daß Isaak bereits zu den Docks gegangen war, und sie beeilte sich, das Zimmer herzurichten und ihm ein festliches Aussehen zu geben. Sie legte das weiße Sabbattuch auf den Tisch und stellte Becher und Teller für drei auf, zum erstenmal in der Geschichte des kleinen Haushalts. In einer kleinen Glasschale lagen schmackhafte Kuchenschnitte, ein anderes Töpfchen war mit appetitlichem Rübensalat angefüllt, den Deborah selbst sorgfältigst zubereitet hatte, und der gebackene Fisch hätte in seinem goldbraunen Ton auch den größten Feinschmecker entzückt. Ein lustiges Feuer flackerte zum Willkomm, und aus der Kaffeekanne stieg ein duftender Wohlgeruch auf. Deborah übersah das ganze mit Augen, gefüllt

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