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Die Welt · 1908-04-15 · 16 (15.4.1908) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
16 (15.4.1908)
Date
1908-04-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
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DIE3$£ELT No. 16 hergestellt. Sie eroberte einen großen Teil des verlorenen Gebiets mit Feuer und Schwert wieder, verzichtete klug auf das, was sie als unwiederbringlich erkannte, und übte innerhalb der Grenzen, die ihr der Friede von Münster 1648 zog, ihre volle Gewalt. Den zweiten furchtbaren Schlag erlitt sie durch die französische Revolution, die den Katholizismus durch Gesetz abschaffte, die Kirchen schloß oder in Klubs verwandelte und die Geistlichen verjagte oder guillotinierte. Von da ab war Frankreich der Kriegsschauplatz, auf dem die katholische Kirche ihre Hauptschlachten schlug. Napoleon I. schloß mit ihr das Konkordat, das ihre Revanche gegen die Revolution bedeutete. Unter der Restauration war sie allmächtig und schien von allen Wunden geheilt, die ihr das 18. Jahrhundert geschlagen hatte. Das Bürgerkönigtum gab ihr gelegentlich Beklemmungen, aber unter dem zweiten Kaiserreich war sie ruhig. Als es zusammenbrach, kam eine Art Machtrausch über sie. Rom war verloren, der Papst freiwilliger Gefangener, im Vatikan, die Kirche aber glaubte ernstlich, sie werde Frankreich zu einem Paraguay machen können, es unmittelbar oder durch einen König beherrschen, mit seinen Machtmitteln das geeinigte Italien zerschmettern und den Kirchenstaat wiederherstellen. Zuerst strebte sie diesem Ziele mit politischen Mitteln zu: durch die Wahl klerikaler Volksvertreter, durch Eroberung der Mehrheit im Parlament, durch die Bildung von Ministerien, die der Kirche auf den Wink gehorchten. Als aber diese Mittel versagten, MacMahon gestürzt wurde, das allgemeine Stimmrecht nach links abschwenkte, da arbeitete die Kirche mit einer wilden, ausschweifenden Demagogie, die alle atavistischen Instinkte der menschlichen Bestie aufzupeitschen suchte. Sie bediente sich mit der Geschicklichkeit, die eine Errungenschaft anderthalbtausendjähriger Übung ist, des Antisemitismus, erfand den Dreyfusfall, der den Verstand des französischen Volkes bis zum Delirium und Wahnsinn verwirrte, ersann den Plan eines Staatsstreichs, einer Militärdiktatur, einer Ausrottung aller nichtkatholischen Elemente aus dem.Offizierkorps, der Verwaltung, der Rechtspflege, und -spannte in zehnjährigem Ringen ihre Riesenkräfte bis zum Äußersten an, um diesen entscheidenden Feldzng zu gewinnen. Sie war dem Siege sehr nahe, verlor die Schlacht aber im letzten Augenblick und erlitt eine furchtbare Niederlage, vielleicht eine folgenschwerere, vernichtendere als durch Luther und Calvin: im Dreyfusfall kam die Wahrheit an den Tag, Frankreich gab sich eine freiheitliche Regierung, die das napoleonische Konkordat zerriß und die Bande zwischen dem Staat und der Kirche löste, die Republik erkannte den Papst nicht mehr ,als Herrscher an, sie lieferte dem katholischen Gottesdienst nicht Jänger 60 Millionen jährlich aus Staatsmitteln, und die katholische Kirche ist in dem Lande, das ihre mächtigste Stütze war, auf den Stand einer Privatvereinigung ohne gesetzliches Dasein und ohne öffentliche Rechte hinabgedrückt. Jeder fortschrittlich gesinnte, freidenkende Mensch auf Erden jubelte über diese Wendung; jeder war sich darüber klar, daß von der Niederläge der katholischen Kirche in Frankreich eine neue Epoche der Geschichte datierte; jeder begriff die ungeheure Bedeutung der Tatsache, daß zum erstenmal in der Weltgeschichte ein großes, an der Spitze der Gesittung einherschreitendes Staatswesen sich für weltlich erklärte, mit der Religion nichts zu schaffen haben wollte und alles Übersinnliche aus seinem öffentlichen Recht ausschied. Die Juden sind in ihrer großen Mehrheit fortschrittlich gesinnt und freidenkend. Sie teilten den Jubel ihrer Gesinnungsgenossen über die Demütigung der aufs Haupt geschlagenen katholischen Kirche. Wie vorschnell! Wie kurzsichtig! Wir allein haben keinen .Grund, uns über die Niederlage der Kirche zu freuen. Die katholische Kirche ist geschlagen, doch nicht vernichtet. In Frankreich geschwächt, sucht sie sich in den anderen katholischen Ländern zu stärken. Ihr Hauptaugenmerk richtet sie auf Österreich-Ungarn. An der Donau sucht sie Entschädigung für die Verluste an der Seine. Österreich ist ihr längst sicher. Ungarn war bisher unzuverlässig, zu unabhängig, zu liberal, zu protestantisch, zu jüdisch. Hier galt es, anzusetzen, einzudringen, zu erobern, den Besitz zu sichern. Klerikale Vorkämpfer gründeten die Volkspartei, die sich mit antisemitischen Reden und Tun dem Volk ins Herz schmeichelt. Die Arbeit der Kirche hat begonnen. Sie wird nicht stillstehen,_ bis Ungarn zur christlichsozialen Wohlgesinntheit Österreichs gediehen ist. Die Juden Ungarns fühlen das Zittern des Bodens unter ihren Füßen. Sie wissen aber nicht, daß sie ein Fernbeben wahrnehmen, das große Kataklysma in Frankreich. Es gibt keinen empfindlichem Seismographen als das jüdische Volk. Wo immer die Erde wankt, wo immer etwas zusammenbricht und einstürzt, die Juden in den vom Schauplatz der Umwälzung am weitesten entlegenen Gegenden fühlen es sofort. Im neuen Deutschen Reich regt sich der Freisinn, das feudale Junkertum fühlt sich in seiner Alleinherrschaft bedroht, es läßt den „wissenschaftlichen", den „anthropologischen" Antisemitismus los, und die Flutwelle des Rassen- Judenhasses rollt über die ganze Erde. Die Russen erheben sich gegen den Absolutismus, die Reaktion antwortet mit Pogromen, die mit Folter und Mord bedrohten Juden ergreifen in Massen die Flucht, und England gibt das Fremdengesetz, Amerika erläßt grausame Einwanderungsverbote, die britischen und nordamerikanischen Juden sehen in den Augen ihrer, angelsächsischen Nachbarn einen Judenhaß aufflammen, den das lebende Geschlecht in diesem Volke nicht gekannt hat. In Frankreich spielt die Kirche mit dem höchsten Einsatz auf den Kopf Dreyfus", sie verliert die Partie, und die Juden in Ungarn sehen das Gespenst der Verfolgung und Entrechtung vor sich aufsteigen. Das ist unser Los. Wir müssen vor der Reaktion zittern und dürfen uns über den- Triumph des Fortschritts nicht freuen. -Und wenn den Rückschrittsgewalten noch so hart zugesetzt wird, so stark bleiben sie immer noch, daß sie sich an uns rächen können. Und da leugnen Juden die Gemeinbürgschaft aller durch die Länder der Welt verstreuten Bruchstücke des jüdischen Volkes! Die englischen Juden müssen fühlen, . daß sie mit den russischen zusammenhängen, die ungarischen werden zu spüren bekommen, daß sie mit den französischen eins sind. Vielleicht ist auch das zum Guten. Der Anschauungsunterricht und die Erfahrung am eigenen Leibe wird lden zerrissenen Teilen des jüdischen Volkes allmählich doch die Tatsache seiner Einheit zum Bewußtsein bringen, und dann wird das Judenvolk für das Verständnis nicht nur der idealen, sondern auch der praktisch-politischen Seite des Zionismus reif sein.

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