Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 16 (15.4.1908)
- Date
- 1908-04-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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schönen Pessachfeste teilnehmen kann. Besonders geformte und oft ganz reizvoll verzierte silberne, vergoldete, goldene, emaillierte, becherartige Gestelle dienen zur Aufnahme des gebrannten Eies; ferner eigenartige Schalen mit zerfasertem Rande zur Aufnahme des Bitterkrautes. In Italien hat man noch zuweilen schiebkarrenförmige silberne Gefäße mit einer silbernen Schaufel und einer silbernen Harke für Karoseth, einem aus Süßigkeiten gebildeten erdfarbigen Brei zur Erinnerung an die Frohndienste beim ägyptischen Städtebau. Wenn schon aus diesen Mitteilungen sich ergibt, daß im Laufe der Zeit für die Ausbildung und Ausschmückung dieser Gegenstände die Kunst in namhafter Weise herangezogen worden ist, so will dies noch gar nichts besagen gegenüber der Verwendung der zeichnenden und malenden Künste bei der Ausschmückung der Hagaden. Kostbare spanische Hagaden mit reichem Miniaturschmuck sind uns schon aus der Zeit des Maimonides erhalten, und nicht wenige reich geschmückte Muster befinden sich als kostbare Seltenheiten in. den großen Bibliotheken. Auch das eine Blatt mit dem spanischen Wappenschild unten, die Pe'ssachtafel von schiffähnlichen Lampen beleuchtet, wo auf erhöhtem Sitze der Hausvater mit seinen Angehörigen sitzt und den beiden, eine verzierte Mazze haltenden phantastischen Tieren oben, im Original mit bunten Farben und mit Gold verziert, ist ein Beweis für viele. Man hat aber schon um 1500 angefangen, mit Holzschnitt ausgestattete Hagaden zu drucken, und aus einer solchen stammen die übrigen Darstellungen. Die eine Seite' gibt einen Oberblick über das Backen der Mazzen, und die zweite Seite erläutert den Verlauf des Pessachfestes an der Tafel. Eine Illustration zeigt die zum Götzendienst zurückkehrenden Israeliten und die Übungen der Zeit, Anfangsbuchstaben mit Verzierungen zu versehen, ist an vier Buchstaben der Quadratschrift mit launigen Kompositionen zum Ausdruck gebracht. Diese Andeutungen zeigen, wie liebevoll das Pessachfest ausgestattet werden kann und lassen es darum als sehr betrüblich erscheinen, daß man sich in der neueren Zeit von diesen sinnigen Gebräuchen abwendet. FERNBEBEN von Dr. Max Nordau Als neulich im lungarischen Abgeordnetenhause der jüdische Abgeordnete Dr. Brödy vom Unterrichtsminister Grafen Apponyi wegen einer feindseligen Kundgebung gegen die bürgerliche Eheschließung Rechenschaft verlangte, die einer seiner hohen Beamten, der klerikale Ministerialrat Baron Barköczy, sich hatte zu Schulden kommen lassen, belehrte der Minister den Rüger, daß Baron Barköczy nicht als Ministerialrat, sondern als Mensch seine Verachtung gegen die Zivilehe an den Tag gelegt habe. Dr.. Brödy bemerkte dazu: „Der Ministerialrat ist vom Menschen nicht zu trennen!" Da riefr ihm ein Abgeordneter zu: „So wenig, wie Sie von Ihrer Rasse zu trennen sind!" Was hat die Rasse des Dr. Brödy mit dieser Frage zu tun? Die Zivilehe ist in Ungarn eine gesetzliche Einrichtung, die nicht von der Rasse des Abgeordneten Dr. Brödy, sondern von reinblütigen Magyaren geschaffen wurde. Dr. Brödy verlangte Achtung vor dem bestehenden Gesetze. Das ist ein tadelloser Standpunkt, gegen den sonst regierungsfreundliche Mehrheiten nicht leicht einen Einwand zu erheben pflegen. Diesen Standpunkt darf jeder unanfechtbar einnehmen, jeder, nur nicht ein Jude. Die ungarischen Volksvertreter haben nach rücksichtslosen Kämpfen gegen die Klerikalen die Zivilehe durchgesetzt. Sie wollten sie also und wollen sie noch. Sie würden sie voraussichtlich gegen Angriffe entschlossen verteidigen. Aber der Jude soll an der Verteidigung nicht teilnehmen. Der Jude hat kein Recht, für die Zivilehe einzutreten. Er stellt sie bloß. Er macht sie verdächtig. Wenn er sich auf die Seite des Gesetzes stellt, muß man für den Verächter des Gesetzes Partei nehmen. Das ist in Ungarn geschehen, in dem Ungarn, das für das Paradies der Juden gilt, dessen Hauptstadt die Wiener Antisemiten Judapest nennen, das sich als eine Hochburg des europäischen Freisinns und Fortschritts angesehen wissen will. Von allen Seiten wird bestätigt, daß die klerikale Volkspärtei sich dort immer kräftiger gliedert, daß sie im Volke immer tiefer' Wurzel schlägt, auf die Regierung!immer stärker drückt, im Parlament immer größeren Einfluß erlangt. Ihr wirksamstes Werbemittel aber ist Judenhaß, und wenn sie zur Macht gelangt, so wird auch in Ungarn der Antisemitismus amtlich werden, und die ungarischen Juden werden böse Tage erleben, die mageren Jahre nach den fetten, wie es seit Ägypten nicht «-aufgehört hat, die Daseinsnorm unseres Volkes zu sein. Und die Ursache dieses Wetterwechsels in Ungarn? Man suche sie nicht im Lande. Sie Hegt in der Ferne. Sie liegt in Frankreich. Die katholische Kirche hat seit ihrer Entstehung keinen »Augenblick lang aufhören dürfen, streitbar zu sein. Sie hat nie Wehr und Waffen ablegen dürfen. In ihrem ewigen Kampfe zählte sie lange Zeit die Siege nicht. Ihrem ersten großen Triumphe, der Bekehrung des Kaisers Konstantin, den sie dankbar den Großen nennt, folgte eine lange Reihe anderer. Sie überwand und vernichtete die arianische Ketzerei, die sie ernstlich bedrohte; sie zog in alle Staaten des europäischen Westens als Herrin ein; sie unterwarf sich die wilden asiatischen Magyaren, die letzten Heiden, die sich im Herzen Europas festsetzten; sie erhielt von der'" Frömmigkeit Karls des Großen ein großes Gebiet, das sie mit weltlicher Macht unmittelbar regierte; sie wandte sich erobernd gegen mohammedanisches Gebiet und schleuderte zwei Jahrhunderte lang Heer' auf Heer in unser altes Palästina, in dessen Stätten sie siegreich das Kreuz aufrichtete. Die erste Schlappe, die sie erlitt, war der Abfall der griechischen Kirche unter dem Patriarchen Photios. Sie hat sie nie wettmachen können. Später mußte sie Palästina aufgeben und die Festsetzung der Ungläubigen in Byzanz und im Mittelländischen Meere geschehen lassen. Ihre lebenswichtigen Teile berührten diese Teilniederlagen allerdings nicht. Ein Stoß ins Herz war die Reformation, die sie einen Augenblick lang in ihrem Dasein bedrohte. Dank dem Jesuitenorden, Karl V. von Habsburg und Karl IX. von Frankreich wurden ihre Angelegenheiten wieder