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Die Welt · 1908-04-10 · 15 (10.4.1908) · page 18

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
15 (10.4.1908)
Date
1908-04-10
Page
– (sequence 18)
Language
German
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IS DIE LT No. 15 ausgebaut. In gleicher Weise wurde das Schulwerk in Bulgarien und Rumänien fortgeführt. Das gesamte Unterrichtswesen des Hilfsvereins umfaßt im Jahre 1907 35 Schulen der verschiedensten Art mit mehr als 4000 Zöglingen. Neben der kulturellen Tätigkeit hatte der Hilfsverein für das wirtschaftliche Gedeihen und Fortkommen der ärmeren Teile der Judenheit eine rege Wirksamkeit zu entfalten. In Galizien wurde gemeinsam mit dem Wiener Hilfsverein und der Großloge für Deutschland die Einführung der verschiedensten Hausindustrien weiter tatkräftig gefördert, und die Bestrebungen haben das Resultat gezeitigt, daß im Jahre 1907 ca. 3100 Arbeitskräfte mit einem Jahresverdienst von 267.846, 45 Kr. beschäftigt waren. Um das Kleinhandwerk und die Kleinindustrie zu heben, lieh der Hilfsverein den in Julicum bestehenden Kreditorganisationen weitgehende Unterstützungen. Für eine energische Bekämpfung des Mädchenhandels hat der Hilfsverein gleichfalls Mittel zur Verfügung gestellt. In Rumänien galt es im Berichtsjahr, die Wunden zu heilen, die die Bauernunruhen und die damit verbundenen Exzesse gegen die Juden geschlagen hatten. Das Hilfswerk, das von der Israelitischen Allianz in umsichtigster Weise geleitet wurde, hat bis jetzt über 600 000 Kronen erfordert. Der Hilfsverein allein hat rund 80 000 Kr. für Rumänien verausgabt. Der Ernst der Lage der rumänischen Judenheit erweckt schwere Besorgnis, und es ist leider zu befürchten, daß weitere Hilfsmittel für die Verfolgten und Vertriebenen notwendig sein werden. Die wirtschaftliche Krise und eine schwere Teurung im Orient schufen auch in Palästina einen Notstand, zu dessen Linderung der Hilfsverein das Seinige getan hat. In ganz besonders großem Umfange war naturgemäß auch in diesem Jahre Hilfe für die Juden Rußlands notwendig. Die zunehmende Verarmung der Gesamtheit der russischen Juden hat zur Folge, daß die gemeinnützigen Anstalten, Schulen und sonstige Institutionen sich in einer außerordentlich kritischen Lage befinden. Um bei all diesen Notständen Abhilfe zu schaffen, hat der Hilfsverein sehr große Mittel aufzuwenden gehabt, in besonders großem Umfange mußte er einer Anzahl abgebrannter Städte, in denen namentlich Juden schwere Verluste erlitten hatten, seine Hilfe gewähren. Die größte Unterstützung, die der Hilfsverein den verfolgten Juden des Ostens zuteil werden lassen konnte, bestand darin, daß er ihre Auswanderung aus den Ländern des Hasses und der Unterdrückung ermöglichte und erleichterte. Für Auswanderungszwecke sind seit dem Ausbruch der russischen Wirren durch den Hilfsverein der Deutschen Juden l1/« Million Mark ausgegeben worden. Die jüdische Auswanderung hat sich gegen das Vorjahr nur um ein geringes vermindert. Unter den Auswanderern nach Amerika befanden^sich im Jahr 1907 149 1S2 Juden. Die jüdische Gesamtauswanderung dürfte mit 180 000 Personen zu berechnen sein, von denen 3/j aus Rußland stammen. Die Zahl der jüdischen Durchwanderer durch Deutschland hat in diesem Jahre ca. 94 000 betragen. Während die Gesamtheit der jüdischen Auswanderer nur Auskünfte und Belehrung durch Veröffentlichungen und Briefe erhalten konnte, waren diese 94 000 Auswanderer in der Lage, die Organisation des Hilfsvereins, seine Komitees und Verti auensleute direkt und persönlich in Anspruch zu nehmen. 12 500 Auswanderer in runder Zahl wurden vom Hilfsverein befördert, 35 000 beherbergt, verpflegt und bekleidet, 2500 ausgeheilt, so daß insgesamt 50000 Auswanderern, also über die Hälfte aller jüdischen Auswanderer, die ihren Weg durch Deutschland nahmen, geholfen werden konnte. Das hauptsächliche Bestreben war, den jüdischen Auswanderern den richtigen Weg zu weisen, die Massen, die durch die Verfolgungen, denen sie in ihrem Heimatland ausgesetzt sind, zur Emigration gezwungen werden, nach Möglichkeit dorthin zu lenken, wo sie begründete Aussichten haben, ihren Unterhalt zu verdienen, und sie von einer planlosen Auswanderung und von dem Aufsuchen solcher Länder und Orte abzuhalten, in denen sie kein Fortkommen hätten finden können. Das gesamte philanthropische und soziale Hilfswerk des Hilfsvereins der Deutschen Juden erforderte im Jahre 1907 die namhafte Summe von 3/4 Millionen Mark. Trotz der opferfreudigen Unterstützung, die der Hilfsverein bei seiner Tätigkeit in allen Kreisen der deutschen Judenheit findet, bleiben die Einnahmen doch noch immer hinter den großen Ausgaben, die dem Hilfsverein in von Jahr zu Jahr steigendem Maße erwachsen, zurück, und eine Stärkung seiner finanziellen Mittel ist dringend geboten. Sie kann mit Leichtigkeit erreicht werden, wenn jeder deutsche Jude es sich angelegen sein läßt, nach Maßgabe seiner Kräfte den Hilfsverein dauernd zu unterstützen. Keilinschriftliches zur assyrischen Gefangenschaft der Israeliten. In der „Kölnischen Volkszeitung" schreibt " Dr. Hey~es-Bonn über dieses Thema : Welches war die Lage der Israeliten im assyrischen Exil? Sind sie ganz aufgegangen in der fremden Kultur? Haben sie sich, was vor allem wissenswert ist, in religiöser Beziehung dem neuen Milieu angepaßt? Oder haben sie, ihrem welthistorischen Berufe entsprechend, in der heidnischen Fremde dem Offenbarungsgott religiöse Verehrung erwiesen? Das sind Fragen, die sich jedem Nachdenkenden aufdrängen. Eine ausreichende, zufriedenstellende Antwort hierauf läßt sich nicht geben. Wie aber jüngst aramäische Papyri veröffentlicht worden sind, die uns einen Einblick gestatten in eine jüdische Gemeinde des 5. vorchristlichen Jahrhunderts .zu Elephantine-Syene an der Südgrenze Ägyptens, so sind jetzt keilschriftliche Urkunden bekannt gemacht worden, die einiges Licht werfen dürften auf eine jüdische Kolonie des assyrischen Reiches in der Zeit zwischen 650 resp. 644 und 606 v. Chr. (Schiffer, Keilinschriftliche Spuren der in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts von den Assyrern nach Mesopotamien deportierten Samarier, 10 Stämme.) Diese Texte, die eine zusammenhängende Gruppe bilden, sind Kontrakte, die fast ausschließlich Sklavenverkäufe zum Gegenstand haben. Einer derselben, der leider nicht mehr intakt ist hat nach der Übersetzung Schiffers folgenden Wortlaut: „Siegel des Saul, Sohnes des A-u-salim, des Kannu'äers, Besitzers der Verkaufssklavin.. Ober......seine Sklavin, hat man abgemacht. (Nabu)- mu-schesi und (Cha-an-ni)-i haben (sie) um . . . (Sil)bers von (Saul) gekauft. (Das Geld ist vollständig) bezahlt, (jene) Sklavin käuflich erworben (und in Besitz genommen). Umkehren, Prozeß führen gibt es nicht. Derjenige, welcher später, wann immer, sich auflehnt, soll zehn Silberminen (und) eine Goldmine im Depot Aschurs hinterlegen. Das Geld soll (Zehnte) [10 v. 60] seinen Eigentümern bringen. Solange man prozessiert, darf man (es) nicht erheben. Gegen Muskelkrankheit (wird) hundert Tage, gegen Rechtswidrigkeit allzeit (gebürgt). (Geschehen) vor Aradi, Suchaia, Tuk-kur-tu-i (?). Gadia, A-u-iddina, Ellu-bab-chinni, A-u-ach-iddin, Suranu, Nabu-ach-iddin. Am 15. UIul der Eponymie des Nabu tapput-illak, des Offizierobersten." In einer anderen Verkaufsurkunde heißt es, daß derjenige, welcher gegen das Rechtsgeschäft angehe, 10 Silberminen und eine Goldmine hinterlegen soll „im Depot des Gottes A-u, der thront in Kannu." Wie in dieser Urkunde, so werden auch in den andern die auftretenden Verkäufer meistens, einigemal auch Zeugen, als Kannuäer bezeichnet, also als Leute aus Kannu. Diese Stadt ist zweifelsohne mit dem Orte Kanne identisch, der nach dem Propheten Ezechiel mit Tyrus Handelsbeziehungen unterhielt (27, 23). Für ihre Lage kommt nach dem biblischen Zusammenhange nur das obere Mesopotamien in Betracht, jenes Gebiet, in dem, wie vorhin hervorgehoben wurde, die Ansiedlung eines Teiles der Juden geschehen ist. Unsere Urkunden sind dieser Annahme günstig. Durch die sorgfältigen Untersuchungen Schiffers ist sichergesteüt, daß unter den Personen, die hier Geschäfte abschließen, sich Hebräer befinden. Wie in ihnen nämlich Leute auftreten mit ausgesprochen assyrischen und aramäischen Namen, so auch solche mit Namen, die entweder vollständig hebräisch sind oder doch hebräische Sprachelerriente enthalten. Die Kontrakte setzen aber nicht nur die Anwesenheit einzelner Israeliten, sondern einer größeren jüdischen Kolonie mit einem besonderen Heiligtum voraus, wenn wir den Ausführungen des Verfassers Glauben schenken dürfen. Ihnen Mißtrauen entgegenzubringen, ist nicht am Platze. Die Richtigkeit seiner Darlegungen hängt einzig und allein ab von der Lesung einer Zeichengruppe, die einmal in unverbundener Stellung, dann auch öfters als ein Element in zusammengesetzten Eigennamen vorkömmt. Die Schrift tritt dafür ein, daß sie die Lautwerte A-u enthält, die assyrisierte Form für Jahu Jahve, den Namen des von den Israeliten verehrten wahren Gottes. Assyriologen von Fach werden die vorgebrachten Beweise zu prüfen haben. Sind sie stichhaltig, dann steht es fest, daß in Kannu ein Jahvetempel bestanden hat; daß dort manche Israeliten wohnten, die durch ihre Namen schon als Anhänger Jahves gekennzeichnet waren (z. B. A-u-salim Jahve wendet sich gnädig zu; A-u-zitti Jahve ist mein Anteil usw.); daß eine Stadt namens Kar-A-u (Burg des Jahve) im 7. Jahrhundert vor Chr. existierte, die von nicht geringer Bedeutung war. Während die Israeliten also in religiöser Beziehung ihre Eigenart unverkennbar wahrten, scheinen sie sich sonst der assyrischen Kultur assimiliert zu haben, wie z. B. aus dem verhältnismäßig seltenen Vorkommen echt hebräischer Eigennamen in den zeitgenössischen assyrischen Urkunden erschlossen werden kann.

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