Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 15 (10.4.1908)
- Date
- 1908-04-10
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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16 DlE^ELT No. 15 NACHRICHTEN Erledigung des Jaffaer Zwischenfalles In unserer letzten Nummer schrieben wir: „Der Zwischenfall in Jaffa wird in einer vollständigen Genugtuung seinen Abschluß finden". Wir konnten dieser Erwartung einen so bestimmten Ausdruck geben auf Grundlage unserer Kenntnisse der dortigen Verhältnisse, die es als ganz ausgeschlossen erscheinen ließen, daß das Verbrechen eines einzelnen Beamten auch nur im geringsten eine Deckung in den Anschauungen der maßgebenden Kreise finden könnte. Die Stellung, die die türkische Regierung dem jüdischen Volke gegenüber einnimmt, ist zu bekannt, als daß man hätte annehmen können, daß die Sühne lange, auf sich-warten lassen würde. Und die speziellen Informationen, die uns über diese Angelegenheit von den Verhältnissen nahestehenden Gewährsmännern in überaus reichem Maße zugingen, ließen es uns schon die verflossene Woche als gewiß erscheinen, daß. die Vorstellungen, die in loyalster Weise über das Vorkommnis gemacht worden sind, den gewünschten Erfolg nach sich ziehen würden. So konnte denn auch der Telegraph schon im Laufe dieser Woche die Nachricht verbreiten, daß der schuldige Kaimakam zur Strafe seines Amtes endgültig abgesetzt und nach Konstantinopel berufen worden ist, um dort zur Verantwortung gezogen zu werden. Aus der Masse der Nachrichten, die wir erhielten, bringen wir nur noch folgende authentischen Ergänzungen: Jaffa, 8. ApriJ. (Privattelegr.) Der Kaimakam wurde entfernt, die Verhafteten wurden freigelassen. Damit ist die An- . gelegenheit zur vollen Zufriedenheit erledigt. Jaffa, 8. April. (Privattelegr.) Die Lage ist ruhig. Die von der Regierung gewährte Satisfaktion ist als durchaus befriedigend zu betrachten. -------------- Auch das religiöse Oberhaupt der Juden der Türkei, der Chacham Baschi von Konstantinopel, hat in dieser Angelegenheit Schritte unternommen. Darüber besagt ein uns zugegangener Privatbrief aus Konstantinopel. Von dem Oberfall in Jaffa wurden wir durch zwei Herren benachrichtigt, die am darauffolgenden Tage Jaffa verließen und hier Halt machten, um bei den Behörden dieserhalb vorstellig zu werden. Eine entscheidende und energische Aktion war im ersten Moment äußerst schwierig, da die winzigen hier eingetroffenen Nachrichten sehr unklar waren, und man nicht wußte, auf Grund welcher Tatsachen man an den maßgebenden Orten vorstellig werden sollte. Nichtsdestoweniger hat der Chacham-Baschi am vorigen Freitag ein langes Telegramm an den Pascha von Jerusalem abgesandt, in dem er die sofortige Freilassung der verhafteten Juden und Bestrafung der Schuldigen verlangte. Obwohl der Gouverneur von Jerusalem direkt dem Minister des Innern untersteht, ist der Schritt des Chacham-Baschi in dieser Angelegenheit von bedeutendem Einfluß, da er als anerkannter Chef der gesamten jüdischen Nation in der Türkei große Macht besitzt. Schon daß das Telegraphenamt ohne jedwede Zensur das Telegramm an den Gouverneur beförderte, ist ein Beweis für den nachhaltigen Wert der Forderungen des Chacham-Baschi. Nach Eintreffen genauerer Informationen hat auch der Chacham-Baschi im Ministerium des Innern über das Vorgefallene Klage geführt. Gestern, Donnerstag, wurde dem Großrabbiner die offizielle Botschaft aus dem Ildis überbracht, S. M. der Sultan übermittele dem Chacham- Baschi seinen Gruß, drücke den Juden seine Sympathie aus und ließe ihm mitteilen, daß der schuldige Kaimakam von Jaffa abgesetzt ist. Bei der hiesigen russischen Botschaft sind gleichfalls Berichte eingetroffen über die Ausschreitungen in Jaffa. Sollte. auch der Jaffaer russische Konsul oder sein Kawass persönlich an deji Vorkommnissen Schuld tragen, so darf -man doch nicht glauben, daß der Botschafter für die russischen Untertanen nicht eintreten würde. Es hieße die Stellung der europäischen Mächte im Orient und das Verhalten Rußlands der Türkei gegenüber gerade in diesem Augenblick verkennen, wolle man Rußland eine Verminderung seines Prestiges im Orient zumuten. Der Generalkonsul in Jerusalem ist beauftragt eine strenge Untersuchung einzuleiten, und die Folgen dieser Enquete werden sich sehr schnell bemerkbar machen. Russische Offiziere vor einem Kriegsgericht Der „Ruß" wird unter dem 3. April aus Kiew gemeldet, daß dort bei verschlossenen Türen ein Kriegsgericht über 23 Offiziere verschiedener Waffen abgehalten worden ist. Die Offiziere hatten das Verbrechen begangen, in einem Briefe an die Zeitung „Echo" in Kiew gegen die Untätigkeit der Truppen während der antijüdischen Pogrome zu protestieren und eine unparteiische Untersuchung der Angelegenheit zu verlangen. Das Kriegsgericht fand alle Angeklagten schuldig. Leutnant Sdanowitsch und Fähnrich Ammosow wurden zu einem Jahre und vier Monaten Festungshaft verurteilt. Der frühere Gardeoberst Matuschenko erhielt vier Monate Festung. Diese drei Offiziere und vier andere Offiziere, die geringere Strafen erhielten, wurden ihrer bürgerlichen Rechte verlustig erklärt. Die übrigen Offiziere kamen mit einem Monat Festung davon, ohne die erwähnten Rechte einzubüßen. Antijüdische Bildungsbeschränkungen in Österreich Aus Wien wird uns gemeldet: Im Budgetausschuß wurde die von dem christlich-sozialen Abg. Schmidt beantragte Resolution, wodurch die Regierung aufgefordert wird, Erhebungen zu pflegen, wie das Zahlenverhältnis der jüdischen zu den christlichen Mittelschülern einigermaßen in Einklang mit der wirklichen Bevölkerungsziffer gebracht werden kann, mit 19 gegen 9 Stimmen angenommen. Dagegen stimmten die Sozialdemokraten und Tschechen. Verbot der territorialistischen Organisation in Rußland Der russische Minister des Innern hat soeben eine Verfügung erlassen, wonach sämtliche Vereine der Jewish Territorial Organisation (Ito) in Rußland geschlossen werden müssen. Dritte ordentliche Generalversammlung des Vereins für unentgeltliche Arbeitsvermittlung an jüdische Hochschüler in Wien Dieselbe fand am 30. März 1908 im Lokale des Vereins, IX. Liechtensteinstraße Nr. 11, unter Vorsitz des Herrn Hof- und Gerichtsadvokaten Dr. Hermann Wolf statt. Das Ergebnis der Tätigkeit vom 1. April 1907 bis heute war folgendes: Gemeldet hatten sich 287 Arbeitsuchende und 110 Arbeitgeber. 25 °/o der Hochschüler wurden versorgt. Die Bezahlung pro Stunde schwankte zwischen 1 bis 3 Kronen, die als Hofmeister, von denen 26 plaziert wurden, zwischen 50 und 150 Kronen. Die Verpflegung ist im letzteren Falle mitinbegriffen. Dem Verein kostete eine Versorgung 2 Kr. 50 Heller. Er inseriert ständig in zwei großen Blättern. Die Zahl der Mitglieder wuchs um ein Drittel der früheren. Erfreulich ist, daß außer der Wiener israelitischen Kultusgemeinde auch die von Gjaz, Troppau, Olmütz, Ostrau, Jägerndorf und Holleschau . dem Verein beitraten. •Hoffentlich folgen auch andere Kultusgemeinden diesem Beispiele, so auch Private. Der Jahresbeitrag von 3 Kronen ist so gering, daß jeder die wohltätigen Absichten des Vereins unterstützen kann. Der Zweck ist Versorgung der armen jüdischen Hochschüler mit Arbeit, damit er sorgenfrei leben kann. Acht jüdische Studentenverbindungen waren ebenfalls Mitglieder des Vereins. 1 In den Vorstand wurden gewählt: Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Hermann Wolf als Vorsitzender; k. k. Notar Dr. Julius Berman als sein Stellvertreter; Direktor Dr. Salomon Krenberger als Schriftführer; k. k. Professor Max Guttmann als Stellvertreter; Bankier Jacob Langer als Kassierer; die Herren Sekretär Julius Braun, Rabbiner Dr. David Feuchtwang, Inhaber eines Inseratenbureaus 1 Ignatz Guttmann, Regierungsrat Prof. Dr. Wilhelm Jerusalem, Dr. Heinrich Pollak und Lucian Branner als Beiräte. Die Geschäfte leitet ein studentisches Exekutivkomitee, an dessen Spitze Herr Josef Thieberger mit besonderer Tatkraft steht