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Die Welt · 1908-04-10 · 15 (10.4.1908) · page 12

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
15 (10.4.1908)
Date
1908-04-10
Page
– (sequence 12)
Language
German
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unsere Gedankenwelt in ein leeres, gähnendes Nichts verwandelt, würden all die Vertreter der verschiedensten Richtungen bis zu deren Epigonen durch ein gewaltsames, verketzerungssüchtiges Niederbrüllen seitens der andern verhindert, ihren Oberzeugungen den vollsten und freiesten Ausdruck, zu verleihen? Was uns aber von der Vergangenheit nicht lieb wäre, dürfen wir auch von der Gegenwart nicht verlangen! Mit welchem Rechte? Ketzerei? Nun darüber läßt sich ja unter denkenden Menschen streiten! Da kann doch niemand in letzter Instanz ein Diktum verkünden als die einzig offenbarte Wahrheit, von der Höhe des Sinais, weil es ihm so auszulegen gefällt! „Epikursuth"! Ja, es ist vielleicht notwendig, dem Wort etwas näher zu treten. Man stelle sich auf den Boden talmudistischer Auslegung. „Ein Epikoros ist derjenige, der über die Worte der Weisen spottet". Es heißt nicht: diese oder jene Worte, sondern im allgemeinen: die Worte der Weisen. Man darf sich also nicht dasjenige wählen, das gerade in den eigenen Kram paßt, sondern man muß all die Lehren gleichmäßig berücksichtigen. Nur ein kleines Beispiel : In diesen Blättern wurde das große nationale Prinzip: af al. pi schechata Israel hu (trotzdem er gesündigt hat, bleibt er doch Jude) erörtert. Es ist ein Wort der Weisen, ein erhabener Ausdruck tiefen nationalen Empfindens! Gehässig und rücksichtslos schmäht man anderseits dieses so genaue und nicht zu mißzuverstehende Zitat, das doch garnicht anders ausgelegt werden kann! Man erblickt darin einen Angriff auf die Religion — etwas ganz Ungeahntes! Ist das nicht eine Verspottung der Worte der Weisen, und muß das nicht in richtiger Konsequenz als „Epikursuth" bezeichnet werden? — Man zitiert den Spruch: „Mumar l'dawar echad etc." Aber er frommt hier nichts. Er paßt wie die Faust aufs Auge. Der Mumarbegriff ist wieder etwas ganz anderes. Man könnte hier das bekannte Bonmot des Rabbi R. Jonathan anwenden. Er sagte: Der Mumarbegriff kann noch weiter ausgedehnt werden. Ob „Mumar l'dawar echad" als allgemeiner „Mumar" betrachtet werden kann, war bekanntlich noch eine Streitfrage; „Mumar l'awodah sarah" kann aber unbestreitbar als allgemeiner „Mumar" betrachtet werden, — da gibt's im Talmud keine Meinungsverschiedenheit. Und — wieder ein Wort der Weisen —: „Kol hakoess k'ylu owed awoda sarah" (Ein Zürnender gleicht einem Götzendiener). Eine zornentbrannte Anrempelung ist also eine hinreichende Mumarqualifikation! — Es ist aber mehr als ein Bonmot es ist auch ganz richtig. Ein anderes Beispiel. In einem gegen die Reform gerichteten Aufsatze eines fromm sich rühmenden Autors las ich folgende Argumentierung. Im Buche Esther wird erzählt, daß die Jungfrauen, die man Achoschwerosch gebracht hat, sich mit Salbungen und Wohlgerüchen vorbereitet haben, daß aber Esther „nichts verlangt habe". Das wird als „Moscholchen" der Argumentierung zugrunde gelegt. Der „Nymschal" sind wir — Gott gegenüber. Diese Parallele zwischen Gott und Achoschwerosch, Synagoge und Harem — ich weiß nicht, wie es die andern empfunden, ich empfand es als eine Blasphemie schlimmster Sorte, trotzdem mir die Reform noch weniger sympathisch ist, als diesem Glei'chnisdichter. Der Vergleich zwischen religiösen Beziehungen, Anregungen und Andachtsmitteln und den Nichtigkeiten der Haremtoilette entspringt Ideenassoziationen, die der leibhaftige Epikuros als zu zynisch, auch für Purim, verwerfen würde. Soll man das verketzern? Es ist ein Gaukelspiel, wenn man in dieser Beziehung Herzl und die früheren oder späteren Kongreßerklärungen in einen Gegensatz zu einer angeblich ketzerischen Gegenwart stellt. „Achre moth K'doschim" ... In der Wirklichkeit war der Zionismus früher eine Tummelfläche schärferer Reibungen. Noch vor dem Zionismus, im „Chibbath-Zion", gehörte die Schemita und die „unfrommen Kolonisten" zu dem festen Phrasenbestand einer unaufhörlichen Polemik. In den ersten Jahren des Zionismus tobte sozusagen ein ununterbrochener Kulturkampf. Dann kam die Bank — und die „Heter-Iska-Frage. Wird jetzt das Hebräische Gymnasium angegriffen, so war es früher der „Befh-ha-sefer", der die Zielscheibe war. Daß die obere Leitung dem Ritual viel kühler gegenüberstand, — wissen es denn die Polemiker nicht? Sie wissen es und simulieren einen Enthusiasmus für das „Einst", um eine ethische Entrüstung gegen das „Jetzt" zu begründen. Wenn das nicht simuliert ist, so beruht es auf Unwissenheit. Um sich der entsprechenden talmudischen Bezeichnungen zu bedienen — entweder „genewath daath", oder ein Verstoß gegen die Maxime: „Ligmor inosch w'hadar lissbar". Glaubten einige Glaubenszeloten, den Zionismus in die Enge einer einzigen Fraktion einzupferchen, so ist es nicht die Gegenwart, die diesen Wahn zerstört hat. Einer solchen Hoffnung war auch früher keine Erfüllung beschieden. Dieses klägliche Gefühl des Enttäuschtseins tauchte schon so viele Male auf. Die Zentralorganisation muß stark sein. Sie kann nicht die momentanen Mißstimmungen in all den verschiedenen Federationen und Fraktionen als entscheidende, unerschütterliche Ewigkeitswerte behandeln. Ich bin kein Freund des Lavierens, der Kompromisse und der Friedensschalmeien. Aber wahr ist es, daß der Zionismus all die Richtungen im jüdischen Volke, ohne die Unterschiede zu verwischen, zusammenhalten muß. Es wäre ein Truismus, noch einmal die Formel auszusprechen, man werde nichts gegen die Religion unternehmen. Ein solches Zumuten muß der Lächerlichkeit verfallen. Was wollen die guten Sabbatwächter? Niemand hat ihren Standpunkt bestritten und praktisch — wird ihnen erklärt: Die Sabbatruhe ist absolut Was noch? Der vornehm Denkende ist zu edel und zu vielseitig, um in der Rolle eines silbenstechenden Zensors aufzutreten. Er kann ebensowenig Sündenspion wie Gewissenhenker sein. Ernst solle er über erhobene Anklagen sprechen? Aber es läßt sich ja gar nicht ernst sprechen! Ernst wurde schon mit einem Worte geantwortet: unwahr! . Mehr läßt sich ernst nicht sagen Was noch aufrecht erhalten wird, ist—Manöver! Ein Manöver, das Geschwätz nicht zur Ruhe kommen lassen zu wollen. Das ist es, was eine gerechte Ironie geradezu herausfordert, die Ironie gegen „Abodah sarah", die einzige, die nach dem Talmud gestattet ist (Kol letzonutho assiro usw.). Wir hatten allerdings auch große Eiferer im jüdischen Volke, und die Duldsamkeit war keine allgemeine Tugend. Der „Cherem" wurde gar zu oft angewandt. Zwar ist unser Ideal nicht SchamaT, sondern Hilel, nicht Aba Mari, sondern Maimonides. Aber Größe steckte auch in SchamaT und in Aba Mari — Tiefe und Glut, Gründlichkeit und Begeisterung. Da gibt's nichts zum Ironisieren. Es wäre mir anstößig, einen wissenden Frommen, dem ich ideell so nahe stehe, mit Sarksasmus zu behandeln. Aber wenn der Am-Haarez sich so geberdet, wirkt es ulkig. Der Am-Haarez, dessen Gemütsleben in einer eng umgrenzten Bahn von oberflächlichen Ritualien verläuft, von Ritualien, die er nicht eimal richtig versteht und weder die Skepsis, noch die Denkkomplikationen, die dem „Lamdon", dem Juden von reichem Geistesleben so oft neue Gesichtskreise erschließen, störend in das Einerlei seiner Schablone eingreifen, — wenn dieser Am-Haarez, ohne Empfänglichkeit, ohne Eindrucksfähigkeit, ohne Finesse, in einen Cheremdusel verfällt, wenn er derb und inquisitorisch tut, so ist niemand daran: schuld,' daß dies unsagbar komisch wirkt Komische— weil anstatt eines' spezifischjüdischen Raisonnements ein politischer .Zeitungsquatsch flutet, mit all den Schlagwörtern „offiziell", „offiziös", „Partei", „Opportunität", „Agitation", „Resolution", u. dgL Worte, Worte, Worte! Man vergißt, daß man hier nicht"nur mit Formen, sondern auch mit Begriffen

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