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Die Welt · 1908-04-10 · 15 (10.4.1908) · page 13

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
15 (10.4.1908)
Date
1908-04-10
Page
– (sequence 13)
Language
German
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No. 15 D IEMKE LT zu tun hat. Wenn man darin einig ist, daß der Zionismus eine Rückkehr zum Judentum ist, so muß man ja diese Rückkehr auch in der Idee vollziehen, jeder' nach seiner Art, fortschrittlich, konservativ, mit gegenseitiger Kritik und Toleranz. Es geht nicht, in einer Nachahmung des Schneidigen Kommandostils so ganz die Geistesfragen aus dem Kreise der Diskussion zu bannen. Soll auch der Ideenkampf klärend und anregend wirken, dann muß es ein Ideenkampf der Denker sein. Das ist etwas ganz Natürliches. Das war immer im Judentum, und soll auch im Zionismus, in diesem Mikrokosmus des Judentums sein. Wir werden uns dadurch nicht gegenseitig entfremden. Wir werden uns einander nähern. Außer dem Offizialismus zitiert Am-haarez auch manchmal ein jüdisches Wort. Im Volksmunde existiert ein Sprichwort: „Will Gott einen groben Jung strafen', so legt er ihm einen Possuk (Bibelvers) in den Mund". Ich überwinde in mir jene höhnische Genugtuung, die man gewöhnlich empfindet, wenn es einem gelingt, den Philister — in unsenn Sinneden Am-Haarez — zu ärgern. Ich könnte mich dabei zu sehr amüsieren. Ein wertgeschätzter lieber Feind wälzt auf michauf einer Postkarte mit- Ansicht die Schuld, ich hätte Chilul-Schabbas eingeführt. Er schreibt dabei Chilul mit einem „Koph" und mit einem „Jod". Nach der bekannten Anekdote: erstens spricht man Leber nicht mit dem Akzent auf der zweiten, sondern auf der ersten Silbe aus, zweitens ist es nicht der Leber, sondern die Leber, drittens ist es nicht die Leber, sondern die Milz — wir sagen: erstens ist es nicht mit „Koph", sondern mit „Cheth", zweitens habe ich es nicht eingeführt, und drittens existiert es nicht. Aber ich will mich an diesem Am-Haarezentum nicht weiden. Ich fasse es leise, zärtlich, schonend an. Ich weiß es leider, wie weit diese Gelehrsamkeit reicht. Auf dem Flügel einer Mücke wäre das eine zu geringe Last! Ich wünschte, es wäre anders. Ich freue mich aufrichtig, ein jüdisches Wort einmal in einem in deutscher Sprache erscheinendem quasi frommen Blatte zu finden. Auch gut! Es kommen zwar manchmal possierliche Dinge vor, — in meinem Gedächtnis haben sich so manche Musterstücke eingeprägt, deren Erinnerung in trüben Stunden meinen Humor kitzelt. Aber „gam zu l'towa"! Ich will wirklich nicht boshaft sein. Aufrichtig gesagt, fühle ich mich von diesem einfachen, naiven Am-Haarezentum einigermaßen angezogen." Es will wenigstens jüdisch sein, es ist reformiert, aber es weiß es nicht. Die Absicht liegt mir fern, eine Mönchskutte anzulegen und nach Kanossa zu gehen. Aber wahrheitsgemäß muß ich gestehen, daß hier noch nationale Perspektiven vorhanden sind. Allerdings ein Teutsch-Chumesch-Niveau, ärmlich, hohlwangig, mit dem talmudistischen Bildungsgrad eines „Dardake-Melamed's", einfältig geölt, mit einer grandiosen Wucht von Vorurteilen und Mißtrauen gegen „fremde" Juden, ohne Schwung und Pikanterie, an die wir vom alten Bet-hamidrasch her gewöhnt sind, — aber es steckt doch Treue und Kraft darin. Es sucht noch sich selbst und es muß sich finden. Das was man — wiederum in der Rartei-Terminologie — Orthodoxie nennt, strahlt ein Fluidum von jüdischer Treue aus. Sie wehrt sich gegen die Assimilation, sie bekämpft die Fabrikation der Gebetbücher, die hebräischen Laute sind von ihr nicht so ganz gewichen, hier und da arbeitet sie mit heißem Bemühen, das jüdische Wissen, wenn auch in einem beschränkten Maße, zu fördern. Es wäre unrecht, diesen ansehnlichen und für die Zukunftsidee verheißungsvollen Bruchteil der jüdischen Gesamtheit mit einigen Kolportagehelden zu identifizieren. Krethi und Plethi sind überall vorhanden. Ohne „Chelb'nah" kein „Ktoreth". Manche „Misrachisten" mögen, wie ich glaube, von einem sehr edlen Eifer erfüllt, ,; Resolutionen* zum Schutz der Religion fassen'. Falsche Gerüchte, aus dem Zusammenhange herausgerissene Zitate — all das vergeht. Sie sind' zu gute Zionisten. Ich erwähnte eine Zuschrift an das „Frankf. Isr. FamiüenblattV Das war eine Ausnahme. Es wäre unrecht, die redliche taktvolle Haltung dieses Blattes zu verschweigen. Es bringt die Gefühle des wirklichen Glaubensreinen zum Ausdruck. Ein Teil dieser Orthodoxie steht bereits in unserem Lager und — inde ira! Am-Haarez ist kein richtiger Glaubenseiferer; er ist Politiker. Er macht in Agitation, in Parteimanöver, in überschwenglichem Pathos, in falscher Pose. Er hat den gemeinen Kniff: Divide et impera! Er freut sich, einige Gerüchte und Übertreibungen aufbauschen zu können. Es ist ein talmudisches Prinzip: das Gebot, die Chanefim zu entlarven. Wird es notwendig sein, einen Einblick in die „Chanufa" zu gewähren? Man ist fast versucht, diese „Mitzwah" zu tun, — aber die Politik ist ein so unliebsames Thema! Daß man unter dem Mantel der Religion Parteipolitik treibt, ist auch etwas so unjüdisches, wie irgendeine anti-nationale oder anti-religiöse „Reform". Ich bin überzeugt, daß die Versuche, die Traditionellen durch Sensationsklatsch und Schreckgespenster von dem Weg zum Zionismus abzuwenden, schmählich mißlingen wird. Sie müssen diesen Weg antreten, den ganzen Erkenntnisprozeß bis zur vollen Einsicht von der Notwendigkeit des Zionismus durchmachen. Sie werden schon zur Einsicht gelangen, daß der Zionismus die Quintessenz der jüdischen Tradition ist. N. S. An unsere Leser! Die Passah-Festnutnmer der „Welt" erscheint Dienstag den 14. d. M. Unsere Abonnenten erhalten dieselbe selbstverständlich kostenlos zugeschickt; nur ersuchen wir alle diejenigen, die bisher ihr am 31. März abgelaufenes Abonnement nicht erneuert haben, um postwendende Einsendung des Abonnementsbetrages, da die Zusendung der Nummer nur an jene Abonnenten erfolgt, die mit der Einzahlung des Bezugspreises nicht im Rückstände sind. Von der Passahnummer werden wir eine, die eingelaufenen Bestellungen etwas überschreitende Auflage erscheinen lassen, um insbesondere den Gesinnungsgenossen in den entfernteren Ländern die Möglichkeit zu geben, noch nachträglich Bestellungen für die Nummer, die, wie wir nochmals betonen, außerordentlich reichhaltig ausgestattet sein wird, aufzugeben. Solange der Vorrat reicht, liefern wir, gegen Voreinsendung des Betrages oder Nachnahme, für Deutschland für alle und Österreichübrigen Ungarn: Länder: I Expl. inkl. Porto mit . J6 —.45 - ■J6 —.50 10 „ „ 4.30 „ 4.80 25 „ „ 8.— . . „ 9.10 5° „ „ „ » 13.50 » I5-70 100 „ » » „ »» 21-50 „ 24.80 Expedition „Die Welt"

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