Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 15 (10.4.1908)
- Date
- 1908-04-10
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/3315709-3316296-3316312--50494-3377624- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Aus meinem Notizbuch Worte des Friedens und der Wahrheit In den letzten Tagen sind die Aufzeichnungen in meinem Notizbuch beinahe zu einem Kapitel ausgewachsen. Lang wie „whu ra'chum" oder — Fhaudit — wie ein Kloppstock'scher Messiasgesang. Aber es muß einmal heraus! Es ist keine Polemik — es handelt sich um eine Erscheinung. Sie heißt: Der am-haarezische Frömmler. Daß unsereinen einzelne Exemplare dieser Erscheinung zwicken und zwacken, — das wäre nicht wichtig. Aber die Gattung wird zu vorlaut, um ignoriert werden zu können. Sie haftet sich an die Sohle des. wirklich großen, strenggläubigen Judentums. Sie zerrt und zaust an dem Zionismus herum, daß keine Faser übrig bleibt. Das muß einmal erklärt werden. Der am-haarezische Frömmler — natürlich meine ich den Typus — so sehr er sich gegen die Reform sträubt, ist ein Reform - Produkt. Seine knüppeldicke Plumpheit, seine tölpelhafte Aufdringlichkeit entbehren jenes Zuges der Geistigkeit, der das Grundwesen des Wirklich-Jüdischen ausmacht. Das ist etwas Fremdes, Kaltes, Gemachtes. Reform — in einer eigenartigen Gestalt. Die Regel bleibt bestehen: „Ein Am-Haarez kann kein Chassid sein"... Von diesem „Modernismus"-sehnt man sich nach dem Alten zurück. . . Gebt uns die altgewohnten, liebgewordenen Klänge wieder! Die schönen, großen Juden mit den Kinderherzen, die im kleinen Bet-hamidrasch saßen, die heiligen Bücher lasen und untereinander bescheiden und geistvoll flüsterten! In den Bücherschränken standen die ehrwürdig alten, in der Majestät der Geschichte großen, halbverschlissenen, dunklen Bände des Talmuds und der „Ryschonim". Sie konnten in diesen Büchern lesen. Sie konnten in der Sprache dieser Bücher sprechen. Mit ihren großen Märchenaugen drangen sie in die Tiefen dieser B.ücher, und aus diesen Büchern sprachen sie mit lohen Feuerzungen. Aber ein herbes Wort über den Nächsten durfte ihnen nicht entgleiten. Die „böse Zunge", der Neid, das Mißtrauen, die Verleumdung, das törichte Protzen mit eigenen Tugenden, der Übermut des Bußpredigers für andere, die Zanksucht, die freudenbrausende Lust am Verketzern, die haßdurchglühte, racheschnaubende Parteileidenschaft waren ihnen fremd. Sie konnten nicht bäuerisch-stolz, protzenhaft-derb sein und Befehle im Kasernenstil erteilen. Der Thoraduft („Reach Thora") ist weich und fein, wie Binsenseide und Sonnenschein und Zephyrwind. „Dracheha darke. noam". Die Religion ist vor allem Moral, und die Moral ist vor allem Maßhalten und Selbstbeherrschung. Und ist man wirklich strenggläubig und zählt einfach die Gebote, so sieht man, daß jedes der obenerwähnten Laster gegen eine ganze Reihe der ursprünglichsten, geheiligtesten, grundlegenden Thorasatzungen verstößt! Ein Schwärm von teuflischen Jetzer-Hora-Spuckgeistern tollt in ihnen. Durch all ihre Formen flutet wechselnd stets der Strom der bösartigsten Sünde. Die grausen Aweiroth-Gespenster des „R'chiluth"» des „Syn'ath Chinam", des „Malschinuth" grinsen. Der verständnisvolle Talmudist hat psychologische Einsicht. Er weiß, daß wenn jemand auch manches gegen eine Vorschrift verbrach — so wird er es mit Gott und seinem Gewissen ausmachen. Er weiß, daß es „das Recht Gottes ist" die Menschen zu richten. Er weiß, daß, sollten Sünden dieser Kategorie gerügt werden, dies höchstens ein „Beth-din mussmach", ein autorisiertes Gericht tun könnte. Die dazu erforderliche Smicha-Auforisation existiert aber heutzutage nicht mehr. Er weiß ferner, daß, wäre ein „Bethdin mussmach" vorhanden, es nach einer bestimmt vorgeschriebenen Prozedur vorgehen müßte, bevor es irgendeine Anklage erheben, geschweige denn irgendein Urteil fällen darf. Er begreift, daß jedermann durch Lage und Verhältnisse zu Handlungen veranlaßt werden kann, die dem Buchstaben irgendeiner Vorschrift nicht entsprechen. Er' ist bescheiden und seiner eigenen Schwächen und Verstöße bewußt. Er sagt sich: „es gibt keinen Gerechten auf Erden, der nicht gesündigt", — und vernachlässigen die einen diese Vorschrift, so vernachlässigen die andern eine andere. Er hütet sich, in das falsche Pathos eines Bußpredigers zu verfallen, weil er sich sagt, daß das Zerren fremder Seelen, die Jagd nach vermeintlichen fremden Sünden, das gellende Ausbrüllen der angeblich geangelten Aweiroth, das Hetzen und Kreischen nach Rache bis zur „Iridah l'chaje chawero" und bis zur Brutalität, die den „Kwod ha-brijoth" mißachtet — tausendmal schwerere Verstöße gegen die Thora in sich bergen, als die fremden Sündensplitter. Rabbi Tarphon sagte: Es wundert mich, daß es in unserer Zeit einen gäbe, der das Recht hätte, als Strafprediger aufzutreten. Wohlgemerkt: Die Tanaitengeneration. Rabbi Tarphons mit ihren feurigen Glaubenssäulen hielt sich dazu nicht für berufen, — soll unser „verwaistes Geschlecht" sich anmaßen, dieses Recht auszuüben? „Waren die Altvordersten wie die Engel, so sind wir wie die Menschen usw." — sagten die Talmudisten. Und sollte man sich nach dem Spruch: Hocheach thochiach eth amithecha (Strafe deinen Nächsten) richten, so läuft man Gefahr, von einem Talmudkundigen den klassischen Zuruf zu hören: Schatja sch'pil l'seifa dikra! (Tor, lies die zweite Hälfte des Verses). Diese aber lautet: W'lo thissa alaw chet (Du darfst keine Anklage gegen ihn erheben). Ist letzteres nicht ein Thoraverbot, „ein Issur d' Oraitha"? Und wenn man diese Satzung mißachtet, begeht man nicht eine ebenso große Sünde, wie wenn man irgendeine andere Vorschrift ignoriert? Darf man sich die Gesetze nach Belieben wählen? Darf man sagen: schmuah su naah u-schmuah su lo naah (diese Lehre ist schön, jene aber nicht)? Ist nicht: „hewe ratz l'kala'h k'lachmurah" (Das Geringfügige sei dir ebenso wichtig wie das ganz Strenge) — ein Prinzip? Und übrigens ist nach den strengen talmudistischen Regeln obiges „w'lo thissa alaw chet" gar nicht geringfügig! Ist es ja ein MidoraTtha (Thora)-Verbot, das schwerer wiegt als die Myd'rabanan (talmudistische)-Verbote. -Denn, wenn hier auch nur eine Möglichkeit vorliegt, so ist es „spheka d'oraTtha", und muß im negativen Sinne „l'chumra" entschieden werden. So weit in bezug auf Handlungen. In bezug auf akademische Ansichten kennt das Judentum überhaupt keine Knebelung, keine Inquisition und keinen Index. Wir hatten in den Reihen unserer Lehrer grübelnde Gnostiker, Neoplatonisten, traumverlorene Mystiker, sehnsuchtsdurchglühte Kabbalisten, scharfe Aristoteliker — bis zum Chassidismus und zur „Haskalah". Es zuckten allerlei Geistesblitze, es fluteten allerlei Ideen, die verschiedenartigsten Richtungen und Stimmungen kamen zum Ausdruck. Darin besteht die Größe des Judentums. Unsere Denker gingen oft sonderen Ganges, sie strebten jedoch einem Ziele zu. Die einen reihten Bräuche an Bräuche als einen starren Formenpanzer um das Wesen des Judentums; die andern sorgten dafür, das es in den Tiefen dieses Wesens nicht kalt und tot werde, daß es keime und sprieße in allen Blüten und in allen Farben. Darum verurteilt und verdammt der jüdische Geistesaristokrat den Andersdenkenden nicht. Mit gleichen Geisteswaffen kämpft er gegen ihn. Er schreit nicht gleich nach Polizei. Trotz der Meinungsverschiedenheit fühlt er sich mit ihm eins im Zielbewußtsein. Wie sollte er ihn denn verketzern? Mit welchem Recht und aus welchem Grunde? Das Judentum würde ja in Trümmer gehen, würde der Aristoteliker den Kabbalisten und umgekehrt verketzern! Und sie waren doch unter uns, und sie werden doch immer sein! Waren Philo und Rabbi Akiba Gleichdenkende? Waren es Maimonides und Rabbi Abraham b. David der Zweite? Waren es Don Isaak Abarbanel und Rabbi Isaak Loria? Waren es der Wilnaer Gaon, Rabbi Israel Baal-Schern und Moses Mendelssohn? Und gehören sie nicht alle uns? Und wäre nicht unser Schrifttum,