Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 15 (10.4.1908)
- Date
- 1908-04-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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No. 15 DIE^ELT 9 KARL MARX IN DER JUDENGASSE (Aus dem „Raszwiet") Am 2. März sind 25 Jahre verflossen seit dem Tode Karl Marx, dessen Namen in den jüdischen Gassen nicht weniger populär ist, als die Namen unserer Nationalpoeten. und jüdischen Schriftsteller. Sombart erzählt, Karl Marx, der Sohn eines jüdischen Advokaten, der sich später getauft hat, wäre in einer Atmosphäre, die ganz von dem internationalen Geist durchdrungen war, erzogen; eine ungeheure geistige Tätigkeit charakterisiere sein Wesen: ein schonungsloser Kritiker, jeder Illusion fern, zeichne er sich durch außerordentliche Durchdringlichkeitin der Auffassung der psychologischen und geschichtlichen Zusammenhänge der Erscheinungen aus — hauptsächlich dort, wo die weniger edlen Motive die Grundlage bilden. Seinem Wesen nach läge es ihm nahe, sich Hegel anzuschließen, — daß die ganze Entwicklung des Menschengeschlechts durch das böse Prinzip bedingt ist. Marx ist der Typus eines jüdischen Denkers der Übergangsperiode. Alles zersetzende Kritik, das Vorherrschen des logischen Denkens, der kühlen Analyse, das Zurücktreten jeden Gefühls und „Illusion", eine große Dosis Pessimismus als Folge der Bodenlosigkeit und Abgeschiedenheit von jeder natürlichen Gruppe, — dies war das Erbe, das er vom Judentum erhielt. Er entnahm dem Judentum keinen einzigen Gedanken, keinen einzigen Strich seiner eigenen Lehre, erhielt aber von ihm die natürlichen Eigenschaften, die die Richtung seines großen Geistes bestimmt und ihm Kraft und Stärke verliehen haben. Marx, den typischen jüdischen Denker, retteten die normale Erziehung und materielle Versorgung vom Schicksal der Menge der kleinen „großen" Denker, fein aber fruchtlos Klügelnder und Kritisierender, witzig aber grundlos Räsonierender, derer es im Judentum so viele gibt. Marx besaß die jüdische Tiefe und Geisteskraft, jüdische „Illusionslosigkeit", jüdische Einseitigkeit und Mangel an Verständnis der ungreifbaren Seiten des menschlichen Lebens; gleichzeitig auch die jüdische Ungründlichkeit und Neigung, dort, wo es sich um einfache Kenntnis der Tatsachen handelt, aus reiner Vernunft zu räsonieren. Der letzte Zug kam am deutlichsten in seinen Erörterungen über die jüdische Frage zum Vorschein. Ich glaube, sein grenzenloser Haß gegen die Juden ist ebenfalls eine jüdische Eigenschaft. Marx entstammte den Juden und ist auch zu den Juden zurückgekehrt. Und er erschien in der jüdischen Gasse nicht als der große Denker, Philosoph und tiefe Kritiker des Kapitalismus, nicht als Vater des historischen Materialismus und Gründer des wissenschaftlichen Sozialismus der Gegenwart Er kam als ein Mahn der allerletzten Mode, als einer von der Art des Tschechowschen Hochzeitsgenerals, den man zwar wenig kennt, mit dem man aber gerne renommiert. Er kam als patentierte Berühmtheit, als erlauchter Gast, mit dem man sich gerne auf der Straße sehen läßt, mit dem wenig gesprochen wird, aber dessen Wille und Geschmack befriedigt werden muß. Durch die Strapazen der mühseligen Reise vom Rhein bis zum „Anstedelungsrayon" bereits genug entstellt, wurde dieser Gast durch den Wetteifer, allerseits ihn an sich zu ziehen, noch sich selber unähnlicher. Marx beherrschte die Geister mehr durch die Autorität als durch seine große Lehre. Und kaum hatte irgend ein anderer jüdischer Denker, ausgenommen seinerzeit Beseht, einen so weitgehenden Einfluß auf das geistige Leben der jüdischen Intelligenz, Halbintelligenz und sogar des einfachen Spießbürgers, wie Marx. Die Fetzen seiner Gedanken, zusammenhanglos und karikiert, verdrängten den Resch-Lokisch und Smolenskin, den Pisarew und Bielinski, — manchmal sogar den einfachen, gesunden Verstand und logisches Denken. Sein Porträt in billiger Ausgabe tritt an Stelle desjenigen von Montefiore und Baron Hirsch, — und sein Schatten irrte in den dunklen Winkeln der jüdischen Gasse, hier ermunternd, dort erschreckend. Und mit welchen Dingen mußte sich nicht der arme Marx, der in diesen unglückseligen „Ansiedelungsrayon" verfiel, befaßt. haben, mit Dingen, von denen ihm in der Heimat nie geträumt hatte. Anfangs sträubte er sich gegen die Emigrationsregelung, die er aber später gnädig bewilligte; er verhieß die Gleichberechtigung, kämpfte gegen die jüdische Organisierung- und endete zuletzt mit einer Konzession in der Form der kulturellen Autonomie. Er war für Uganda oder ein anderes, wenn auch noch unbekanntes Territorium, aber ein verzweifelter Gegner Palästinas. Er half den Angestellten, den Hausdienstboten und den übrigen Armen, ihren knappen Lohnzuschuß zu erzwingen, zerschlug die Fensterscheiben in den Läden und galt, endlich, als Führer-der Wahlkampagne. „Marx war der Zaddik des Ansiedelungsrayons." Dieser Ausdruck ist zwar banal geworden, er gibt aber treffend die Lage wieder. Ein Zaddik lehrt nicht, unterrichtet nicht, — er verkündet, er befiehlt. Und je weniger er verstanden wird, um so größer ist seine Macht. Der Zaddik erteilt Ratschläge in den verschiedensten Angelegenheiten sowohl materiellen als geistigen Charakters, vom Himmelreich bis zum Holzhandel, die Gutsverpachtung inbegriffen. Die Vertrauten umschwärmen ihn, nähren sich von seiner „schiraim" und erfahren manche seiner Gedanken durch den „Chojser". (Die Rolle eines solchen „Chojsers" führte bei Marx Karl Kautsky aus.) Und der große Schwärm der Anhänger erfährt auch diese Gedanken niemals. - Die alten Völker bestraften ihre Götter, wenn die letzteren kraftlos waren, ihnen den Sieg im Kampf, den Regen in der Dürrezeit, das Brot in der Hungersnot zu verschaffen; sie verweigerten ihren Göttern die Opfer, stürzten sie vom Piedestal und vertrieben sie aus dem Tempel. Nach verlorenem Kampfe haben unsere Marxanhänger ihn ähnlich behandelt. Denn Marx war für sie kein Denker, kein Gründer einer großen, obwohl einseitigen, wissenschaftlichen Schule, sondern ein Gott, schuldig, Wunder zu schaffen, Funktionen zu verrichten, die ihm fremd waren und an die er nie gedacht hat. Jetzt kehrten sie sich von ihm ab, da keine Wunder geschahen, da er keine göttlichen Funktionen verrichtete. Sie kannten ihn niemals, niemals wußten sie, wann er ihnen nahe war, und wissen es auch jetzt nicht, indem sie sich von ihm entfernen. Und Marx harrt noch immer seiner Anhänger in der jüdischen Gasse. Seine Ideen und wissenschaftlichen Gedanken sind noch bisher nicht entsprechend gewertet. Marx, als Denker, ist dem jüdischen Geist sehr nahe, sowohl nach seiner Geistesbeschaffenheit als der Feinheit der Analyse, seiner Tiefe und Schärfe.