Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 15 (10.4.1908)
- Date
- 1908-04-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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DIE^ELT No. 15 sogar eine zionistische Majorität in den Gemeinderat ein. Kein Wunder, nachdem die Juden die erdrückende Mehrheit der Bevölkerung bilden. Allein die bisherige Praxis verlangte den freiwilligen Verzicht der jüdischen Bevölkerung auf die Herrschaft zugunsten der kulturspendenden Polen. Ein zionistischer Gemeinderat in Podhajce, Herr Neu mann, will nun unmittelbar nach Beginn der Beratungen der Gemeindevertretung eine jüdische Rede halten, um der jüdischen Sprache die Anerkennung als „gemeindeübliche'* Verhandlungssprache, gleich der polnischen oder ruthenischen, zu erzwingen. Es ist etwa eine „direkte Aktion" für die Anerkennung der jüdischen Sprache, ebenso originell wie empfehlenswert. Wird die jüdische Sprache den ihr in den Verhandlungen des Gemeinderates gebührenden Platz und ihre Freiheit erkämpfen, so wird die Anerkennung der Landesüblichkeit nicht lange auf sich warten lassen. Es kommt, insbesondere in Österreich, auf das Präjudiz an. Als die Mitglieder des Jüdischen Klubs seinerzeit darauf verzichtet haben, bei der Leistung der Angelobung für die jüdische Sprache zu demonstrieren, wurde es nicht mit Unrecht von vielen Seiten bedauert. Wir halten daher die Anregung des Herrn Neu mann für ungemein wertvoll. Sollte sie auch bei andern Gelegenheiten als bei Gemeinderatswahlsiegen befolgt werden, so bedeutet das die Aufrollung der Frage der Anerkennung der jüdischen Sprache und infolgedessen auch der jüdischen Nationalität. Die polnischen Behörden scheinen sich sehr rechtzeitig gegen diese berechtigten Bestrebungen zur Wehr zu setzen. Nach . . preußischem Muster versuchen sie nunmehr den Gebrauch der jüdischen Sprache zu untersagen. Eine entsprechende Ergänzung der Verbole des Besuches von hebräischen Kursen für Mittelschüler. Bezüglich dieser Polizeistreiche der galizischen Freiheitshelden brachte Abg. Dr. Gabel eine Interpellation ein. Ebenso gedenkt der Jüdische Klub die „Anerkennung" der jüdischen Sprache bei der bevorstehenden Volkszählung zum Gegenstand einer Interpellation zu machen. Die Abgeordneten Sternberg-Stransky In einer der Sitzungen des Reichsrats, der das Rekrutenkontingent bewilligen soll, hielt Graf Sternberg eine seiner von „geistreichen Einfällen" strotzenden, das gesamte Parlament „frozzelnden Reden", in der es ihm einfiel, „Vater Radetzky" für die Czechen zu reklamieren. Darauf entspann sich folgendes, von der Intelligenz der Herren Volksvertreter Zeugnis ablegende, geschmackvolle Zwiegespräch: Abg. E. v. Stransky: Radetzky hat sich aber selbst als Deutscher bekannt! Abg. Graf Sternberg: Radetzky war gerade so ein Deutscher in seinem Ursprung, wie Sie ein Deutscher sind! Abg. E. v. Stransky: Wie Sie ein Czeche sind! Abg. Graf Sternberg: Lesen Sie Ihren eigenen deutschen Geschichtsschreiber Bachmann, und Sie werden sehen, daß meine Familie zu einer Zeit czechisch war, wo Ihre Vorfahren noch im Ghetto gesessen sind! Abg. E. v. Stransky: Das ist ein blöder Witz! Sie sind vielleicht eher ein Judenstämmling, nicht ich! Wenn Sie behaupten, daß meine Vorfahren Juden waren, so sind Sie ein infamer Verleumder! Präsident: Ich bitte doch, den Redner nicht zu unterbrechen, Herr Abg. v. Stranskv! .Sie kommen ohnehin bald zum Werte! (Heiterkeit.) In diesem Hause wurde freilich Tolstoi „ein alter Topf" genannt . . . _ Russischer Brief (Von unserem Berichterstatter) Die jüdische Volksbildung Ich erwähnte in meinem vorwöchentlichen Briefe, daß die Frage der Volksbildung in der Reichsduma behandelt wird und daß man auch vom jüdischen Standpunkte zu dieser Frage manches sagen könnte, ich habe sogar auf konkrete Dinge hingewiesen, die im höchsten Grade erörterungsfähig sein dürften. Nun hat einer unserer Deputierten, Herr Rechtsanwalt Friedmann, in diesem Sinne wirklich gesprochen. Er streifte kurz die Chedarimfrage. Die Zahl der Chedarim in Rußland beträgt 25000 auf je 200 Juden, oder auf 28 erwachsene Kinder entfällt ein Cheder. -Die Gesetze, die die Chedarim betreffen, sind widerspruchsvoll. Im eigentlichen Rußland ist es verboten, in den Chedarim den Unterricht der russischen Sprache zu erteilen; in Polen ist dieser Unterricht obligatorisch! Die Zahl der offiziellen („kazionnyje"j, kommunalen und privaten Elementarschulen beträgt im Ansiedlungsrayon kaum 800 und die Zahl der sie besuchenden jüdischen Kinder kaum 6000Ö, also nur '/io der Gesamtzahl der jüdischen Kinder. 'Diese Schulen werden nicht vom allgemeinen Staatssäckel, sondern aus den Einnahmen von zwei jüdischen Spezialsteuern (Koscherfleischsteuer, „Korotka" genannt, und Kerzensteuer) unterhalten; die jüdischen Lehrer sind der Rechte beraubt; von ihrem Gehalte werden 2"/o jährlich zugunsten einer Lehrerpensionskasse abgezogen, auf die jedoch sie selbst keine Ansprüche erheben dürfen, nur die christlichen Lehrer, die in jüdischen Schulen angestellt sind, haben ein Recht darauf. Für die Ausbildung von Schullehrern existiert nur ein einziges Lehrinstitut in Wilna. Die. Zahl der ihre Studien in diesem Institut absolvierenden Lehrerkändidaten ist bei weitem nicht hinreichend. Trotzdem ist die Zahl der lese- und schreibkundigen Juden, dank dem ihnen eigenen Wissensdrange, viel größer als die der Nichtjuden. Auch die Sabbatfrage ist verwickelt. Es existieren Ministerialerlasse, nach denen jüdische Schüler vom Schreiben am Sabbat und an Feiertagen dispensiert werden können, trotzdem verlangt das Schulkuratorium im Kiewer Lehrbezirk von den Eltern der in die Elementarschulen eintretenden Kinder eine Verpflichtung, daß die Kinder schreiben werden. All diese Erörterungen haben jedoch nur eine theoretische Bedeutung. Praktisch bleibt alles beim alten! Die dritte Duma ist ja dazu da, alles zu beschönigen. Aus Kiew wird berichtet, daß die Abfahrt der dreizehnten Partie jüdischer Emigranten nach Südamerika infolge der von dort eingelaufenen beunruhigenden Nachrichten über die herrschende Krise hinausgeschoben werden mußte. Der einzige jüdische Regierungsstadtarzt in Rußland ist gestorben. Er wurde infolge einer außerordentlich einflußreichen Protektion zu diesem Amte zugelassen. Sonst gibt es keine jüdischen Stadtärzte (mit Regierungspension) in Rußland, — nicht einmal in den jüdischen Städten des. Ansiedlungsrayons. Pogromgerichtsverhandlungen. Die Gerichtsverhandlungen wegen des im Oktober 1905 in Krementschug stattgehabten Pogroms, es war einer der blutigsten, endete mit der Verurteilung von zwei Rädelsführern zu achtmonatlicher Haft. Die Freunde der hebräischen Sprache haben, wie bereits früher mitgeteilt worden ist, in Petersburg einen Verein gegründet, der von den Behörden legalisiert worden ist In Moskau ist eine Abteilung dieses Vereins, begründet worden. Die Hebräophilen bemühen sich jetzt, in vielen andern Städten Abteilungen zu eröffnen, aber sie stoßen auf einen Widerstand seitens der kleinen Bureaukratie, die Zionismus darunter wittert. Baron Dawid Ginzburg hat daher die Prozedur für die Gründung der Abteilungen in der Presse kundgegeben. Ob aber trotzdem die Schwierigkeiten überwunden werden, ist noch sehr fraglich. Die „Russkoje Znamja" schlägt aus dem Jaffaer Polizeiübergriff Kapital für eine Pogrompropaganda in Rußland. Das übersteigt doch schon wirklich alle bisherigen Leistungen des Lügenblattes. Der Ausschluß der Juden aus den Semstwoverwaltungen wird in dem neuen Gesetzesprojekt, daß das Ministerium des Innern ausgearbeitet hat — „bis zu der endgültigen Lösung der Judenfrage", mit andern Worten „ad calaendas graecas" aufrechterhalten. Zur Austreibung der Juden aus dem Innern Rußlands wird aus Petersburg von einem ministeriellen Zirkular berichtet, nach dem die Austreibung im Winter oder bei ungünstigem Wetter nicht ausgeführt werden darf. Es ist dazu zu bemerken, daß schon im Jahre 18S9 ein solches Zirkular erlassen, aber seitdem unbeachtet geblieben ist. Die Gnadenakte Aus Lisitschansk (Göuv. Jekaterinoslaw) und aus Isidilow (Gouv. Tschernigow) wurden — aus ersterem Orte 23, aus letzterem 25 — jüdische Familien von den Ortsbehörden zum sofortigen Verlassen ihrer Wohnsitze aufgefordert. In letzterem Orte wohnen die Juden seit 15 Jahren. Der Dumaabgeordnete Rechtsanwalt Nisselowitsch erwirkte für die Isidilower Juden eine Sistierung des Austreibungsedikts „bis auf weiteres". Den Unglücklichen in Lisitschansk kann aber, wie das Ministerium in seiner diesbezüglichen Antwort erklärt hat, nicht geholfen werdenj weil sie sich dort erst vor kurzem angesiedelt haben. „Die Vorschriften, die den Ansiedlungsrayon betreffen; können nicht ohne weiteres aufgehoben werden" - lautet das „dictum acerbum" des Ministeriums. Es ist bezeichnend, daß ein Dumaabgeordneter sich jetzt mit typischem „Schtadlonus" (Verwendung bei den Behörden) beschäftigt. Noch vor kurzem galt dies als verpönt. Unerbittlich sind die Gesetze des Lebens. .Das Odessaer Echtrussenorgan hat eine neue Pogromkampagne eingeleitet. Es heißt, der dortige Generalgouverneur Tolmatschew habe von Anarchisten Drohbriefe erhalten — und „natürlich sind die Juden daran schuld".